Weimar und der Dichterfürst
Für Goethe ging es um die Wurst

Auf Thüringer Bratwurst stehen die Touristen aus aller Herren Länder. Auch schon Goethe liebte sie. Quelle: Unbekannt
Auf Thüringer Bratwurst stehen die Touristen aus aller Herren Länder. Auch schon Goethe liebte sie. Quelle: Unbekannt

Es goethelt gewaltig: Goethe T-Shirt, Goethe Bag, Goethe Büste, Goethe Leuchte, Goethe Tasse, Goethe Handpuppe, ja sogar ein Schild "Goethe war hier - nie" wartet auf Käufer. Dass der alte Dichterfürst auch ein paar Bücher hinterlassen hat, kümmert die wenigsten Besucher im proppevollen Souvenirshop beim Weimarer Goethehaus. Ein in Fernost gefertigtes Hemd mit der Nase des deutschen Genies ist für Touristen aus Japan oder den USA eben ein modernes Mitbringsel. Und wesentlich leichter im Koffer zu verstauen als der komplette "Faust". Die Kassen im überfüllten Laden schnurren jedenfalls zufrieden vor sich hin und der Kitschhändler flüstert augenzwinkernd: "Wenn sowas gekauft wird, mir soll es recht sein".

Der "Schattelbus" zum Flughafen

Ja, der Thüringer ist eine besondere Marke und geschäftstüchtig. Vor der Tür steht ein Flughafenzubringer. Überall anders wäre wohl ein klingender Name wie "VIP-Airporter" auflackiert. Der Weimarer schreibt "Schattelbus" darauf und hat die Lacher auf seiner Seite. Auch die Horde Schüler, die wie unzählige zuvor ihren Jahresausflug in die Kulturstadt Europas macht, hat Grund zum Feixen. Vor dem markanten Goethe-Schiller-Denkmal am Theaterplatz knipst eine kulturbeflissene "Ü 70"-Gruppe aus allen Perspektiven ihre letzten Rollfilme leer. Nur draufgeklettert ist dann doch keiner.

Ein paar Straßen daneben, auf dem städtischen Marktplatz, darf weitergeschmunzelt werden. Eine überdimensionale Thüringer Bratwurst im Brötchen wirbt für das kulinarische Weimar - oder so. Dass das mit Senf garnierte Teil drei Euro kostet und was drin sein soll, darüber klären Schilder in fast allen Weltsprachen auf. Wie gesagt, einen Riecher fürs Geschäft haben sie, die Goethestädter. Der Geheimrat selbst sei ausgewiesener Wurstfan gewesen, versichert der Herr am Grill. Quatsch? Von wegen! Es stimmt tatsächlich.

So wird das Wetter in Weimar

Der Herr Goethe und die Bratwurst – das ist wirklich eine Geschichte für sich. In der Biografie des Meisters spielt Gebratenes eine wichtige Rolle. Noch 1829 – also fast schon auf dem Sterbebette in jenem winzig kleinen Raum im heutigen Goethehaus gedenkt der weit gereiste Gourmet einer Begegnung in Nürnberg mit jenen „Bratwürstchen, welche dort so vorzüglich gut gefertiget werden ... mit Majoran gewürzt und ein wenig geräuchert“. Folgt man den "belegten" Würsten in Goethes Werken, das heißt den in der Weimarer Werkausgabe nachweisbaren Belegen für sein Wurtsfaible, so häufen sich diese auffällig in den über 1700 Briefen an seine enge Freundin Charlotte von Stein.

Zu keiner anderen Zeit und in keinem anderen Text spricht der Dichter so häufig von schmackhaften Würsten. Das untermauert die Vermutung, dass sich beim König der Wörter in Weimar ein tiefer biografischer Einschnitt vollzieht. Wenn man so will und lokalpatriotisch denkt, findet just zu jener Zeit gewissermaßen Goethes Schritt vom Frankfurter Würstchen zur Thüringer Bratwurst statt. Die Thüringer Rostbratwurst war damals und ist bis heute ein Klassiker. Sie wird 1669 in der Literatur von Grimmelshausens "Simplizissimus" literarisch gelobt. Die älteste urkundliche Erwähnung findet sich aus dem Jahr 1404: "1 gr vor darme czu brotwurstin" - ein Groschen für Bratwurstdärme. Entsprechend wichtig war es den Thüringern, dass ihre Rostbratwurst zu mindestens 51 Prozent aus regionalen Zutaten bestehen musste - bis 2011 zumindest. Da nämlich meldeten sich die Beamten der Europäischen Union mit Verordnung (EG) Nr. 510/2006 und schafften die 51-Prozent-Regel ab. Begründung: "Die Eigenschaften oder das Ansehen des Produktes hängen nicht davon ab, dass ein Teil der verwendeten Rohstoffe aus der Region kommt." War den Thüringern letztlich wurst, denn sie wursteln auch heute noch so lecker weiter wie zu Goethes Zeiten. Und strafen den heimischen Dichter Rainald Grebe Lügen, der über eine besondere Form der "Hot Dogs" ironisch schreibt: "Im Thüringer Wald, da essen sie noch Hunde nach altem Rezept zur winterkalten Stunde, denn der Weg zum nächsten Konsum ist so weit zur Winterszeit ..."

Zum Gucken gibt es reichlich in Weimar

Wer von den über drei Millionen Besuchern jährlich vielleicht doch nicht nur auf Goethe und die Bratwurst abfährt, dem bietet das Unesco Weltkulturerbe einen bunten Strauß an Sehenwürdigkeiten. Stadtschloß, Schloß Belvedere, Parks und Kirchen, das Bauhausmuseum, die Herzogin-Amalia-Bibliothek, Schillers Wohnhaus, Liszts Gartenlaube oder das Deutsche Bienenmuseum. Zum Gucken gibt es reichlich, aber nicht, ohne der Vermarktung des Großmeisters der Literatur ständig über den Weg zu laufen. Im überschaubaren, 65.000 Einwohner zählenden Kleinod Weimar gibt's wirklich ein Goethe-Kaufhaus mit Artiekln für den täglichen Gebrauch. Wie erwähnt, es goethelt eben gewaltig rund ums Kulturwelterbe.

Wolf H. Goldschmitt, vom 19.05.2015 05:13 Uhr
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