Slowakei
Bratislava - Schön mit Platte

Bratislava ist die Hauptstadt der Slowakei und mit 422.932 Einwohnern die größte Stadt des Landes. Foto: shutterstock/Milan Gonda
Bratislava ist die Hauptstadt der Slowakei und mit 422.932 Einwohnern die größte Stadt des Landes. Foto: shutterstock/Milan Gonda

Bratislava kracht beim Schalten, schaukelt und riecht nach Öl. Durch die Scheiben eines Skoda 1203 betrachtet sieht die Stadt anders aus als in der Tourismuswerbung. Nicht so nach Donaumetropole und nicht wie das zweite Wien. Eben grauer, alltäglicher, bescheidener, ostblockiger. Der „böhmische Bulli“, in den Sechzigern hinterm eisernen Vorhang entwickelt, war jahrzehntelang überall im Land unterwegs – auch als Polizeiauto und Leichenwagen. Heute drehen sich die Leute nach ihm um, Erinnern im Blick, Anekdoten im Kopf.

So wird das Wetter

So richtig auf der Höhe der Zeit ist das Modell nicht mehr, war es vielleicht nie. „Immer bricht etwas oder der Motor kocht“, sagt Juro Sikora grinsend hinterm Steuer, mit Vollbart und grüner Fidel-Castro-Mütze. Er fährt routiniert mit Zwischengas. Ein dicker Stein unterstützt an diesem Tag die Handbremse. Das sozialistische Erbe – es braucht Aufmerksamkeit. Und Pflege. Nicht nur im Motorraum, sondern auch im Stadtraum.

Alternative Stadttouren mit dem Skoda

Der Skoda ist Teil des Fuhrparks von Authentic Slovakia, einer Firma, die in Bratislava seit fünf Jahren alternative Städtetouren anbietet. Gegründet von zwei Brüdern, Söhnen eines Reisebürobesitzers, die fürs touristische Bratislava eine jüngere Variante sahen: Plattenbauviertel statt Altstadt, Arbeiterklasse statt Kaiserin Maria Theresia. Und auch: hässlich statt schön. Anfangs interessierte das nur Rucksackreisende, heute fahren alle mit. Viele Briten, Skandinavier, weniger Deutsche, denen man nicht zeigen muss, wie von oben verordnete Archi­tektur aussieht. Es geht auch um mehr Mut zur eigenen Geschichte. „Häuser, in denen Mozart als Sechsjähriger gespielt hat, gibt es in Österreich zigfach“, sagt der in Bratislava geborene Juro, 30 Jahre alt, eigentlich Englischlehrer und passionierter Fahrradfahrer.

Er liebt das Unverwechselbare an seiner Stadt: „Ein Centre Pompidou des Ostens oder eine Pyramide, die auf dem Kopf steht, gibt es woanders bestimmt nicht.“ Ein paar Abzweigungen weiter ragt sie dann in den Himmel: die Station des Slowakischen Hörfunks, Slovenký rozhlas, eine umgedrehte Pyramide. Vertraut man auf Listen, ist es eins der hässlichsten Gebäude der Welt. Aber auch eins der aufregendsten. Viel Platz hat das staatliche Planungsbüro rundum gelassen. Gerade so, als könne sich doch noch zeigen, dass die Ägypter recht hatten, nicht die sozialistischen Ingenieure.

Sozialistische Überbleibsel

Solche Bauten erinnern an eine Zeit, die viele ausblenden wollten. Soll das jetzt weg? Oder hat das was? Ein paar Blöcke weiter die monströse Markthalle Nová tržnica, die manchen Einheimischen ans Centre Pompidou erinnert. Oder der Platz der Freiheit, Námestie slobody, mit einer riesigen, metallenen Lindenblütenstatue, die kälter kaum wirken könnte. Und blickt man auf die Hügel der Stadt, thront da eben nicht nur die spätbarocke Burg, sondern auch das Slavín-Denkmal, errichtet zu Ehren der Sowjetsoldaten. „Andere haben so was abgerissen, wir zum Glück nicht“, freut sich Juro. Denn es geht ja auch um persönliche Erinnerungen, nicht nur um weltanschauliche: „Hier sind wir Skateboard gefahren, als es in Bratislava noch keine Skateparks gab.“ Gerade die Jungen finden die Bauten der sozialistischen Ära spannend.

Knapp zwei Kilometer unterhalb eine andere Welt: Bratislava strahlt, schnörkelt und riecht nach Kaffeehaus. Es ist das Bratislava der Reisebusse mit fülligen, wienernden Rentnern. Perfekt saniert. Ein Gang durchs historische Zen­trum von Bratislava ist eine Zeitreise in die k. u. k. Monarchie. 300 Jahre lang war man Hauptstadt von Ungarn. 18 Könige und Königinnen wurden hier gekrönt. Die offizielle Heldin: Maria Theresia. Ihre Krönungsfeier wird einmal im Jahr in aller Pracht in der Kirche und in den Straßen nachgespielt.  Gepflasterte Gassen, Inschriften, Weinstuben. Die einstige Größe, die frühere Bedeutung von Bratislava – man will sie vorzeigen. Dafür musste die Altstadt ein Schmuckstück werden, lange bevor man sich um den Rest der Stadt kümmerte.

Das größte Plattenbauviertel Zentraleuropas

Jeder Tourist steigt hinauf zur Burg. Lässt den Blick schweifen, sieht, wie klein der historische Stadtkern ist und wie immens der Rest rundum. Gigantisch die Silhouette auf der anderen Donauseite: Hier liegt der Stadtteil Petržalka, das größte Plattenbauviertel Zentraleuropas und das am dichtesten besiedelte Gebiet der Slowakei, einst gebaut für die Arbeiter der Raffinerie. Jeder vierte Bratislavaer lebt noch heute dort, mehr als 100 000 Menschen. Eine Hochhaus-Riegel-Welt, die bis an die Staatsgrenze von Österreich reicht. Über den Fluss führt eine postsozialistische Hängebrücke, auf der in 85 Meter Höhe ein Restaurant in Form eines Ufos balanciert. Ein größerer Gegensatz ist kaum denkbar: Hüben in der Altstadt kleine Gassen, drüben landepistenartige Straßen. Hier rote, spitze Schindeldächer, dort lange, graue Dachflächen.

Das wichtigste Verkehrsmittel von Petržalka: öffentliche Busse. Die Linien ziehen vorbei an den kleinen Läden im Erdgeschoss der Plattenbauten: Reifenhändler, Secondhandshops, Copyshops, Vinotheken und Videotheken. Dazwischen viele aufgegebene Geschäfte. Eine Kneipe hat ihr Angebot mit rosa Edding auf die Fensterscheiben geschrieben. Einfache Lösungen sind in Petržalka gefragt. Das Geld sitzt nicht locker, Touristen verirren sich selten herüber. Einige Gebäude sind saniert, andere Fassaden bröckeln noch. Mitten zwischen den Plattenbauten ein kleiner Baggersee, in dem im Sommer halb Petržalka badet. Martin Kleibl (36) kommt mit dem Fahrrad. Er ist hier aufgewachsen, zieht zwei Kinder im Viertel groß. „Heute ist Petržalka ein guter Ort zum Leben“, sagt er. Es gibt alles: Kindergärten, Spielplätze, Schulen. „Und in zehn Minuten ist man in der Innenstadt.“ Die Limonade vom Kiosk kommt in dünnwandigen Plastikbechern, ist selbst gemacht und sprenkelt die Zähne mit schwarzen Kräuterstückchen. Dazu gibt es ungarische Langos. Man sitzt auf Mobiliar aus Europaletten.

Die Zeit tilgt alte Spuren

Martin ist überzeugt, dass es in Petržalka Sehenswertes gibt. Und Erhaltenswertes: kleine Kirchen, Arbeitertavernen, sozialistische Denkmäler, nie in Betrieb genommene U-Bahn-Stationen. Einiges davon verschwindet allmählich: etwa die riesigen Fassadenmalereien an den Stirnseiten der Plattenbauten. Sozialistische Zeitdokumente, die sich 37 Meter in den Himmel streckten, beim Sanieren aber verschwinden. Doch eines ist klar: Das postsozialistische Bratislava ist am Leben der Menschen deutlich näher dran als die ganze k. u. k. Zeit – egal wie prächtig sie gewesen sein mag. Skodas aber sind auf beiden Seiten der Donau selten geworden.

Anja Martin, vom 20.08.2017 18:23 Uhr
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