Tschechien
Der Böhmerwald

„Selbst die Römer kamen nicht über das Sumava-Gebirge, das wie eine Mauer wirkte mit seinem dichten, dunklen Wald, den wilden Tieren und den gefährlichen Mooren“, erzählt Hirič, der Fremdenführer. Foto: shutterstock/jaroslava V
„Selbst die Römer kamen nicht über das Sumava-Gebirge, das wie eine Mauer wirkte mit seinem dichten, dunklen Wald, den wilden Tieren und den gefährlichen Mooren“, erzählt Hirič, der Fremdenführer. Foto: shutterstock/jaroslava V

Bäume, Bäume, Bäume. Egal, wohin Dalibor Hirič zeigt, hier gibt es nur Bäume. Buchen, Tannen, Fichten. Der Böhmerwald macht seinem Ruf als einst undurchdringliche Wildnis alle Ehre. „Selbst die Römer kamen nicht über das Sumava-Gebirge, das wie eine Mauer wirkte mit seinem dichten, dunklen Wald, den wilden Tieren und den gefährlichen Mooren“, erzählt Hirič, der Fremdenführer. Was schon immer eine natürliche Grenze zwischen zwei Ländern bildete, trennte zeitweise ganze Welten, denn hier ragte der Eiserne Vorhang in die Höhe. Dass der Grenzkamm zu Bayern baumlos und daher sichtbar ist, liegt an Kyrill, dem Orkan, der die Fichten knickte wie Streichhölzer.

So wird das Wetter

Kahle, tote Baumskelette recken sich in den blauen Himmel – da hat der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet, wie Hirič an einem Stück Rinde demonstriert. Es ist durchlöchert wie ein Sieb, auf der Rückseite sieht man die Fresskanäle der Käfer. Zwischen den Baumresten versprechen üppige Heidelbeerbüsche leckere Ernte. Überall sprießt frisches Grün: Durch die Baumgerippe fällt genug Licht, das Totholz am Boden bietet Nahrung, und Wasser hat der niederschlagsreiche Böhmerwald genug. „Biodiversität“ nennen die Hüter des Nationalparks, der sich dies- und jenseits der deutsch-tschechischen Grenze erstreckt, das Chaos im Wald. Er darf hier natürlich wachsen –  und vergehen.

Kein Leben im Teufelsee

Überraschend öffnet sich eine Lichtung und der Teufelsee taucht auf. Seinen Namen bekam der 30 Meter tiefe See, weil in dem Wasser fast nichts lebt. Das konnten sich die Menschen nur durch den Einfluss des Teufels erklären. Tatsächlich liegt es daran, dass der See durch den Rückzug eines Gletschers entstand, der eine Senke hinterließ, die sich mit Regenwasser füllte und bis heute füllt. Für Vladěna Tesařová ist die Waldeinsamkeit eine Art Elixier. Die Prager Glaskünstlerin verbringt rund die Hälfte des Jahres im Dörfchen Dobrá Voda, wo die Kirche des Nationalheiligen Gunther steht. Der gilt zwar den Oberen in Rom nur als selig, weil er nicht genug Wunder wirkte. Den Tschechen aber ist „ihr“ Gunther heilig, denn der einstige Lebemann wurde zum frommen Mönch und gründete im 11. Jahrhundert ein Kloster.

Die Kirche in Dobrá Voda steht nur deshalb noch, weil die Kommunisten sie als Munitionslager nutzten. Mit deutscher Hilfe wurde sie nach 1991 renoviert. „Als ich zum ersten Mal in diese leere Kirche kam, wusste ich, da muss etwas hinein“, sagt Vladěna Tesařová. Und da ihr Material das Glas und ihr Thema sakrale Kunst ist, schuf sie aus grünlichem Glas einen Altar, ein Krippenbild, Wandbilder und eine Statur des heiligen Gunther. Die Künstlerin gießt das Glas bei 1500 Grad in Gipsformen, danach setzt sie die Einzelteile zusammen. Ihr Atelier liegt mitten „im Herzen der Schöpfung“, sagt Tesařová.

Dörfer durch Panzer zerstört

So einsam, wie der Böhmerwald wirkt, war er nicht immer. Das zeigt eine Ausstellung über die „verschwundenen Dörfer“ in der Bergsynagoge von Hartmanice. 450 Dörfer wurden zerstört, um das Grenzgebiet zu sichern. „Die Militärs nahmen sie als Ziel für Panzerübungen“, weiß Martin Lorenz, der Museum und Synagoge betreut. Vorher-nachher-Fotos zeigen Festzüge, Marktszenen und bäuerliches Leben aus den 1920er und 1930er Jahren. Auf aktuellen Fotos sieht man Ruinen und Straßen ins Nirgendwo. In Hartmanice erahnt man die einstige Pracht der 1219 gegründeten königlich- freien Bergstadt: Breite Straßen, großzügige Plätze und stattliche Häuser wirken  verlassen  und überdimensioniert.

Bettina Bernhard, vom 01.08.2017 11:14 Uhr
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