Taipeh
Eine Stadt wie ein Feuertopf

Der Taipeh 101 Tower ist das höchste Gebäude in Taiwan (508 Meter) und das derzeit siebthöchste Gebäude der Welt. Von 2004 bis 2007 war er das höchste Gebäude der Welt. Vom sogenannten Elephant Mountain (Xiangshan Trail) hat man den besten Ausblick auf die Stadt. Foto: shutterstock/Artissara
Der Taipeh 101 Tower ist das höchste Gebäude in Taiwan (508 Meter) und das derzeit siebthöchste Gebäude der Welt. Von 2004 bis 2007 war er das höchste Gebäude der Welt. Vom sogenannten Elephant Mountain (Xiangshan Trail) hat man den besten Ausblick auf die Stadt. Foto: shutterstock/Artissara

Nur noch ein einziges Räucherstäbchen für jeden. Bedauerlich, aber die Rationierung werde sicher keine religiöse Revolution auslösen, glaubt Huang Shu-wei, stellvertretender Leiter des LongshanTempels in Taipeh. Seit Mai können die Gläubigen im bekanntesten Tempel der Stadt keine Räucherstäbchen mehr im Dutzend kaufen. Vorbei die Zeiten, als ganze Bündel qualmender Stangen von Götterstatue zu Götterstatue getragen wurden, Rauch in dekorativen Schleiern den Goldglanz des Tempels benebelte und die spirituellen Feinstaubwerte bedrohlich anstiegen.

So wird das Wetter in Taipeh

Weil Gefahr für die Gesundheit droht, müssen Taiwans Götter sich nun bescheiden. In einigen Tempeln werden bereits heute Räucherstäbchen durch essbare Teigstangen ersetzt. Eine erfolgversprechende Strategie, denn größer als der Glaube ist in Taiwan zweifelsfrei der Appetit. Essen ist hier eine nationale Obsession, und die Angewohnheit, alles zu vertilgen, was sich bewegt, hat dazu geführt, dass Taiwans Tierwelt in Portionen zerlegt wird und auf Taipehs Nachtmärkten in Form frittierter Fledermäuse am Spieß, gebratener Tintenfischstückchen im Becher oder in Blätter gewickelter Fleischklopse feilgeboten werden. Steigt aus den kochenden Kesseln der Garküchen aber ein Geruch nach Schweiß, Fäulnis und brennendem Müll, wird es erst richtig lecker.

Die goldene Tofu-Regel

Je ekliger der Gestank, desto köstlicher der Geschmack, lautet die goldene Regel der Stinky-Tofu-Freunde. Eingelegt in einer fermentierten Gemüselake gärt der Tofu wochenlang vor sich hin. Das Ergebnis mit Blauschimmelkäse zu vergleichen ist so unangemessen, wie Taipehs Müllabfuhr-Melodie als Musik zu bezeichnen. Allabendlich fahren die Kehrichtsammler durch die Stadt und spielen dabei in Endlosschleife eine rattenfängerwürdige Flötenfassung von Beethovens „Für Elise“, damit die Leute ihren Abfall runterbringen. Taiwan ist Weltmarktführer in der Produktion von Hightech-Geräten, klingt aber, als wäre seine Klang-Software im Atari-Zeitalter steckengeblieben.

Auf einer Landkarte taiwanischer Kuriositäten hätte Taipehs Müllabfuhr ebenso einen Ehrenplatz verdient wie die porentief reine Metro der Millionenmetropole, wo die Einfahrt der Züge mit sanften Klängen von Chopins „Nocturne“ angekündigt wird und in deren Wagen es selbst im Feierabendverkehr stiller ist als in unseren Bibliotheken. Taipeh hat Manieren. Von der lauten, schmutzigen und chaotischen Stadt von einst ist nur hier und da ein Dickicht aus Wellblechbauten geblieben, das tief unter den Wolkenkratzern wuchert und von Zeiten erzählt, als selbst Länder wie Laos und Vietnam reicher waren als Taiwan. Heute reisen vor allem Chinesen gern nach Taipeh, um sich in einer der  wohlhabendsten Metropolen in Ostasien anzuschauen, wie ihr Land aussehen würde, wenn Mao Zedongs Kommunisten den Bürgerkrieg 1949 nicht gewonnen hätten. In der Folge flohen 1,5 Millionen Festlandchinesen unter Führung des nationalistischen Parteichefs Chiang Kai-shek nach Taiwan, und die bittere Saga der „zwei Chinas“ begann – der kommunistischen Volksrepublik China auf dem Festland und der Republik China auf der Insel im Pazifik. Allerdings betrachtet die Regierung in Peking Taiwan bis heute als abtrünnige Provinz und verhindert jegliche Unabhängigkeitsbestrebung.

Doch blieb dem kleinen Taiwan ein Triumph. Die Bürgerkriegsflüchtlinge nahmen die komplette Kunstsammlung, die Chinas Kaiser über Jahrtausende gehortet hatten, mit in ihr Exil. Seitdem muss die Volksrepublik nicht nur mit dem Verlust ihres nationalen Erbes leben, sondern auch die Schmach ertragen, dass die rund 700 000 Artefakte zu Taipehs größter Touristenattraktion geworden sind. Nur ein Bruchteil der weltweit größten Sammlung chinesischer Kunst kann heute im National Palace Museum gezeigt werden – Malerei, Keramik, Porzellan, Lack- und Kalligrafiearbeiten.

Jade-Chinakohl als Besuchermagnet

Stundenlang stehen Besucher sich die Beine in den Bauch, um das Prunkstück des National Palace Museum zu sehen – einen Kohlkopf. Der aus weiß-grüner Jade geschnitzte Chinakohl, an dem einige Heuschrecken nagen, gilt gewissermaßen als „Mona Lisa“ des Museums. Im Vergleich mit diesem wertvollen Gemüse-Imitat wirken die Nachbildungen von Chiang Kai-sheks Lieblingsspeisen arg kümmerlich, aber anders ließ sich die bombastische Gedenkstätte zu seinen Ehren wohl nicht füllen. Neben Plastik­forelle und Krautsalat werden massenhaft Fotografien, Tagebücher, Gemälde, Uniformen und sogar die Unterhosen des Generalissimus gezeigt. Highlight der Ausstellung ist ein glänzend schwarzer, kugelsicherer Cadillac, den Chiang nur ein einziges Mal genutzt haben soll, so groß war sein Fuhrpark.

Vor einem überdimensional großen Bronzestandbild des Führers schwingen Soldaten zu jeder vollen Stunde in einem theatralisch choreografierten Wachablöse-Ballett ihre Gewehre durch die Luft, derweil im Park der Gedenkstätte eine Seniorengruppe mit Atemübungen kosmische Lebensenergie einfängt. Eichhörnchen lassen sich mit Instantnudeln füttern, und das Orchester der nahen Konzert­halle nutzt den Garten für seine Proben. Abends nehmen Hip-Hopper und Skateboarder den Platz ein, und überall wird die Neonreklame angeknipst, die über die Fassaden der Hochhäuser pulst. Dafür gibt es keine bessere Metapher als Huǒguō, den Feuertopf, der mit Gemüse, Fleisch und beliebig anderen Zutaten für jeden etwas bietet.

Nicole Quint, vom 14.09.2017 10:37 Uhr
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