Thailand
Verschaukelt im Camp

Unerschrockene Reiter: Von so weit oben hat man eine gute Sicht. Foto: Fauth
Unerschrockene Reiter: Von so weit oben hat man eine gute Sicht.Foto: Fauth

Mae Sapok - Mit ihren 1,20 Meter ist Joelina die Größte. Auf jeden Fall die Mutigste, wie sie zwischen den Beinen der Dreitonner am Boden sitzt. Fünf Elefantendamen und ein Bulle bilden einen Kreis um die Neuankömmlinge und beschnüffeln sie mit ihren Rüsseln. Dazwischen wuselt der kleine Roger umher. Das Elefantenkind hat ungefähr das Alter von Joelina. Die kleine Schweizerin ist fünf und fürchtet sich höchstens ein winziges bisschen. Am Anfang steht die Mutprobe - für jeden, der das Handwerk der Mahuts erlernen will. Mahuts sind die Führer von Arbeits­elefanten und oft auch ihre Besitzer. Die Mutprobe soll Ängste nehmen und Vertrauen geben. Ohne Vertrauen wird’s kompliziert. Die Großkaliber könnten das Häuflein Menschen mit einem Tritt zermalmen. Tun sie aber nicht, und ihre Gelassenheit überträgt sich schnell auf die Gruppe aus drei Erwachsenen und drei Kindern. Am Ende werden alle sagen, dass jene Minuten das eindrucksvollste Erlebnis dieser Reise waren.

"Nadelbäume würdest du komisch finden."

In einem Elefantencamp im Norden Thailands, eine gute Autostunde südwestlich der Stadt Chiang Mai, kann man unter den wachsamen Augen der Mahuts lernen, die Dickhäuter zu reiten und mit ihnen Baumstämme zu rücken. Reisfelder, hellgrün in diesen Monaten der Regenzeit, und waldige Hügel bestimmen das Landschaftsbild. Eine ländliche Gegend, in der man sich nicht darauf verlassen kann, dass die Menschen Englisch sprechen. Schon gar nicht das Bergvolk der Karen, zu denen die Mahuts der Elefanten gehören und deren erste Fremdsprache Thai ist. Zum Glück gibt es David: Guide, Trainer und Dolmetscher. Der 27-jährige Deutsche knöpft sich erst einmal die Kinder vor für eine Lektion Elefantenkunde. Vor der Praxis steht wie bei jedem Führerschein die Theorie. David erzählt auch von der langen Tradition der Arbeitselefanten in Asien. Weil die Wälder Thailands fast komplett abgeholzt sind, ist der Holzschlag mittlerweile verboten - zu spät für die rund 2000 noch wild­lebenden Elefanten. Für die etwa 2500 domestizierten bedeutet das den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Doch wohin mit den Elefanten, die 75 Jahre alt werden können? Viele kennen ihre Mahuts, seit diese Krabbelkinder waren. Der Tourismus ist ein Ausweg. Jeder Teilnehmer bekommt seinen eigenen Elefanten zugewiesen für die Tage im Camp. Die nächste Aufgabe ist eine sehr intime: zehn Minuten mit dem neuen Partner plaudern, damit er mit Mensch und Stimme vertraut wird - eine recht einseitige Angelegenheit. Doch was erzählt man einem asia­tischen Elefanten? Die meisten senken unwillkürlich die Stimme, als wollten sie ein Geheimnis anvertrauen. Linus, 12, beschreibt seiner Mae Kledek, wie die Wälder in Deutschland aussehen. „Nadelbäume würdest du komisch finden.“ Die Elefantendame blinzelt gelangweilt. Vorsichtig streichelt er ihren Rüssel. Die dicke, ledrige Haut fühlt sich rissig und rau an. Flapp, flapp, machen die Ohren, die Klimaanlage der Elefanten. Der Mahut sitzt daneben und grinst. Es funktioniert, auch bei Joelina ist das letzte bisschen Angst verschwunden. Dann wird es ernst: aufsitzen. Auf Kommando senken die Tiere ihre Köpfe. Mit einem Bocksprung hechtet man über den Rüssel auf den Schädel des Elefanten, der im gleichen Moment wieder aufsteht. Gleichgewicht halten, umdrehen, nach vorn rutschen, Schienbeine hinter die Ohren klemmen. Wow! Drei Runden im Camp dürfen die Mahuts in spe üben und ihrem Elefanten klarmachen, dass sie nun den Ton angeben. „Hu!“, brüllt es vielstimmig, damit sich die Tiere in Bewegung setzen, mit „Hau!“ bremst man ab, und ein energisches „Guä!“ lenkt sie nach rechts oder links. Die Erwachsenen sollen das allein hinkriegen, hinter den Kindern sitzt ein Mahut. Der erste Spaziergang führt dennoch zu Fuß durch den Fluss. Die Riesen trotten hinterher wie brave Hündchen an der Leine. An einer Badestelle lassen sie sich nass spritzen. Elefanten baden für ihr Leben gern. Übermütig planscht Klein Roger, der seine Mutter Mae Kamnoi überallhin begleitet.

Unglaublich, wie leise Elefanten durch den Wald gehen

Am nächsten Morgen holt die Gruppe ihre neuen Freunde im Wald ab, wo sie die Nacht verbracht haben. Und so sehen sie auch aus: dreckig bis hinter die Ohren. Aufsitzen und in einer Reihe „Hu!“. Die Mahuts intervenieren selten. Auch die Kinder lassen sie erst einmal allein strampeln. „Hu! Guä, guä!“ Linus brüllt sich heiser. Seine Mae Kledek schlägt sich ständig in die Büsche, denkt nur ans Fressen. „Die ist vielleicht ein Dickkopf“, stöhnt er. Unglaublich, wie leise Elefanten durch den Wald gehen. Mit den Rüsseln allerdings machen sie einen Höllenlärm. Reißen Äste von den Bäumen und streifen geschickt die Blätter ab. Stecken überall ihre Nase rein. An einer Wasserstelle erfrischen sich die Dickhäuter - und duschen ihre Reiter gleich mit. Plötzlich stellt Mae Bung Tong sich quer und schaltet auf stur. „Scheiße“, sagt ihr offensichtlich vielsprachiger Mahut. Wie bitte? Ach so, die Dame muss mal. . . „Jetzt geht’s lo-hos“, trällert Joelina. Wieder im Camp, wartet schon das Mittagessen. Einer der Mahuts hat für alle gekocht. Während der ganzen Saison leben die jungen Männer hier als WG, in einer der landes­typischen, mit Teakholzblättern gedeckten einfachen Holzhütten. Elefanten benötigen Unmengen an Nahrung. Die Aufgabe am dritten Tag lautet daher, Elefantengras zu schlagen. Die Erwachsenen können gar nicht so schnell gucken, wie die Kinder mit den Macheten im Feld verschwinden. Bis die drei Meter langen Gräser gebündelt und auf den Transporter geladen sind, fließt eine Menge Schweiß, aber alle Beine sind noch dran. Dem Nachmittagsunterricht steht also nichts im Weg: Baumstämme stapeln, die Königsdisziplin, immer paarweise und synchron. „Mae Kledek ist eine super Hochstaplerin“, schwärmt Linus, wieder versöhnt mit seinem Sparringspartner. Nach drei Tagen Elefantencamp heißt es Abschied nehmen. „Sawadi kap“, sagt Linus. Mae Kledek blinzelt nur. „Altes Pokerface“, flüstert der Zwölfjährige.

Dorothee Fauth aus Mae Sapok, vom 26.11.2012 05:00 Uhr
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