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Titanic
Unsinkbarer Mythos

Das Titanic Museum in Belfast zieht viele Besucher an. Foto: Titanic Museum
Das Titanic Museum in Belfast zieht viele Besucher an. Foto: Titanic Museum

Steil und schroff ragt das Gebäude in die Höhe. Elf Stockwerke oder umgerechnet 38,5 Meter hoch, genau wie die „Titanic“. Die eckige Form soll die Spitze eines Schiffsbugs darstellen. Weil die mit 3000 silbrig glänzenden Aluminiumplatten verkleidete Fassade geheimnisvoll schimmert, fühlen sich die meisten aber eher an einen Eisberg erinnert. Am Rande von Belfast, auf dem ehemaligen Gelände der Werft Harland & Wolff, hat man dem wohl berühmtesten Schiff der Welt ein Museum errichtet.

Den Namen „Titanic“ kennt fast jedes Kind. Die meisten Menschen wissen auch, dass das Schiff von Southampton nach New York unterwegs war. Allgemein bekannt ist, dass die Jungfernfahrt durch die Kollision mit einem Eisberg im Nordatlantik ein unheilvolles Ende nahm – über 1500 Menschen starben. Doch nur Schiffsfans sind darüber informiert, dass die „Titanic“ aus Belfast kam.

Paradoxer Trubel um ein Unglück

Direkt neben der Stelle, an der heute das Museum steht, wurde der Luxusliner zwischen 1909 und 1912 entworfen und gebaut. „Genau hier hat sie gestanden, bevor sie am 31. Mai 1911 zu Wasser gelassen wurde. Exakt 62 Sekunden hat der Stapellauf gedauert“, erzählt Ellen Fitzsimons, die als Gästeführerin im Museum arbeitet. Wie die meisten Menschen, die hierher an den Stadtrand von Belfast kommen, ist sie fasziniert von der „Titanic“. Eine paradoxe Sache. Warum dieser Trubel um ein Unglück?

Vielleicht, weil die drehbuchreife Geschichte der „Titanic“ nach dem Muster einer griechischen Tragödie gestrickt ist: Hybris, Nemesis, Katharsis. Hochmut, Fall und Läuterung. Das Schiff rauschte mit Vollgas durch gefährliche Gewässer, weil man der Technik blind vertraute. Eine Verquickung aus Übermut, menschlichem Versagen und Pech führte zur Katastrophe. Die Ereignisse jener verhängnisvollen Nacht sind zigfach untersucht, aufgeschrieben, verfilmt worden. Viele Facetten berühren noch heute. Etwa, wie viele Menschen an Bord trotz der Gewissheit ihres nahen Todes unbeirrt ihre Pflicht taten: die Heizer, die bis zuletzt für Strom und Licht sorgten; die Kapelle, die stur weiterspielte, um die Leute zu beruhigen. Oder dass einige Frauen lieber gemeinsam mit ihren Männern starben, als allein gerettet zu werden. Dass die Überlebenden, die von der zu Hilfe eilenden „Carpathia“ an Bord genommen wurden, kurioserweise sehr korrekt gekleidet waren, mit Hut oder Tweed-Sportmütze.

Der Stolz der Stadt liegt am Meeresboden

Die Phase der Läuterung nach der Katastrophe dauerte in Belfast lange. Über Jahrzehnte wurde die „Titanic“ ausgeblendet. Zu groß die Schmach, zu tief der Schmerz. Der Stolz der Stadt lag in 3840 Meter Tiefe am Meeresboden, 370 Meilen vor der Küste Neufundlands. Doch man schwieg nicht nur aus verletzter Eitelkeit. Viele Belfaster waren betroffen, sie hatten Angehörige und Freunde verloren und trauerten still. Wer Erinnerungs­stücke besaß, vernichtete diese zumeist.

Doch die Zeit heilt alle Wunden. Heute heißt es daher trotzig: „She was alright when she left.“ Diesen Satz hört man in Belfast oft. „Die Titanic war in Ordnung, als sie Belfast verließ“, sagt auch Ellen Fitzsimons. „Wir Nordiren können nichts dafür, dass die Geschichte nicht gut ausgegangen ist.“ Sie spielt darauf an, dass Kapitän Edward Smith Engländer war.

Die Ausstellung würdigt die Leistung der Ingenieure

Das Museum hält keine Dinge bereit, die vom Meeresgrund geborgen worden sind. Es würdigt vor allem die Ingenieurleistung des seinerzeit größten Schiffes der Welt. Eine interaktive Ausstellung versetzt ihre Besucher in ein goldenes Zeitalter. Um 1900 war Belfast eine der aufstrebenden Metropolen des britischen Empire, prosperierendes Zentrum des Schiffsbaus und der Leinenherstellung. Bei der Werft Harland & Wolff – Mitbegründer Gustav Wolff kam übrigens aus Dessau – standen 15 000 Menschen in Lohn und Brot. In den harten Alltag der Werftarbeiter entführt eine Fahrt mit einer Gondel, die durch ein nachgebautes Dock schwebt. Die Dunkelheit wird erhellt vom Schein rot glühender Eisen. Hier werden Nieten hergestellt, die den Schiffsrumpf zusammenhalten. Man hört Hammerschläge, Sägen kreischen, Winden quietschen, Funken sprühen, Männer rufen. In weiteren Räumen gibt es Einblicke in originalgetreu nachgebaute Kabinen und in Rettungsboote. Auf begehbaren Bildschirmen erhascht man einen Blick auf das Wrack.

Zum Angebot des Museums gehört auch eine geführte Entdeckungstour über das Außengelände. Die frei zugängliche Anlage könnte man auch einfach auf eigene Faust erkunden. Aber dann würde man womöglich achtlos über manches hinweggehen, was im Boden versteckt liegt. Eine Landkarte von Nordeuropa zum Beispiel, in der die Route der Titanic als Metallband eingezeichnet ist.

Spaziergang auf den Umrissen des Promenadendecks

Ellen Fitzsimons erklärt, dass die rostigen Eisenstangen genau die Umrisse der einstigen Werfthalle markieren. Hier wurden die „Titanic“ und ihre Schwesterschiffe „Olympic“ und „Britannic“ gebaut. Dahinter liegen die Slipways, über die das Schiff beim Stapellauf ins Wasser rutschte. In den 70er Jahren wurde der Bereich als Parkplatz genutzt. Heute sieht man die Umrisse des Promenadendecks der Titanic in Originalgröße. Genau an den Stellen, wo es Bänke gab, kann man sich auch hier auf eine Bank setzen.

Die „Titanic“ war Schiff Nummer 401 in der Geschichte von Harland & Wolff. 46 000 Tonnen schwer, 269 Meter lang. Ein Meisterstück des Schiffsbaus und Relikt einer längst vergangenen Zeit. Mitte des 20. Jahrhunderts ging es mit der Branche bergab. Dazu brach der Nordirlandkonflikt aus. Belfast stand nun nicht mehr für Fortschritt und Technik, sondern für Gewalt, Bomben, Arbeitslosigkeit. Ermutigt vom Trubel um den Fund des Wracks 1986 und um den Hollywood-Film 1997 nahm die nordirische Hauptstadt sich der „Titanic“ an. Pünktlich zum 100. Jahrestag des Unglücks 2012 wurde das Museum errichtet. Ein voller Erfolg – vergleichbar mit dem Effekt, den Frank O. Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao erzielte. Die Stadt hat ein neues Wahrzeichen, dass sich binnen kürzester Zeit zum Publikumsmagneten entwickelt hat. „3,7 Millionen Besucher kamen in den fünf Jahren seit der Eröffnung“, sagt Ellen Fitzsimons. 2016 gewann das Museum den World Travel Award „als führende Touristenattraktion weltweit“.

Belfast macht das Beste aus dem schweren Erbe

Zeitgleich zum Museum wurde ein neuer Stadtteil errichtet. Maritim, modern, am Wasser. Das Titanic Quarter erinnert an die Hafencity in Hamburg – alles sehr schick, aber noch etwas steril. Das Projekt ist für die Stadt enorm wichtig, denn es bringt Touristen. Und mit ihnen Geld und Arbeitsplätze. „Das Museum ist ein touristischer Anker“, sagt Billy Scott. Der 56-Jährige fährt ein Black Cab, ein Taxi, wie man es aus London kennt. Die beliebtesten Touren sind Rundfahrten auf den Spuren der blutigen Auseinandersetzungen und zur Geschichte der „Titanic“. „Bei uns dreht sich alles um Katastrophen“, sagt Billy Scott und lacht.

20 Jahre nach dem Ende des Nordirlandkonflikts und über 100 Jahre nach dem Untergang der „Titanic“ macht Belfast das Beste aus dem schweren Erbe. Die Stadt hat sich herausgeputzt. Einschusslöcher in den Hauswänden sieht man nur noch selten, dafür gibt es ein schickes Einkaufszentrum, das zwar nur gewöhnliche Läden zu bieten hat, dafür aber eine gläserne Kuppel mit der besten Aussicht auf die Stadt, die eingebettet zwischen sanften grünen Hügeln liegt. Der Fluss Lagan mündet in der Ferne in die Irische See, hier und da recken Prachtbauten wie das neobarocke Rathaus ihre Kuppeln aus dem Häusermeer.

Spuren des Verfalls am Rande der Innenstadt

Belfast hat das Format einer Kleinstadt und lässt sich leicht zu Fuß erobern. In zehn Minuten hat man die Innenstadt durchquert. 20 Minuten braucht es, um aus der City am Fluss entlang zum Werftgelände zu gehen. Eine gute Orientierung bieten Samson und Goliath. Die beiden 100 Meter hohen gelben Portalkräne von Harland & Wolff sind von fast überall sichtbar.

In der Fußgängerzone reihen sich die üblichen Filialisten-Verdächtigen aneinander. Eine Besonderheit aber ist das trubelige Kneipenviertel rund um die Kathedrale: Hier reiht sich ein gut gefülltes Pub ans nächste. Etwas abseits der City findet man noch verfallene Backsteinhäuser, Spielhallen oder Bingoclubs. Die Asche, aus der Belfast wie ein Phönix auferstand, lässt sich nicht so schnell wegwischen.

 

Susanne Hamann, vom 08.08.2017 09:09 Uhr
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