Per "Cabrio" durch Berlin
Oben ohne durch die Unterwelt

Dieses kleine rote Kraftpaket wird in wenigen Minuten den Zug der fröhlichen Leute durch das U-Bahn-Netz in Berlin ziehen und schieben. Foto: Eichler
Dieses kleine rote Kraftpaket wird in wenigen Minuten den Zug der fröhlichen Leute durch das U-Bahn-Netz in Berlin ziehen und schieben. Foto: Eichler

Berlin-Alexanderplatz, kurz vor 19 Uhr an einem Freitag. Auf Gleis 4 der U-Bahn-Linie 5 steht ein seltsames Zug-Gebilde zur Abfahrt bereit. Vorneweg ein kantiges, knallrotes Lokomotiven-Kraftpaket. Dann drei ebenfalls rotlackierte offene Plattformwagen mit jeweils zwei Sitzreihen über die gesamte Länge. Und zum Abschluss komplettiert ein Steuerwagen das ungewöhnliche Fahrzeug-Ensemble.

Die drei Wagen sind mit 150 Leuten rappelvoll besetzt. Ausgerüstet mit gelben Helmen und kleinen Empfängern für den Erzähler im Ohr hocken Männlein und Weiblein, Alte und Junge, Berliner und Touristen Rücken an Rücken auf den Klappsitzen - die einen haben folglich die türkisen Kacheln der Alex-Bahnhofswand zum Greifen nah vor der Nase, die anderen das Feierabend-Gewusel der Hauptstadt. Beide Sichtweisen werden im Laufe des Abends fortwährend wechseln.

Im Steuerwagen sitzt Dominic Poncé. Der Mann hat das Sagen - im doppelten Sinn. Er führt und moderiert die zweistündige Tour durch das Labyrinth der Berliner Untergrundbahn. Eine Welt, die dem Normalbürger in der Regel strikt verschlossen bleibt und in der er auch nichts sehen würde, selbst wenn er dürfte: „Die Festbeleuchtung in den Tunneln haben wir heute nur für Sie angeknipst“, erfreut Poncé denn auch sogleich sein Publikum, „unsere U-Bahn-Fahrer haben es bei der Arbeit stockdunkel.“

"Der quatscht sich ja die Zahnleisten locker"

Punkt sieben. Die Fahrt beginnt. Mit gemütlichen 25 Sachen zockelt der Zug hinein in den ersten Tunnel, „natürlich viel langsamer als im Normalbetrieb, aber Sie sollen uns ja nicht im Fahrtwind erfrieren“. Schon jetzt ahnt man: Poncé ist gleichermaßen Frohnatur wie Quasselstrippe. Fortan wird er reden wie ein Wasserfall. „Donnerwetter“, raunt der Mann neben mir beeindruckt, „der quatscht sich ja die Zahnleisten locker.“

Zu berichten hat Dominic in der Tat allerhand. Je nachdem, wo der Zug sich gerade befindet, sprudeln aus ihm Geschichten und Anekdoten heraus, plündert er gnadenlos den schier unerschöpflichen Fundus seiner Untergrund- Kenntnisse.

Wir lernen, dass die Berliner U-Bahn-Trassen im „Tagebau“ exakt unter den Straßen angelegt wurden, manche Kurven aber wegen des größeren Radius unter Häusern verlaufen und diese dann wegen der auftretenden Schwingungen entkoppelt werden müssen, wie die Fachleute sagen. Oder dass manche Straßen so eng waren, dass die Verkehrsgesellschaft alte Ladengeschäfte in anliegenden Häusern kaufen musste, um dort die Ausgänge einrichten zu können.

Wir sehen Wehrkammeranlagen unter Spree und Panke und erfahren, wie sie im Falle eines Wassereinbruchs funktionieren. Oder dass schwere Tunnelbautechnik nach Abschluss der Arbeiten über so genannte Revisionsöffnungen zurück ans Tageslicht befördert werden kann.

Poncés Parforceritt führt durch Raum und Zeit, durch Bau- und Stadtgeschichte. An die Nazis erinnern unter anderem diverse Bunker, an Mauerbau und Teilung Berlins die dicken weißen Striche zur Markierung der Sektorengrenzen. Wir wechseln mehrfach die Richtung, passieren ovale, eckige und runde Tunnel; sogar eine dreigeschossige „Kathedrale“ hat unter der Erde Platz gefunden. Wir sehen den einstigen Geisterbahnhof Heinrich-Heine-Straße, auf dem zwischen 1961 und 1989 kein Zug auf seiner Fahrt von West nach West über Ost halten durfte. Wir fahren am Gesundbrunnen 14,75 Meter unter Straßenniveau - in der Regel liegen die Bahnsteige 4,25 Meter unter der Straßenoberfläche.

So viel gute Laune im ruppigen Berlin

Großen Bahnhof gibt es überall dort, wo der Cabrio-Zug durchfährt oder hält. Die Leute auf den Bahnsteigen lachen und winken, die Passagiere machen's genauso - soviel gute Laune sieht man sonst selten so geballt im eher ruppigen Berlin. „Alles, was hier und heute kreucht und fleucht, haben wir natürlich zur Feier des Tages extra für Sie herbestellt und dafür weder Kosten noch Mühen gescheut“, scherzt Dominic und erntet die gewünschten Lacher.

Nach einer Stunde Toiletten- und Fotopause auf dem Bahnhof Seestraße. Auch jetzt hat der auf Hochtouren laufende Chef mit der hugenottischen Abstammung und der kessen Lippe keine Zeit zum Verschnaufen - die Leute löchern ihn mit Fragen und überhäufen ihn mit Lob; beide Seiten jedenfalls scheinen Spaß zu haben.

Die Bahnhöfe sind stets ein Thema für sich. Der Hermannplatz zum Beispiel ist hohl wie ein Schweizer Käse und hat direkten Zugang zum einstigen Platzhirsch-Kaufhaus Karstadt. Die Osloer Straße wurde in Farbgebung und Gestaltung der norwegischen Nationalflagge nachempfunden, in der Bernauer Straße schwedischer Granit verbaut. Die Graf Zeppelin-Rose gab den Orange-Ton vor für den Rosenthaler Platz, auch wenn der eher ein „changierendes Rot“ trägt, wie Dominic ein bisschen mäkelt. Und an der Weinmeisterstraße, deren Wände aussehen wie mit Rebensaft übergossen, gab es schon im 17. Jahrhundert einen Weinberg. So einfach ist das.

Man mag es kaum glauben, aber selbst Graffiti sind bei der U-Bahn ein Thema. Ein gewisser Roy hat sich in mehreren Tunneln verewigt, beileibe nicht als einziger. Ein teures Problem, seufzt der Moderator scheinbar betrübt, um anschließend - man hört ihn förmlich grinsen - fröhlich zu verkünden, dass man Sprayern und Scratchern den Spaß an der Freude am besten mit den billigsten Baumarktfliesen vermiese – da bleibe nämlich kaum was dran haften.

Als das U-Bahn-Cabrio – übrigens eine weltweit einmalige Attraktion – den Alexanderplatz wieder erreicht, hat es 35 Kilometer Strecke zurückgelegt. Ist über die Gleise von fünf U-Bahn-Linien gerollt und hat dabei drei Aufstellanlagen und vier Verbindungstunnel passiert. Es ist durch die Bezirke Mitte, Friedrichshain- Kreuzberg und Neukölln gefahren und hat dabei viermal die Spree unterquert, je zweimal den Landwehrkanal und die Panke. Und dem Abschluss-Kommentar eines begeisterten Berliners ist absolut nichts mehr hinzuzufügen: “Mann, dit war janz jroßet Kino!“

Ekkehart Eichler, vom 14.04.2015 05:56 Uhr
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