Yoga-Wellness
Das Reich der Mitte in Bayern finden

Bayrischzell - der Schauplatz unseres Yoga-Abenteuers - ist der Traum von einem Dorf. Wie aus dem Bilderbuch – alte Kastanien, bemalte geranienumrankte Holzhäuser, gewaltige Bergkulisse. Foto: Claudia Schuh
Bayrischzell - der Schauplatz unseres Yoga-Abenteuers - ist der Traum von einem Dorf. Wie aus dem Bilderbuch – alte Kastanien, bemalte geranienumrankte Holzhäuser, gewaltige Bergkulisse. Foto: Claudia Schuh

„Dieser Yogaworkshop führt uns in die Gefühle des Herzens, erlaubt uns die Sehnsucht des Herzens wahrzunehmen und Frieden mit uns selbst zu schließen“, stand auf der Homepage des Veranstalters von Yoga-Reisen. Vor meinem geistigen Auge sah ich eine Runde esoterischer Hausfrauen auf der Blümchenwiese „ohmmmmmmmmm“ singen und sich hinterher bei Mutter Erde entschuldigen, dass sie das Gras plattgedrückt haben. „So ein Yoga-Retreat musst du machen,“ riet eine Freundin, sonst ein sehr vernünftiger Mensch. „Das ist su-per!“ Ja dann, dachte ich. Für super bin ich immer zu haben.

Retreat bedeutet auf Englisch Rückzug und Ruhepause. In einem Yoga Retreat gibt es unter Gleichgesinnten Yogastunden und ein gesundes, meist vegetarisches Essen. Das Angebot von "Yoga deluxe" klingt für alle, die mal Lust auf Entspannungsübungen außerhalb der stickigen Großstadt-Turnhalle haben, äußert charmant: Nach dem alten Goethe-Prinzip („Warum denn in die Ferne schweifen?“) gibt es statt im fernen Indien Kurse ums Eck. Zum Beispiel in den bayrischen Bergen im Tannerhof in Bayrischzell.

Durchs Zimmerfenster schaut der Wendelstein herein

Bayrischzell ist der Traum von einem Dorf. Wie aus dem Bilderbuch – alte Kastanien, bemalte geranienumrankte Holzhäuser, gewaltige Bergkulisse. Gleich beim Einchecken denke ich: Hierher komme ich wieder! Der Tannerhof – ein Dorf im Dorf mit vielen modernen Wohnhütten – ist eine Entdeckung. Einst Kurklinik und Sanatorium, ist der Hof heute in der vierten Ärzte-Generation, für mehr als sechs Millionen Euro zu einem Wellness-Hotel der Spitzenklasse umgebaut worden, ohne dabei das Familiär-Persönliche einzubüßen. Mein Zimmer, ein einfaches „Kammerl“, besteht aus einem Zirbenholzbett, Schreibtisch, Stuhl, Schrank. Reduziert und nett. Dafür Bio-Shampoo im Bad und drei Fenster mit Bergblick. Durch eines sehe ich den majestätischen Wendelstein. Es herrscht Stille – außer zirpen, muhen und dem Lüftchen, das weht.

Ich liege mit fremden Leuten auf der Matte

Vor der ersten Yoga-Stunde am Abend döse ich im Garten. Plötzlich kommen ein paar Enten schnatternd angewatschelt und umrunden mit durchgestreckten Hälsen die Liege. Ja wo kommen denn die jetzt plötzlich her? Kurz danach liege ich wieder. Dann mit zehn anderen Frauen und drei Männern, alles fremde Leute, auf der Matte. Unsere Lehrerin, Tanja Seehofer, erklärt uns kurz, was uns die nächsten Tage erwartet: morgens und abends Yoga, je eineinhalb Stunden. Es gehe um „Asanapraxis, Pranayama und Meditation.“ Der morgendliche „Yang Flow“ bringe uns „Kraft und Beweglichkeit für den Tag“. Der abendlich „Yin Flow“ helfe uns zu regenerieren und den Abbau von toxischen Gewebeablagerungen zu fördern. Einmal gebe es mittags einen achtsamen Yogawalk, der schärfe die Sinne. Noch höre ich gut. Sie drückt den Knopf auf ihrer Anlage: Erst erklingen buddhistische Mönchsgesänge, dann Schamanentrommeln.

So wird das Wetter in Bayern

Ich drücke mich fester auf die Matte. Meine Nackenmuskeln verkrampfen. Oh Gott. Yin, Yang? Asana? Pranayama? Wo bin ich denn hier gelandet? Dass das eine körperliche Übung, das andere Atemtechnik bedeutet, lerne ich erst beim Abendessen. Denn einige sind Profi in Sachen Yoga-Reisen. Sogar eine Yoga-Lehrerin aus München ist mit von der Partie. Der Rest: Frauen im mittleren Lebensalter, allesamt mit tollen Jobs und wenig Zeit für sich. Sie alle wollen sich bewusst eine Auszeit nehmen. Sympathisch: Viele können so wenig wie ich Handstand und Kopfstand. In der Gruppe outet sich ein älteres Pärchen als Anfänger. „Wir haben in unserem ganzen Leben noch nie Yoga gemacht.“

Der "herabschauende Hund" öffnet das Herz

Meine Nackenmuskeln entspannen. Ich bekomme allmählich Lust auf dieses Abenteuer. Dann geht’s los: Neben Sonnengruß und herabschauendem Hund, was man so kennt, gibt es viele Übungen, die das Herz öffnen. „Herz und Verstand vereinen“, lautet das Motto dieser Reise. Wir machen Vor- und Rückbeugen, Drehungen und halten jede Position sehr lange, mindestens eineinhalb Minuten. Das ist das Prinzip des weichen Yin-Yogas. Mein T-Shirt klebt wie beim 1000-Meter-Lauf bei 30 Grad. Schwitzen die anderen auch so? Mein Blick schweift nach links und rechts. „Konzentriert euch auf euch. Findet eure Mitte“, ermahnt die Lehrerin.

Ich bin ein schwankender Baum - ein Tornado hat mich am Wickel

Ich merke schnell wann ich an meine körperlichen Grenzen stoße. Zum Beispiel auf einem Bein stehend, beim „Baum“ , wo man die Hände vor der Brust gefaltet, die Augen geschlossen hält. „Der Körper wird zur Metapher für die wesentlichen, aber schwer zu fassenden Seiten des Lebens,“ sagt Tanja. Ich als Baume schwanke, als fege gerade ein Tornado hinweg. Gedanken bringen den Alltag zurück, kreisen, rütteln am Körper. „Lasst Wackeln zu“, sagt Tanja. Ich lasse gar nichts zu. „ Ihr müsst Eure innere Mitte finden.“ Wut kommt hoch. „Atmet in jede einzelne Zelle hinein.“ Ich schnaufe hörbar durch die Nase.

Nach drei Tagen sind die Muskeln verkatert, aber der Kopf ist frei. Die Übungen sind sanft und effektiv. Zwischen den Yogaklassen bleibt Zeit für Spaziergänge, Saunieren, in der Sonne dösen – und E-Mails checken. Am letzten Morgen liegen wir wieder auf der Matte – bei geöffnetem Fenster. Kuhglockengeräusche im Ohr. Sonne im Gesicht. Wind auf der Haut. Wir machen wieder Übungen im Brust-Bereich. Eine Klangschale erklingt zum Ende hin. Wir gehen nach draußen, sollen an unseren Herzenswunsch denken. 14 Leute stehen in Yogaklamotten auf der Kuhwiese und starren auf ihre Wunderkerzen in der Hand und grinsen erleuchtet.

Zufällig läuft ein junger Mann in weißem Bademantel vorbei, von der Sauna hoch zu seiner Hütte. Er guckt kurz verdutzt her. Dann schnell weg. Soll er doch denken: Was für eine Eso-Truppe. Hat der eine Ahnung! Yoga ist einfach nur toll – für Körper und Geist.

An körperliche Grenzen stoßen, geht hier:

Yoga deluxe: Inzwischen bietet Gründerin Claudia Müller-Ostenried, eine Allgäuerin, im Jahr über 80 Yoga-Kurzreisen (2-5 Tage) in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien an. Der nächste Kurs im Tannerhof (12./13.-15.09) findet mit ihr persönlich statt. Preise: Zwei-Tagesworkshop (acht Stunden Yoga) ab 199 Euro, drei Tage (elf Stunden Yoga) 259,00 Euro. Nähere Infos: www.yogadeluxe.com.

Bio-Hotel Tannerhof: Kein TV, viel Natur: Der Tannerhof versteht sich als „Versteck in den Bergen“ für Gesundheitsurlauber. Ein Dutzend Gebäude verteilen sich auf einem 17 Hektar großen Grundstück, es gibt 60 Zimmer von der kleinen Kammer bis zum Designzimmer. Kinder sind sehr willkommen. Die Bio-Küche ist hervorragend. Bayrischzell, www.tannerhof.de; Zimmer mit HP ab 105 Euro.

Claudia Schuh, vom 12.09.2013 04:09 Uhr
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