Reise der Woche
Die Stadt, die Insel und das Meer

Rathaus Stralsund: Backsteingotik mit Schaufassade – seit 2002  Unesco-Welterbe Foto: Andrea Weller
Rathaus Stralsund: Backsteingotik mit Schaufassade – seit 2002 Unesco-Welterbe Foto: Andrea Weller

„Und jetzt betrat ich mit schüchternem Fuße das stille Land. Ich schauerte leise zusammen, eine sanfte wehmütige Empfindung weitete das Herz aus. Es war hier alles so stille, so stille, als wenn in der Kirche ein Vaterunser gebetet wird.“ (Karl Nernst, Schriftsteller, „Wanderungen durch Rügen“, 1800)

Rügen, das kann man auch noch heute nachspüren, ist tatsächlich zuallererst eine Empfindung. Sie hat zu tun mit Sehnsucht, Aufatmen, Innehalten, Kraft schöpfen. Es gibt Menschen, die kennen die größte deutsche Insel in-und auswendig, verbringen wieder und wieder ihren Urlaub dort, viele in derselben Pension oder demselben Hotel, auf demselben Campingplatz. Und es gibt andere, die es auch fast 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung noch nicht ein einziges Mal geschafft haben, hierher an die Ostsee zu reisen. Ein Versäumnis.

Wer nach Rügen möchte, sollte auch Zeit für die Hansestadt Stralsund einplanen, sozusagen als Aperitif: Prachtbauten in leuchtend dunkelroter Backsteingotik prägen das Bild des alten Stadtkerns, allen voran die Nikolai-Kirche und das Rathaus mit seiner hohen Schaufassade und den Stralsunder Sternscheiben, seit 2002 Unesco-Welterbe. Macht und Reichtum wollten die Ratsherren und Kaufleute damit zu Beginn des 15. Jahrhundert demonstrieren, sich gar mit Lübeck anlegen, damals Zentrum der deutschen Hanse. „Hoch hinaus und nichts dahinter“, ätzten die Lübecker beim Anblick des prächtigen Verwaltungsgebäudes. Kirchen, Klöster, Kaufmannshäuser mit hohen Giebeln, viele zu Herbergen mit einzigartigem Charme umgebaut wie das Geburtshaus von Carl-Wilhelm Scheele (17421786), dem Entdecker des Sauerstoffs und zahlreicher anderer chemischer Elemente und Verbindungen.

Vom Wasser aus die Skyline Stralsunds erleben

Stralsund und der Hafen: ein Muss für alle, die es ans Wasser zieht. Hier liegt das (Museums) Segelschulschiff „Gorch Fock I“. Es gibt stylische Lokale, aber auch alte, dunkle Seemannskneipen wie die „Zum goldenen Anker“. Von hier aus starten auch allerlei Fähren und Boote. So kreuzen etwa die SegelYachten „Lautlos“ oder „Schwerelos“ beim MondscheinTörn vor der „Skyline“ Stralsunds. Nomen est omen: Nur das sanfte Glucksen der Wellen in den Ohren, während Skipper Bernd Stellmacher, ein gebürtiger Bayer, das 64 Quadratmeter große Hauptsegel setzt, schaltet man wunderbar ab und schaut bei einem Glas Bier oder Sekt dabei zu, wie das Meer und der Himmel um einen herum langsam immer schwärzer werden. Ein Besuch im Ozeaneum, dem gigantischen Meeresmuseum mit seinen teils riesigen Aquarien (das größte Becken fasst 2,6 Millionen Liter), ermöglicht trockenen Fußes eine Reise in die Unterwasserwelt der nördlichen Meere. Schon mal von der Kleinen Schlangennadel oder der Toten Mannshand gehört? Oder einen erwachsenen Blauwal, mit ca. 34 Metern Länge größtes Tier auf der Erde, in Lebensgröße gesehen – wenn auch als Nachbildung? Eben!

So wird das Wetter in Stralsund

Überquert man die kühn geschwungene Rügenbrücke, findet man sich auf der 926 Quadratkilometer messenden Insel Rügen – zehnmal so groß wie Sylt – plötzlich in einer eigenen Welt wieder. Touristenhochburg einerseits. Ein verwunschener, sagenumwobener Ort andererseits. Der immerwährende Wind, der sommers die riesigen Getreidefelder zum Wogen bringt und die Wolken über den Horizont jagt. Das intensive Licht, das die Landschaft in hell leuchtende, impressionistische Farben taucht. Die Luft: samtig weich und erfrischend zugleich. Alles so grün. Dichte Zauberwälder, Buchen, Eichen und Ulmen, Kiefern, gesäumt von Brombeerhecken und Farnen. Dann und wann kleine Moore, Bäche. Und diese Alleen. Tunnel aus Eichen, Kastanien, Birken oder Linden, deren Äste über den teils uralten, schmalen und holperigen Pflastersteinsträßchen ein kühles Spalier bilden, hohe, schattenspendende Laubdächer mit irritierendflirrenden HellDunkelLichtspielen. Unter ihrem Schutz die Urlauber mit Auto oder per Fahrrad auf dem Weg zu den zahlreichen Insel-Attraktionen.

Strahlend weiße Jugendstil-Villen

Dazu zählen natürlich die Kreidefelsen im Nationalpark Jasmund, das Jagdschloss Granitz oder die berühmten Seebäder, allen voran das mondäne Binz. Binz ist hauptsächlich schneeweiß. Strahlend weiße Jugendstil-Villen im Stil der Bäderarchitektur mit gepflegten Rosengärten reihen sich wie an einer Perlenkette entlang der Uferpromenade, in denen teils sündhaft teure Ferienwohnungen an Urlauber vermietet werden. Weiße Strandkörbe am hellsandigen Strand. Mittendrin eines der Wahrzeichen Rügens: das majestätische Kurhaus Binz mit zwei ausladenden Seitenflügeln und Türmchen. Nach einer wechselvollen Geschichte – nach dem Zweiten Weltkrieg diente es etwa als Erholungsheim für Offiziere – ist es heute wieder Luxushotel für die Schönen und Reichen. So schließt sich der Kreis: Als es 1890 eröffnet wurde, war Kaiserin Auguste Viktoria einer der ersten Gäste. Trotz des Pomps ist das Haus offen für Besucher. Nachmittags werden unter der riesigen Glaskuppel im Erdgeschoss Kaffee und üppige Kuchen aus der eigenen Konditorei serviert.

Man kann sich im Kurhaus auch ganz offiziell das JaWort geben. Oder, wenn man dem Wasser ganz nahe und lieber im kleinen Kreis heiraten möchte, ein paar Hundert Meter entfernt auch im Rettungsturm Binz, einem vom Binzer Architekten Ulrich Müther entworfenen Ellipsoid. Das extravagante Gebilde sieht aus wie ein soeben am Strand gelandetes weißes Ufo – superromantisch.

Von Nazi-Bauten zu Ferienanlagen

Auf Rügen gibt es jedoch noch andere spektakuläre Bauten. Etwa in Prora, einem Ortsteil der Gemeinde Binz, wo zwischen 1936 und 1939 das von den Nazis begonnene, aber unvollendet gebliebene „Kraft-durch-Freude“ (KdF) Seebad Rügen steht. Hier sollten 20.000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen können. Zu DDR-Zeiten war der Koloss dann streng bewachte Kasernenanlage. Die Metamorphose ist derzeit in vollem Gang: In einem Teil der auf einer Länge von viereinhalb Kilometern entlang der Küstenlinie aneinandergereihten Häuserblocks gibt es schon einige Jahre eine Jugendherberge. Nun werden weitere Teile saniert und zu kommerziell vermarkteten Ferienwohnungen sowie privaten Eigentumswohnungen umgebaut. Die Lage der monströsen Immobilie am Ostseestrand ist einmalig, die Interessenten geben sich in der Musterwohnung auf dem Gelände die Klinke in die Hand. Die eine Hälfte des Komplexes ist bereits fertig, mit hellen Fassaden und modern ausgestatteten Appartements. „Wir haben in den letzten zwei Jahren rund 200 Wohnungen verkauft“, sagt Roland Klein von der Berliner Vermarktungsfirma enthusiastisch. Ein Dokumentationszentrum  erinnert an die unrühmliche Vergangenheit des Bauwerks.

So hat Rügen Fans mit ganz unterschiedlichen Interessen: verwöhntes Genießer-Publikum, Naturliebhaber, (FKK) Sonnenanbeter, Radler, Ruhebedürftige, Geschichtsbewusste, Kulturund Architekturfreunde – aber immer Menschen mit Liebe zur Ostsee.

In unserer Bildergalerie sehen Sie alle Sehenswürdigkeiten von Stralsund und Rügen

Andrea Weller aus Stralsund, vom 30.08.2014 00:00 Uhr
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