Westschweden
Inselträume aus Granit

Die Schärengärten vor Göteborg erkundet man am besten beim Inselhüpfen mit Fährboot und Fahrrad. Foto: shutterstock/chrisjohnsson
Die Schärengärten vor Göteborg erkundet man am besten beim Inselhüpfen mit Fährboot und Fahrrad. Foto: shutterstock/chrisjohnsson

Der Abschied vom Festland macht Spaß: erst mal einen Teller frische Krabben verputzen auf dem historischen Viermaster „Barken Viking“, der heute als Museumsschiff im einstigen Werftviertel von Göteborg parkt und völlig still hält. Derart gestärkt, steigt man um auf die „M/S Erik“, die – Baujahr 1881 – noch älter, aber keinesfalls museumsreif ist und sich flott durch die westschwedischen Schären bewegt. Ob das ein Vergnügen wird, angesichts von Sprühregen aus hellgrauem Himmel bei Dauerwellen auf mittelgrauem Meer?

So wird das Wetter

Kaum ist Göteborg zur fernen Idee geschrumpft, legt jemand den Schalter um von Nieselgrau auf Sommerfrische. Jetzt wärmt die Sonne, die salzige Brise schmeckt nach Abenteuer, und das Meer changiert in den schönsten Blau- und Grüntönen. Inseln ziehen vorbei, große, kleine, bewohnte und menschenleere. An einer der schönsten, so verspricht Martin Hedlund von der „M/S Erik“, stoppt das Schiff. Landgang auf dem 300 mal 300 Meter kleinen Doppelinselchen Källö-Knippla, dessen Bewohnerzahl sich im Sommer auf knapp 1000 verdreifacht. Ein Ferienhäuschen hier gilt als schick, dafür blättert man freilich nicht unter 250 000 Euro hin, Tendenz steigend. Als alle das Idyll abgelichtet und Hedlunds kleiner Geschichtsstunde gelauscht haben, nimmt das Schiff wieder Fahrt auf, zur Insel Marstrand.

Segelhafen mit buntem Mastenmikado

Schon von Weitem grüßt die mächtige Festung Carlsten, der die bildhübsche Stadt Marstrand zu Füßen liegt. Hinter dem beliebten Segelhafen mit buntem Mastenmikado kommen prächtige, helle Häuser aus dem vorletzten Jahrhundert zum Vorschein. Dazwischen führen breite Gassen mit Kopfsteinpflaster zu üppigen Gärten, kleinen Läden, Cafés und Restaurants. Hier gefiel es dem schwedischen König Oskar II. so gut, dass er 1892 ein Grandhotel bauen ließ. Das soll er aber viel seltener genutzt haben als den benachbarten Tennisplatz – Schwedens ersten – und das dazu passende Clubhaus.

Anders Palsson, Restaurantmanager im Grandhotel, hat bereits Bekanntschaft mit dem Inselgeist gemacht. „Jemand saß oben am Fort Carlsten. Als ich hingekommen bin, war er weg. Und als ich das erzählte, nickten alle wissend und sagten, das geht jedem Neuen auf der Insel so . . .“, erzählt er. Hugo, der Hüter der Festungsanlage, die viele Jahre ein Gefängnis war, weiß um das Phänomen. „1810 saß hier eine Frau, die einzige, in Einzelhaft. Nach Jahren der Folter gestand sie, ihren Mann und ihre Kinder umgebracht zu haben. Doch vermutlich war sie unschuldig und ihre Seele geistert nun herum“, sagt er.

Gefangen in Carlsten

Wie hart die Bedingungen für die Sträflinge waren, sieht man in den engen, meist überfüllten Zellen und in der Folterkammer mit Ketten, Zangen und Äxten, Hand- und Fußschellen. Bis zu 250 Gefangene lebten hier, denn sie mussten die Festung bauen. Als die Insel 1558 schwedisch wurde, sollte in Mar­strand die Marine stationiert werden, denn dank heftiger Strömungen vereist das Meer nicht. Für die Festung ließ König Karl Steine vom Festland heranschaffen und für den Transport und die Verarbeitung rekrutierte man Strafgefangene. Nur wenn sie arbeiteten, bekamen sie Geld für Nahrung und Holz zum Heizen. Der Bau der Anlage mit ihren bis zu 16 Meter dicken Mauern dauerte 202 Jahre. Bis 1990 wurde die Festung militärisch genutzt, denn während des Kalten Krieges war hier ein wichtiger Stützpunkt zwischen Ost und West. Heute wird ein Teil als Hotel genutzt.

Nach den dunklen Verliesen freut man sich an der frischen Seeluft, die der Bootstrip nach Tjörn reichlich beschert. Steuerfrau Annika kreuzt seit vielen Jahren durchs Archipel und kennt jedes der zahlreichen Inselchen und die meisten ihrer Bewohner. Åstol zum Beispiel, ein von der Natur perfekt geformtes Eiland in Hufeisenform. Im Naturhafen liegen die 20 Fischerboote der Insel, an die felsigen Hügel schmiegen sich die rot-weißen Holzhäuser der 150 Einwohner, und Autos braucht hier kein Mensch. Mit ihrer Geschichte zur Insel bringt Annika alle zum Lachen: „Auf Åstol wurde einmal eine alte Fischerwitwe vom Fernsehen interviewt. Man fragte sie, wie sie es denn ausgehalten habe, wenn ihr Mann elf Monate im Jahr auf See war. Ihre Antwort lautete: Ach, der eine Monat ging auch vorbei.“

Ann-Kathrin Schröppel, vom 18.10.2017 08:29 Uhr
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