Zypern
Eine Insel in den Startlöchern

Traumhafter Blick auf die Hafenstadt Kyrenia mit etwa 33.000 Einwohnern im Distrikt Girne im Norden Zyperns. Foto: shutterstock/kirill_makarov
Traumhafter Blick auf die Hafenstadt Kyrenia mit etwa 33.000 Einwohnern im Distrikt Girne im Norden Zyperns. Foto: shutterstock/kirill_makarov

Michalis Mosphylis hat einen Traum. Darin strömen viele ausländische Besucher in sein kleines Dörfchen Vasa Kilaniou im Hinterland Zyperns, wohnen in einem der hübsch restaurierten Appartements in Jahrhunderte alten Kalksandstein-Häusern, nehmen in der kleinen Taverne gutes Essen und zyprischen Wein zu sich und fahren anschließend rundum erholt wieder nach Hause. Soweit der Wunsch des Ortsvorstehers im Dörfchen mit gerade einmal 170 Einwohnern. Doch noch ist die Realität von seiner Vorstellung weit entfernt, denn wenn während der Sommermonate Touristen den Weg ins steinige und gleichzeitig grüne Troodos-Gebirge finden, dann sind es bislang ausschließlich Zyprer.

So wird das Wetter auf Zypern

Michalis Mosphylis kann das nicht wirklich nachvollziehen. „Die Menschen finden hier Ruhe, Erholung, eine tolle Landschaft, wir haben zwei Kellereien, und das Meer ist nicht weit weg“, sagt er. Sogar Rad fahren und wandern könne man hier; Wanderkarten oder Wegetafeln gebe es allerdings keine. Doch das, so findet der Dorfchef, sei doch nun wirklich nicht ganz so tragisch. „Immerhin leben hier keine wilden Tiere.“ So also hört sich zyprische Gelassenheit an.

Bis zu den 60er-Jahren war Vasa Kilaniou eines der größten Weindörfer der Insel, mehr als 150 Kinder lernten in der dorfeigenen und heute zum Museum umgebauten Schule fürs Leben. Doch irgendwann wurden es immer weniger Menschen, die hier oben leben wollten, und ihr Heil in den Städten suchten. Gerade einmal vier junge Familien wohnen heute noch hier, zahnlose alte Männer auf Plastikstühlen vor dem Kafeníon dominieren das Bild in den holprigen Gassen. Doch die Gemeinde tut mit der Unterstützung der EU seit einiger Zeit vieles, um Gäste anzulocken, und ist somit ein Paradebeispiel für das, was auf der drittgrößten Insel des Mittelmeers seit etwa einem Jahr überall passiert: Es wird kräftig gebaut, investiert und renoviert.

Von allem etwas

Schön soll es nach der verheerenden Finanzkrise im Frühjahr 2013 wieder sein auf dem Eiland, und zwar so schön, dass die ausländischen Touristen endlich wieder kommen und Zypern wahrnehmen als das, was es ist: eine urlaubstaugliche Insel mit pulsierenden Städten wie Paphos, Larnaca und Limassol, und auf der zum einen Party-Touristen an den Stränden wie etwa in Agía Nápa im Osten auf ihre Kosten kommen. Zum andern aber auch als eine Insel für all diejenigen, die Ruhe suchen und großen Wert auf türkisblaues und mehrfach ausgezeichnetes Wasser legen.

Denn das gibt es hier, zu bestaunen ist das etwa beim Stopp an dem berühmten Felsen, an dem die Schönheits- und Liebesgöttin Aphrodite der Sage nach einst dem Meer entstieg. Auch während einer Bootsfahrt in Begleitung des 52 Jahre alten Lee an das Cape Greko, den östlichsten Punkt Europas, meint man den Meeresboden durch das klare Wasser förmlich mit Händen greifen zu können. Der Brite lebt seit fünf Jahren hier und hat sich während seiner Urlaube in die Insel verliebt. „Hier hat man einfach alles: tolles Wasser, saubere Strände, und man findet hier die perfekte Mischung aus arabischer, spanischer, türkischer und griechischer Kultur“, sagt er.

Gladiatorenkämpfe und mythische Sagen

Tatsächlich birgt die 800.000 Einwohner zählende Insel zahllose Ausgrabungsstätten, die ein Zeugnis über die Herrschaft der einst hier lebenden Römer ablegen. Das berühmte Haus des Dionysus etwa mit seinen reich geschmückten Bodenmosaiken, die von heldenhaften Gladiatorenkämpfen und mythischen Sagen erzählen. Oder das Amphitheater am Haus des Kourion hoch über dem Meer, in dem die Fremdenführer ihren Besuchern die damalige Zeit in den schillerndsten Farben beschreiben.

Die griechischen Zyprer sind stolz auf ihre Insel, auch wenn in nahezu allen Gesprächen ein unverhohlener Frust darüber durchklingt, dass die Insel seit 1974 durch eine – allerdings offene - Grenze zweigeteilt ist und der Nordosten bis heute von den Türken „besetzt“ ist. Doch genau dies macht auch den Reiz aus: Während man im Südwesten fast meint, in Griechenland zu sein, dominiert im Nordosten eindeutig der arabische Lebensstil. Nicht für jeden öffnet sich Zypern auf den ersten Blick; durch den derzeitig herrschenden Umbruch ist vieles im Aufbau. Wen diese Emsigkeit aber nicht stört, und wer Lust auf eine Mischung aus Alt und Neu hat, sollte den etwa dreistündigen Flug aus Deutschland auf sich nehmen.

Claudia Bell, vom 19.09.2017 15:49 Uhr
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