Spanien
Costa Brava - wild, schön und unterschätzt

Reihen von weißen Häusern, die sich an eine türkisfarbene Bucht kuscheln - sich in Calella de Palafrugell zu vergucken, fällt nicht schwer. Anders ... Foto: Shutterstock/m._letschert
Reihen von weißen Häusern, die sich an eine türkisfarbene Bucht kuscheln - sich in Calella de Palafrugell zu vergucken, fällt nicht schwer. Anders ... Foto: Shutterstock/m._letschert

Nein, es ist nicht schwer, sich in Calella de Palafrugell zu verlieben. Reihen von weißen Häusern, die sich an eine türkisfarbene Bucht kuscheln. Oben schaut vorwitzig der Kirchturm heraus, unten am Wasser liegen malerisch Fischerboote vor den Arkaden auf dem Sand. Da kommt schnell Begeisterung für die Costa Brava auf.

Aber bei Lloret de Mar? Die Stadt bringen die meisten eher mit Abi-Fahrten, Junggesellen-Abschieden und lieblosen Bettenburgen in Verbindung. Mit Pubs und Clubs, wo Caipirinha und Sex on the Beach für 20 Euro pro Liter verkauft werden. Mag sein, dass das Klischee von dem Ort, den man nur mit reichlich Alkohol überlebt, in vielen Teilen zutrifft. Tatsache ist, dass die Buchten ringsum mindestens ebenso so schön sind wie die von Calella. Man muss nur mal fünf oder zehn Minuten in Richtung Süden laufen. Schon ist man an der Cala Banys: Palmen stehen auf den terrassenartigen Klippen, über die Felsen verteilen sich locker die Tische und Stühle einer Bar und bieten einen grandiosen Ausblick auf das Meer. In Lloret mag es drunter und drüber gehen - es gibt kaum einen romantischeren Platz, um den Sonnenuntergang am Mittelmeer zu erleben als diese Bucht. Und noch ein Stück weiter wartet mit der Cala Boadella der nächste fotogene Naturstrand. Grober goldgelber Sand, eingerahmt von rotbraunen Felsbrocken und duftenden Pinien.

So wird das Wetter an der Costa Brava

So lassen sich unzählige traumhafte Fleckchen entdecken – wenn man sich zu Fuß auf den Weg macht. Und genau darin liegt das Geheimnis der wilden Küste, wie Costa Brava wörtlich übersetzt heißt: Wer sie von ihrer schönen, vielleicht auch einsamen, romantischen Seite erleben will, mit kleinen, stillen Buchten, aber auch atemberaubender Steilküste, spektakulären Felsüberhängen und dem einen oder anderen Xiringuito, den typischen Strandkiosken dazwischen, der muss sie sich erwandern.

Dazu laden der Weitwanderweg GR 92, der mehr oder weniger nah am Mittelmeer entlangführt, sowie die Camins de Ronda ein, Küstenpfade, die meist noch näher am Wasser gebaut sind. „Ursprünglich waren die Camins de Ronda Rettungswege für Schiffbrüchige. Im 19. Jahrhundert wurden sie dann auch von der Küstenpolizei benutzt, um gegen Schmuggler fernzuhalten“, erklärt Daniel Punsetí. Die Carabineros drehten dann immer ihre Runde – katalanisch Ronda. Daher der Name Camí de Ronda.

Punsetí setzt sich mit dafür ein, dass die Wege, die zwischenzeitlich oftmals verbaut, zerstört oder schlichtweg von dichtem Gestrüpp zu gewuchert sind, wieder hergerichtet werden. Viele sind schon in der Frühzeit des Costa Brava-Tourismus zu bequemen Spazierwegen geworden, mit Holzgeländer und markanten Aussichtspunkten. An anderen Stellen sind ihre Spuren dagegen kaum noch zu erkennen. Doch in Kombination mit den Weitwanderwegen lässt sich die Küste ablaufen. 220 Kilometer von Blanes, das eine gute Stunde Zugfahrt nördlich von Barcelona liegt und wo die Küste tatsächlich beginnt, wild zu werden, bis Portbou ganz oben im Norden an der französischen Grenze.

Gewiss, man braucht etwa zwei Wochen Zeit und eine gewisse Kondition. Allein, um die 5000 bis 6000 Höhenmeter zu überwinden, die das Auf und Ab an der Steilküste mit sich bringt. Aber das Schöne im Vergleich zu anderen Trekkingstrecken ist, dass man bei entsprechendem Wetter immer wieder mit einem Bad im Mittelmeer belohnt wird. „Eine geniale Kombination von Wandern und Schwimmen“, findet eine Australierin, die es mit ihrem Mann zusammen ausprobiert hat. „Eigentlich wollten wir den Jakobsweg begehen. Aber der ist uns zu überlaufen. Und landschaftlich ist das hier viel reizvoller.“

Wenn es ihnen an einem Ort nicht gefällt – und es gibt hässliche, überlaufene oder einfach fantasielos verbaute Küstenabschnitte, keine Frage – dann laufen sie einfach weiter. Und bleiben dafür umso länger an hübschen Ortschaften wie Tamariu, Llafranch oder Aiguablava.

Felsküste ohne Hotel oder Siedlung

Im Grunde – und das ist eine der Erkenntnisse, die man aus der Wanderreise mitnehmen kann - ist es erstaunlich, dass sich in einem Teil Spaniens, in dem der Tourismus auf eine mehr als 100-jährige Tradition zurückblickt mit allem Negativerscheinungen, die er mit sich gebracht hat, überhaupt noch so viel Schönheit erhalten hat. So viele wilde Abschnitte, wo sich die Felsküste von keinem Hotel und keiner Siedlung davon abhalten lässt, dramatisch ins wild schäumende Meer abzufallen. Und dass es noch so viele Traumstrände gibt. An manchen Streckenabschnitten, etwa zwischen Sant Feliu de Guíxols und Begur, wird man es schon fast leid, immer wieder die Kamera zu zücken, weil eine Bucht schöner ist als der andere. Immerhin gibt es zwischendurch auch Abwechselung: den Parc Natural dels Aiguamolls zum Beispiel. In dem Vogelparadies an der Flussmündung von Fluviá und Muga geht es ganz und gar nicht wild zu. Stattdessen wird man in eine geheimnisvolle Sumpflandschaft versetzt mit Kanälen, Lagunen und dichtem Grün. Beobachtungshäuschen laden dazu ein, die vielen Vögel zu beobachten, die hier leben, nisten oder nur saisonweise einfliegen – neben Störchen und Flamingos kann man mit etwas Glück und einem guten Fernglas so exotisches Gefieder wie Zwergrohrdommeln, Kuhreiher oder Tüpfelsumpfhühner erspähen.

Gleich danach wieder ein Szenenwechsel: die antiken Ausgrabungen von Empúries. Nur ein paar Meter vom Meer entfernt ruhen die Fundamente der ersten griechischen Handelsniederlassung auf iberischem Boden, die um 600 vor Christus entstand und später von den Römern zur Stadt ausgebaut wurde. Der landschaftliche Höhepunkt der Wanderung ist indes das Cap de Creus weiter nördlich an der östlichsten Spitze Spaniens, wo die Pyrenäen in einer bizarren, kargen Mondlandschaft enden. „Geologisches Delirium“ nannte sie Dalí und ließ sich von ihr im nahen Portlligat, wo sein Haus als Museum überdauert hat, zu seinen surrealistischen Bildern inspirieren. Wenn die Tramuntana, der gefürchtete kalte Nordwind, über die Küste hinwegfegt, kann es hier ganz schön unheimlich werden.

Unheimlich muten schließlich auch die Orte am Ende der Küstenwanderung an, die so gar nicht ins Konzept des Tourismusmarketing passen: zum Einen Colera, dessen Name schon allein nichts Idyllisches verheißt – im Spanischen kann es sowohl „Zorn“ als auch „Cholera“ bedeuten. Noch unbehaglicher wird einem bei Portbou: Nicht allein, wie das Dorf mit seinem überdimensionalen Bahnhof zwischen die spröde Felslandschaft eingequetscht ist. Im Grenzgebiet zu Frankreich ist auch zu spüren, dass sich hier traurige Kapitel europäischer Geschichte abgespielt haben. Flucht und Emigration, mal vor dem Franco-, mal vom Hitler-Regime, haben das Schicksal vieler Menschen bestimmt. Nicht zuletzt das von Walter Benjamin, der aus den französischen Bergen kommend Portbou erreichte, jeglicher Hoffnung beraubt, der Gestapo zu entkommen und sich hier in seiner Verzweiflung das Leben nahm. Wie hätte er sich damals vorstellen können, dass es heute keine Grenzkontrollen mehr gibt und viele Menschen völlig unbeschwert an der Küste entlang wandern? Dass sie es tun können und dabei keine andere Sorge haben, als möglichst schöne Strände und nette Lokale aufzutun, ist immerhin ein gutes Zeichen!

Ulrike Wiebrecht, vom 24.10.2017 00:24 Uhr
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