Sinnliche Insel
Die besten Routen durch Korsika

Das macht Appetit auf mehr: Auf unserer Route entlang der Küste Korsikas wird unbedingt Halt gemacht im Geschäft „U Montagnolu“. Korsische Spezialitäten gibt es hier in Hülle und Fülle. Foto: Thomas Flügge
Das macht Appetit auf mehr: Auf unserer Route entlang der Küste Korsikas wird unbedingt Halt gemacht im Geschäft „U Montagnolu“. Korsische Spezialitäten gibt es hier in Hülle und Fülle.Foto: Thomas Flügge

„Napoleon hätte Korsika nie verlassen, wenn es zu seiner Zeit schon die ‚Routes des Sens Authentiques’ gegeben hätte“, sinniert Monsieur Marcaggi und säbelt ein paar Scheiben zum Probieren von der luftgetrockneten Salami herunter. Die Idee ist amüsant, Europas Geschichte hätte einen anderen Lauf genommen, wäre der berühmteste aller Korsen geblieben, um die Genüsse der Insel zu erkunden.

Zehn Routen um Touristen ins Landesinnere zu locken

Die vom korsischen Fremdenverkehrsamt kreierten „Straßen der authentischen Sinne“ führen auf zehn Routen vor allem durchs gebirgige Hinterland, um Touristen zu Abstechern ins Inselinnere zu locken. Reisende, die in Küstennähe bleiben möchten, finden aber auch entlang der 1000 Kilometer Meereslinie lohnende Stationen. Etwa in Ajaccio, Korsikas Verwaltungssitz im Westen. Eine Straßenecke von Napoleons Geburtshaus entfernt interessieren sich Kunden in Paul Marcaggis Spezialitätenladen „U Stazzu“ allerdings wenig für Betrachtungen über historische Politik. Die „Schäferhütte“ gilt als erste Adresse für korsische Produkte wie Würste, Schinken, Käse, Wein, Likör, Konfitüre, Honig, Oliven- und Haselnussöl, Essig oder Gebäck. Mehrmals wurde Marcaggi als bester Feinkost-Metzger Korsikas ausgezeichnet.

Von der Decke des Ladens baumeln Schinken und Würste aus dem aromatischen Fleisch verwilderter Hausschweine, die sich in den Wäldern von Kastanien und Eicheln ernähren. Figatellu heißt eine geräucherte grobe Wurst aus Leber, Speck und Innereien. Lonzu wird das mild geräucherte, gepfefferte Filet genannt, Coppa der in Salz und Wein eingelegte Rollschinken aus Schweinenacken und Prisuttu der Schinken, den man im Sommer mit frischen Feigen ißt. „Am besten, Sie halten sich immer an dieses Schweinefleisch“, rät Monsieur Marcaggi. „Lamm oder Kalb verkaufen wir nur an Franzosen - und andere Touristen.“

Delikatessen auf Korsikas Wochenmarkt schlemmen

Allerlei Delikatessen gibt es auch auf dem schönsten Wochenmarkt Korsikas auf dem Square César Campinchi. Etwa verschiedene Käsesorten von Schäfern aus dem Restonica-Tal im Herzen der Insel. Brocciu ist ein Frischkäse aus Ziegen- oder Schafsmolke. Er wird mit Salz haltbar gemacht und als Füllung in Omelettes und Teigtaschen verwendet oder als Grundlage für Süßspeisen. Nichts für schwache Nerven ist Casjiu Merzzu, der „verdorbene Käse“. Käsereste werden mitsamt der Rinde in Tontöpfen vermischt. Nach einer Weile siedeln sich Maden an. Für Kenner ein Zeichen der zweiten Reife. Mit Trester übergossen gilt der scharfe Casjiu Merzzu mit den noch springenden Larven als besondere Spezialität.

Angenehmer duften die Produkte der Gebrüder Caux im Dorf Ocana bei Ajaccio. Die beiden betreiben eine Aromaöl-Destillerie. In Wäldern und auf Wildwiesen ernten sie Kräuter, Blätter und Früchte, um daraus Duftstoffe zu gewinnen. Gäste sind willkommen, um diesen Prozess zu beobachten und im Duft-Laden „La Maison des Senteurs“ einzukaufen. „Eine Tonne Kräuter ergibt höchstens drei bis vier Liter destilliertes Aromaöl“, verrät Paul Caux bei der Führung. Täglich wird eine bestimmte Sorte destilliert. Wer besonderes Interesse an Rosmarin, Lavendel, Eukalyptus, Myrthe, Wacholder oder anderen Aromen hat, informiert sich vorher telefonisch.

Wie im Paradies: Honig, Zitrusfrüchte, Beeren, Nüsse und Feigen

Weitere inseltypische Erzeugnisse findet, wer auf Schilder mit der Aufschrift „produits corses“ oder „produits artesanales“ am Straßenrand achtet, die zu Höfen und Läden weisen. Grundstoffe sind Honig, Zitrusfrüchte, Oliven, Beeren von Myrthe und Erdbeerbaum, Nüsse oder Feigen, die variantenreich verarbeitet werden. Die Kastanie ist die vielseitigste Zutat: Aus ihr wird das süßliche Bier „Pietra“ gebraut, es gibt Kuchen, Likör, Honig, Nougat, Polenta, glasierte und natürlich auch geröstete Maronen, Kastanien als Gemüsebeilage und Brotaufstrich. Eine gute Adresse ist der Hof „Casa Accinta“ von Raphaelle Peignier-Astima in Ghisonaccia an der Ostküste. Die Halbkorsin spricht Deutsch, ihr Vater stammt aus Essen. Sie baut Oliven, Feigen, Haselnüsse, Clementinen sowie Pampelmusen an und produziert Honig. Geschätzt sind ihre Kuchen aus Nussmehl, mit denen sie Bauernmärkte beliefert. „Ich experimentiere gern“ verrät Raphaelle, „zurzeit entwickele ich Weine aus Myrthe und Zitrusfrüchten.“

Probierfreudig ist auch Marcel Santini, Chef der „Confiserie Saint Sylvestre“ im Bergdorf Soveria nahe der Festungsstadt Corte. Seine Spezialität ist Süßes auf der Basis von Früchten und Honig. Von seinem Bestseller, weißem Nougat, fertigt er wöchentlich 800 Kilogramm an. Santini produziert auch kandierte Früchte, Geleewürfel, Karamell, gefüllte Schokolade, und Fruchtpasteten. Sein Favorit ist grünes Zitronat in schwarzem Tee: „Das parfümiert wunderbar und ist obendrein kalorienarm.“

In Bastia strömen Gourmets in die Spezialitätenläden

In Korsikas wichtigster Hafenstadt Bastia im Nordosten der Insel zieht es Gourmets in den Spezialitätenladen „U Montagnolu“ von Antone Filipi. Honig aus den Blüten der Macchia, Olivenöl, Myrthen-Gelee, Kastanienmarmelade und viele andere Produkte aus heimischer Flora und Fauna machen hier den Mund wässerig. Auf Wunsch werden die Einkäufe auch per Post nach Hause geschickt.

Danach tut ein Spaziergang an den Alten Hafen gut, wo vor allem Yachten ankern. Besonders schön bei Dunkelheit, wenn die Lokale an der Promenade und die Kirche Sainte-Croix stimmungsvoll erleuchtet sind. Figurfreundlich sind auch Streifzüge im Hinterland von Porto-Vecchio an der Südostküste: Wer dort mit Stéphane Rogliano unterwegs ist, wandert der Nase nach. Der Duftpflanzenzüchter führt durch die Macchia. Das immergrüne Dickicht aus Myrthe, Rosmarin, Mastixstrauch, Baumheide, Zistrose, Ginster, Thymian, Lorbeer, Salbei, Lavendel und Wacholder verströmt bei Sonnenschein einen typischen aromatischen Geruch. Um sich vor Austrocknung zu schützen, sondern die Hartlaubgewächse ätherische Öle ab.

„Nirgendwo am Mittelmeer ist die Flora so vielfältig wie hier“ erzählt Stéphane. „Botaniker haben 2000 Arten gefunden.“ Immer wieder bleibt er stehen, zupft Blätter, zerreibt sie und läßt uns schnuppern. „Wer sich mit Wildpflanzen auskennt, braucht keine Apotheke“ bemerkt Stéphane vor einem Kraut mit gelben Blütendolden. „Auszüge aus dieser Immortelle sind hervorragend für Hautverletzungen.“ Der herbe Geruch der Blütenköpfe läßt keinen Zweifel: eindeutig Medizin. Wir erfahren, dass aus den Wurzeln der Baumheide wertvolle Pfeifen geschnitzt wurden und wie sich Korkeichen bei Feuer schützen: Sie schließen mit ihrer Rinde das Innere des Stammes luftdicht ein.

Nach dem Ausflug versteht man, warum Napoleon als Gefangener auf St. Helena notierte: "Alles ist auf Korsika besser, selbst der Duft. An ihm hätte ich die Insel mit geschlossenen Augen erkannt, und nirgendwo fand ich ihn wieder.“

Anreise: z.B. mit Air Berlin (www.airberlin.com), Air France (www.airfrance.de), Germanwings (www.germanwings.com) oder Tuifly (www.tuifly.com)

Reisezeit: Die schönsten Monate auf Korsika sind Mai, Juni, September und Oktober. Im Frühsommer steht die Macchia in der Blüte, der Herbst hat noch angenehme Wassertemperaturen um 22 Grad. Diese Monate sind auch gut für Wanderungen geeignet, die Tagestemperaturen liegen dann zwischen 20 und 25 Grad.

Adressen: Spezialitätenladen „U Stazzu“, Rue Bonaparte 1, Ajaccio; Aromaöl-Distillerie Corsica PAM, Paul Caux, Orcana, Tel. 04 95 23 81 88, www.corsicapam.com; Hof „Casa Accinta“, Ghisonaccia, Tel. 04 95 56 09 11 (Raphaelle beschreibt den Weg); „Confiserie Saint Sylvestre“, Soveria, Tel. 04 95 47 42 27, www.confiserie-saintsylvestre.fr; Stéphane Rogliano, Porto Vecchio, Tel. 04 95 70 34 64, www.plante-aromatique.com; Spezialitätenladen „U Montagnolu“, Rue César Campinchi 15, Bastia

Buch-Tipp: „Korsika“, Baedeker Verlag, 17,95 Euro: Optisch sehr ansprechend gestaltet, viele praktische Informationen, ausführliche Exkurse über Kulinarisches, Routenvorschläge und große Inselkarte im Maßstab 1:250.000. Kontakt: Atout France, info.de@franceguide.com, www.franceguide.com (es gibt keinen telefonischen Auskunftservice)

Heike Weichler/Fotos: Thomas Flügge, vom 17.07.2012 08:00 Uhr
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