Schweiz
Radtour über den See

Die „Uri“ ist stolze 111 Jahre alt: Mit diesem Raddampfer war bereits Hillary Clinton, Frau des früheren US-Präsidenten Bill Clinton, auf dem Vierwaldstättersee unterwegs. Foto: Alexander Dietz
Die „Uri“ ist stolze 111 Jahre alt: Mit diesem Raddampfer war bereits Hillary Clinton, Frau des früheren US-Präsidenten Bill Clinton, auf dem Vierwaldstättersee unterwegs.Foto: Alexander Dietz

Luzern - Eine magische Kraft schwebt über dem Vierwaldstättersee, er scheint eine Quelle der Kreativität für Schiffsreisende. Es gibt Passagiere, die haben ihren Laptop dabei, setzen sich in den Speisesaal und machen sich tippend an die Arbeit. Andere lesen stundenlang Bücher. Währenddessen pflügt das Schiff ruhig durchs Wasser, und wenn der auf seinen Computer konzentrierte Passagier den Blick heben würde, hätte er einen grandiosen Ausblick auf die Berge der Zentralschweiz ringsum. Doch manchen reicht das Bordgefühl. Wenn Nebel aufkommt, herrscht eine fast mystische Stimmung.

Willkommen auf dem Vierwaldstättersee. Er ist bis zu 214 Meter tief - und gewissermaßen der Nabel der Eidgenossenschaft. An seinen Flanken reihen sich so historische Orte wie Küssnacht, dem Schiller in seinem Drama „Wilhelm Tell“ zu weltweiter Berühmtheit verholfen hat, oder Rütli, eine Bergwiese, auf der es 1291 zum Schwur der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden gekommen sein soll: Die Schweiz war geboren. Roger Benz (42) ist einer der drei Schiffsführer der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees - und er hat sich mit dem Beruf einen alten Traum verwirklicht. „Ich bin schon als Kind viel auf den Schiffen gewesen.“ 1998 hat er seine Ausbildung abgeschlossen, jetzt ist er auf jedem der insgesamt 20 Schiffe auf dem See unterwegs - und auch nach vielen Jahren noch begeistert: „Wenn ich in der Nacht auf Luzern zusteuere und die vielen Lichter sehe, das ist doch wunderbar.“ In diesen Wochen fährt er vor allem mit der „Unterwalden“, die vor kurzem generalüberholt wurde - für zehn Millionen Euro.

Im Jahr 1900 wurde das rote Stahlungetüm in Paris präsentiert

1902 in Betrieb genommen, steht sie unter Denkmalschutz. Bis zu 700 Passagiere kann sie aufnehmen. Ihnen steht eine gemächliche Fahrt bevor, denn ein Rennboot ist der 350 Tonnen schwere und 62 Meter lange Dampfer nicht. Der 650 PS starke Antrieb reicht für gerade 27 Kilometer pro Stunde Höchst­geschwindigkeit. Vom oberen Deck aus kann man der Maschine bei ihrer stampfenden Arbeit zuschauen. Ein Prunkstück: Im Jahr 1900 wurde das rote Stahlungetüm auf der Weltausstellung in Paris präsentiert. Gesteuert wird die „Unterwalden“ von der mit Elektronik vollgestopften Kommandobrücke aus, die Tempobefehle für den unten arbeitenden Maschinisten spricht Benz in ein Messingrohr. Die Raddampfer - es gibt neben der „Unterwalden“ noch vier andere - sind auf jeden Fall die Hauptattraktion der Schifffahrtsgesellschaft.

Der älteste, die „Uri“, ist seit 1901 in Betrieb. Auch sie wurde von Grund auf saniert und mit einer neuen Kesselanlage ausgestattet. Im Vergleich zu den modernen, mit Schraubenpropellern angetriebenen Motorschiffen sind sie allerdings ziemlich pflegebedürftig und durstig - sie schlucken 14 Liter Diesel pro Kilometer. Die Flotte nimmt im Jahr zwischen 2,3 bis 2,5 Millionen Personen mit, im Sommer mehrere Hunderttausend pro Monat, bei zehn bis zwölf Abfahrten pro Tag. Auch für Kurzentschlossene ist in der Regel Platz. Den Touristen - immer mehr aus dem Fernen Osten und den USA - bietet die schiffseigene Gastronomie Schweizer Kost - Rösti und Geschnetzeltes zum Beispiel. Zwischen zwei und fünfeinhalb Stunden dauert eine Fahrt; die kann auf den nördlichen Teil beschränkt sein oder bis weit in den Süden reichen. Dass auch in der kalten Jahreszeit Schiffe fahren, hat Luzern Hillary Clinton zu verdanken.

Die Frau des früheren US-Präsidenten Bill Clinton war Ende Januar 1998 in der Stadt - für die First Lady wurde die „Uri“ extra aus dem Winterschlaf geholt. „Sie hat die Fahrt nach Brunnen sehr genossen“, erinnert sich Benz. Und viele andere auch. Seitdem läuft der Schiffbetrieb ganzjährig. Auch an den bevorstehenden Festtagen.

Winfried Weithofer aus Luzern, vom 16.12.2012 05:00 Uhr
Kommentare (0)
  • » Kommentare anzeigen
Anzeigen
Ausgewählte Hoteladressen