Reise der Woche
Feierabend mit Adebar

In dem kleinen Dorf Rühstädt in Brandenburg gibt es die größte Storchenkolonie Deutschlands.   Foto: Gabriele Kiunke
In dem kleinen Dorf Rühstädt in Brandenburg gibt es die größte Storchenkolonie Deutschlands. Foto: Gabriele Kiunke

Auf dünnen, staksigen Beinen steht er auf dem Dach des Hauses und blickt weit übers flache Land, über rote Backsteinhäuser, Wiesen und vielleicht bis zum Fluss, der hier gemächlich und breit dahinfließt. Wenn er seinen schmalen Kopf nach unten beugt, strecken sich ihm gierig kleine Schnäbel entgegen, die aus seinem Schlund das Futter holen. Brutzeit in Rühstädt.

Fast jedes Haus und jede Scheune in dem 200-Seelen-Dorf trägt gefiederte Gäste auf dem Dach. In Spitzenzeiten gibt es bis zu 40 Nester, die korrekterweise als Horst bezeichnet werden, wie Gästeführerin Heike Warnke erklärt: „So ein Horst kann bis zu einer Tonne schwer werden.“ Sein Durchmesser beträgt rund zweieinhalb Meter. Wahrlich ein stattliches Heim für ein Storchenpaar, das bis zu fünf Jungtiere pro Saison großzieht. So eine große Familie macht ihren Gastgebern allerdings auch erheblichen Ärger. „Sie sind laut, dreckig und verstopfen die Dachrinne“, warnt Warnke vor romantischen Vorstellungen vom Tierleben.

Störche haben hier Tradition

Die Rührstädter scheinen davor aber nicht zurückzuschrecken. Störche haben hier Tradition, der älteste Horst, bis heute bewohnt, stammt von 1932. In den 1970er Jahren stieg die Zahl der Störche. Weil die Horste knapp wurden, begannen die Rührstädter, „Wohnungen zuzuweisen“, wie Warnke im typischen DDR-Jargon erzählt. Statt Plattenbau gab es Nisthilfen. Das sind Vorrichtungen aus Holzpaletten und Weidenästen, die von den Vögeln ausgebaut werden. Solche Niststellen stellen die Rührstädter bis heute immer wieder auf. Ein Aufwand, der sich lohnt. „Ein Storch bleibt seinem Horst treu“, erzählt Warnke und fügt augenzwinkernd hinzu: „Aber nicht seiner Partnerin.“

Doch nicht nur beim Nestbau, auch in der Brutzeit sollen es die gefiederten Gäste gut haben. Es gilt Tempo 30 im Dorf, schließlich stakst Adebar samt Gattin auch gerne mal über die Straße. Jedes Jungtier wird beringt und ist so statistisch erfasst. Auf Tafeln an den Gastgeber-Häusern wird Ankunft und Abflug des jeweiligen Vogelpaares dokumentiert. Nicht zuletzt dieser Aufwand brachte Rühstädt als einziger Ort in Deutschland den Titel eines Europäischen Storchendorfes ein, von denen es in ganz Europa nur 13 gibt.

Elbe-Landschaft ist ein Paradies für die Vielfraße

Als größte Storchenkolonie Deutschlands faktor geworden, der Touristen anzieht. Dank ihnen hat das Dorf noch zwei Gasthäuser mit natürlich – passenden – Namen: Zum Storchendorf und Zum Storchenkrug. Doch warum zieht es Adebar nach Rühstädt? Die Elbe-Landschaft rund um das Dorf sei ideal für die staksigen Gesellen, weiß Oliver Krause, Mitarbeiter beim Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe Brandenburg. „Auf den feuchten Elbwiesen finden sie genügend Nahrung“, so Krause. In kleinen, mit Wasser gefüllte Mulden gedeiht Kleingetier wie Frösche, Amphibien und Insekten. Rund sechs Kilo davon verfuttert eine fünfköpfige Storchenfamilie am Tag. Reicht das Nahrungsangebot in einer Saison mal nicht aus, kennen die Eltern allerdings kein Erbarmen. „Da wird schon mal ein Jungtier aus dem Nest geworden“, so Krause.

Am Abend ist das Geklapper groß

Brut und Aufzucht teilt sich ein Storchenpaar. Während der eine beim Nachwuchs bleibt, schleppt der andere das Futter heran und ist dafür den ganzen Tag unterwegs. Erst mit Einbruch der Dämmerung fliegen sie wieder heim und werden mit viel Geklapper begrüßt – ein abendliches Spektakel, das die Rührstädter touristengerecht aufbereiten. Beim „Storchenfeierabend“ folgt nach einem kleinen Imbiss im Storchkrug und einem Rundgang durchs Dorf der Aufstieg auf den Balkon des Dorfspeichers. Zehn Horste hat man von dort oben im Blick, in denen die einsamen Ehegatten auf’s Abendessen warten. Und tatsächlich: Plötzlich beginnt ein Geklapper und Gekreische. Lange vor den Besuchern haben die Storchenfamilien ihre Heimkehrer entdeckt, die mit ihren breiten Schwingen auf die Horste zu segeln. Jetzt hat auch Adebar Feierabend.

Gabriele Kiunke, vom 27.09.2015 00:00 Uhr
  Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Jetzt bewerten!
          0
Kommentare (0)
  • » Kommentare anzeigen
  • » Kommentar schreiben
Autor *
E-Mail * (wird nicht veröffentlicht)
Betreff *
Ihr Kommentar *
* Pflichtfelder