Schweizer Reformationsgeschichte
Genf und Calvin über Kreuz

Die Kathedrale Saint-Pierre in Genf. Auch hier finden sich Spuren des Reformators Jean Calvin. Foto: shutterstock/photo.ua
Die Kathedrale Saint-Pierre in Genf. Auch hier finden sich Spuren des Reformators Jean Calvin. Foto: shutterstock/photo.ua

Ein schmales Gesicht mit spitzer Hakennase, der Blick streng und durchdringend. Auf dem Kopf die im 16. Jahrhundert angesagte Bandhaube mit Barett. Dazu ein langer Zottelbart, wie er heute bei Hasspredigern Mode ist – sympathisch sieht Jean (Johannes) Calvin nicht aus. „Jeder Mensch ist ein Kind seiner Zeit und der Umstände, in denen er lebt“, sagt Evelyn Riedener-Meyer diplomatisch. Die 66-jährige Kunsthistorikerin ist Calvin-Expertin und führt Touristen auf dessen Spuren durch Genf. Viele Besucher interessieren sich für die Reformation und deren umstrittene Lichtgestalt. Und auch die, die sich lieber das Uhrenmuseum oder das Hauptquartier der Vereinten Nationen ansehen, stoßen irgendwann auf Jean Calvin. Denn ohne ihn wäre all das nicht denkbar.

Calvin (1509–1564) gilt nach dem Deutschen Martin Luther (1483–1546) als wichtigster Kopf der Reformation. Der Franzose wirkte in Genf. Doch warum dort? „Purer Zufall, er blieb auf der Durchreise hängen“, erzählt Evelyn Riedener-Meyer. Jean Calvin stammt aus Noyon nördlich von Paris und war Jurist – kein Theologe wie Luther. Als Anhänger der neuen evangelischen Frömmigkeit musste er aus seiner Heimat fliehen und ging ins Exil nach Basel. 1536 wollte er nach Straßburg umsiedeln. Vorher ging es nach Hause, um mit seinen Brüdern das väterliche Erbe aufzuteilen. Auf der Rückreise musste er einen kriegsbedingten Umweg nehmen, machte in Genf Station – und blieb. Vorerst. Dazu überredet hatte ihn Guillaume Farel, bis zu Calvins Eintreffen Kopf der Genfer Reformation. Farel hoffte, gemeinsam mit dem durch seine klugen Schriften bekannten Franzosen den neuen Glauben weiter in der Stadt zu festigen.

Calvin und sein Freund Farel flogen in hohen Bogen aus der Stadt

Doch die Sache ging schief. Denn Calvin – der gestrenge Gesichtsausdruck verrät es – dachte nicht nur messerscharf, sondern handelte auch kompromisslos. Er gilt als sittenstreng, nachgerade radikal. Mit harter Hand versuchte er, die Menschen zum Glauben zu zwingen. Das kam bei den Genfern nicht gut an: 1538 flogen Calvin und sein Freund Farel in hohem Bogen raus. Drei Jahre später waren sie wieder da und durften bleiben. Denn zu diesem Zeitpunkt beanspruchte auch der von den Reformatoren vertriebene katholische Bischof die Stadt wieder für sich. Da schien der hagere Franzose das kleinere Übel. Calvin gelangte so auch zu politischer Macht.

Manche Spuren kann man noch 500 Jahre später finden. Die meisten davon in der Altstadt, die auf einem für Schweizer Verhältnisse kleinen Berg liegt. Nur wenige Meter lang ist die kopfsteingepflasterte, schmale Gasse namens Rue Jean Calvin. „Früher hieß sie Rue des Cha­noines, Straße der Domherren“, erzählt Evelyn Riedener-Meyer. 1860 wurde das Sträßlein zu Ehren des früheren Bewohners von Haus Nummer 11 umgetauft.

Nur einen Steinwurf entfernt liegt das Collège Calvin. Die Schule der Sekundarstufe II wurde 1559 gegründet. Sie gehört heute zu den ältesten öffentlichen Schulen der Welt. Besonders viele Zeugnisse Calvins sind im Musée Internationale de la Réforme versammelt. 2005 wurde das Museum für den Protestantismus gegründet und seither mehrfach ausgezeichnet. Darin finden sich Erstausgaben von Calvins Schriften, verschiedene Bibelübersetzungen, Manuskripte, Bilder und Gegenstände, die angeblich Calvin gehört haben. In der Kathedrale Saint-Pierre nebenan steht sogar ein Stuhl, auf dem er gesessen haben soll. Ob’s stimmt? Alles eine Frage des Glaubens.

Unter Calvin wurde Genf zum „protestantischen Rom“

„Theologisch hat er wenig Neues gebracht. Als seine große Leistung gilt, dass er die Ideen seiner Vordenker weiterentwickelt und perfektioniert hat“, erklärt Marlyse Bledi, ebenfalls Fremdenführerin und Calvin-Fachfrau. Immerhin erfand der Franzose eine nach ihm benannte religiöse Lehre. Der Calvinismus machte rund um den Globus Karriere, etwa 80 Millionen reformierte Christen weltweit berufen sich heute auf ihn.

Während seiner Regentschaft wurde Genf zu einem Zufluchtsort für Anhänger der Reformation, die in ihren Herkunftsländern verfolgt wurden. Marlyse Bledi deutet auf die obersten Stockwerke der Häuser in der Altstadt: „Diese niedrigeren Etagen wurden nachträglich aufgesetzt, um Wohnraum für all diese Menschen zu schaffen“, erklärt die Fremdenführerin. Die Flüchtlinge – meist Pfarrer, Gelehrte, Ärzte, Kaufleute, Bankiers, Handwerker – brachten ihr Wissen und Können mit. Sie verhalfen der Stadt zu wirtschaftlicher Blüte. Aus dem eher unbedeutenden Provinznest wurde ein intellektuelles Zentrum, auch „protestantisches Rom“ genannt.

„Und man denke nur an die Uhrenindustrie und das Bankwesen“, sagt Marlyse Bledi. Dass sich diese beiden Wirtschaftszweige ausgerechnet in der Schweiz prächtig entwickelten, hat auch indirekt mit Calvin zu tun. Fleiß, Disziplin und Erfolg im Diesseits sind nach der Auffassung des Reformators eine Art Fahrschein ins Himmelreich. Daher gilt er als spiritueller Vater des Kapitalismus. Seine Lehre machte die Genfer reich, den Reichtum wiederum sollten sie aber nicht zeigen. Denn Calvin hielt Schmuck für überflüssigen Tand. Uhren hingegen messen die Zeit und haben so einen praktischen Nutzen. Also konzentrierten sich die in Genf ansässigen Goldschmiede auf die Produktion von Chronometern.

Kompromisslos wie ein Ayatollah

In der Forschung ist Calvin umstritten, und auch zu Lebzeiten hatte er nicht nur Freunde. Der Reformator gilt als kompromisslos wie ein Ayatollah. Er verbot quasi alle Freuden des Lebens, propagierte harte Arbeit und installierte einen Überwachungs-Gottesstaat. Mit alttestamentarischer Strenge ließ er foltern und sogar Todesurteile vollstrecken. Viele Genfer wünschten ihn zum Teufel, vor allem mit den Reichen lag er über Kreuz. Übrigens soll er die Stadt an der Rhone auch nicht besonders gemocht haben. Dennoch blieb er – weil er es für eine Art göttlichen Auftrag gehalten hatte.

1909, zum 400. Geburtstag des Reformators, spendierte ihm die Stadt ein monströses Denkmal. Die Reformationsmauer erstreckt sich über beeindruckende 100 Meter entlang des ehemaligen Befestigungswalls am Fuß des Altstadthügels. In der Mitte überlebensgroß und mächtig: Calvin und seine drei Vertrauten Guillaume Farel, Theodore Bezé und John Knox. Martin Luther und der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli bekamen je nur einem mannshohen Steinquader am Rand.

Calvin wäre das bestimmt nicht recht gewesen. Der Prophet der Ehre Gottes wollte nicht verehrt werden. Deshalb ließ er sich auch ohne Zeugen und Trauerfeier an einem unbekannten Ort beisetzen. Evelyn Riedener-Meyer hat dennoch einen Tipp: „Calvins Grab befindet sich auf dem ehemaligen Pestfriedhof, dem Cimetière des Rois im Stadtteil Plain­palais. Man weiß aber nicht, wo genau.“

Das Wahrzeichen der Stadt ist eine Wasserfontäne

Käme Calvin im Jahr 2017 nach Genf, wäre er wohl entsetzt. So viel Trubel und Lebensfreude, so viel Luxusboutiquen und Fresstempel. Genf gilt heute als kulinarische Hauptstadt der Schweiz. Hier weiß man zu genießen. Beim ersten Sonnenstrahl stellen die Wirte Tische und Stühle vor die Tür. Schon mittags wird draußen getafelt, auch unter der Woche mehrere Gänge plus Wein. An der Stelle des Gasthauses in der Rue de la Croix d’Or, in der Calvin 1536 sein erstes Quartier in Genf bezog, befindet sich heute ein Fachgeschäft für Unterwäsche.

Als Wahrzeichen der Stadt gilt eine Fontäne, die das Wasser des Genfer Sees 146 Meter in die Höhe schießt. Der Jet d’Eau ist sinnlos, aber schön – vor allem, wenn der Sprühnebel des herabfallenden Wassers einen Regenbogen an den Himmel malt. Und auf der Wiese vor der Reformationsmauer chillen Studenten der Universität. Von den strengen Blicken der Steingestalten lassen sie sich nicht stören.

 

Susanne Hamann, vom 06.06.2017 12:34 Uhr
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