Österreich
Auf Streifzug in Kitzbühel

In den adretten Häusern der Hauptstraße von Kitzbühel finden sich heute fast ausschließlich Edel-Boutiquen.  Foto: Markus Mitterer/Kitzbühel Tourismus
In den adretten Häusern der Hauptstraße von Kitzbühel finden sich heute fast ausschließlich Edel-Boutiquen. Foto: Markus Mitterer/Kitzbühel Tourismus

Kitzbühel - Pepi Treichl geht tief in die Hocke, den Oberkörper weit nach vorn gebeugt: „Konzentration!“, ruft er. „Das erste Stück ist verflixt steil. Nach sechs Sekunden habt’s schon 100 Kilometer pro Stunde drauf, und dann - “, er macht eine bedeutungsvolle Pause, „seid’s in der Mausefalle. 85 Prozent Gefälle!“ Pepi Treichl streckt sich, setzt zum Sprung an, landet im Geiste im eisigen Steilhang, neigt sich in die Kurve, geht in die Knie, gleitet durchs Gschöss. Dann wird die imaginäre Fahrt wieder unruhig, Alte Schneise, Seidlalm, Lärchenschuss, Hausberg: „Da müssen die Beine als Stoßdämpfer funktionieren! Bloß den Schneekontakt nicht verlieren“, ruft der 62-jährige Kitzbüheler und beugt die Knie: Zielschuss in die Rasmusleitn. Geschafft. Die Zuschauer atmen hörbar auf.

Die Streif, jene legendärste Abfahrtsstrecke der Welt, ist eine aufregende Sache. Selbst dann, wenn man in sicherer Entfernung von einigen Hundert Metern auf einem Friedhof steht und nur von weitem den Zielbereich erkennen kann. Klar, dass bei der letzten Ruhestätte von Skilegende Toni Sailer, der 2009 starb, das Hahnenkammrennen zur Sprache kommen muss. Und Pepi wäre nicht der Pepi, wenn er einfach nur erzählen würde. Pepi, eigentlich Josef Treichl, war früher Chef der Stadtmusik und Skilehrer. Heute musiziert und wedelt er nur noch privat. Doch ein Herz für Gäste hat er noch immer. Am liebsten führt er Besucher auf verschlungenen Wegen durch die Skistadt. Wer Kitzbühel abseits der champagnerseligen Gelage der In-Bars Stamperl und Fünferl kennenlernen möchte, ist bei ihm richtig. Wer hätte gedacht, dass der Kitzbüheler Ski Club in einem Gebäude residiert, das früher ein Gefängnis war? Den Pfarrhügel mit den beiden charakteristischen Kirchen Kitzbühels kennen viele, doch warum da zwei Gotteshäuser in unmittelbarer Nachbarschaft nebeneinander stehen? Pepi Treichl weiß es: „Kitzbühel hat ein Bild der Mutter Gottes geschenkt bekommen, eine Kopie einer Mariendarstellung von Lucas Cranach. Die musste irgendwo hin.“ Schon als kleiner Bub verdiente sich Treichl ein paar Schilling dazu, indem er für englische Touristen Caddy auf dem Golfplatz spielte.

"Wir definieren uns über unsere Tradition als gewachsener Ort“

Briten kamen - und kommen - seit den dreißiger Jahren in Scharen nach Kitzbühel, angelockt durch Edward Windsor, Prince of Wales, der 1935 zwei Wochen in dem kleinen Städtchen in Tirol urlaubte. „Das ist der, der wegen der geschiedenen Amerikanerin auf den Thron verzichtet hat“, erklärt Pepi Treichl. Edward, der britische Lebemann, ebnete den Weg für Jetset und Schickeria, die noch heute regelmäßig aus London, Wien oder München zum Wilden Kaiser stürmen. Nicht umsonst hat das Bergdorf das Flair einer Großstadt: in den adrett bunt gestrichenen Häusern der Fußgängerzone finden sich ausschließlich Boutiquen nobler Marken. Louis Vuitton, Bottega Veneta, Jimmy Choo, Prada, Gucci, Moncler, Tod’s - eben eine „Provinzstadt mit Nerz“, wie mancher Spötter gerne witzelt. Claudia Waldbrunner hört derlei Scherze gar nicht gerne: „Wir sind kein Schickeria-Ort. Promis finden Sie hier höchstens rund um das Hahnenkammrennen und andere Events. Wir definieren uns über unsere Tradition als gewachsener Ort, als Sportzentrum der Alpen“, sagt die PR-Dame von Kitzbühel Tourismus. Bis ins 19. Jahrhundert war Kitzbühel eine Bergbaustadt, man lebte vom Kupferabbau.

21 Kilometer Tunnel und vier Kilometer Schächte sollen sich allein im Hahnenkamm befinden. Doch dann hatte ein Mann namens Franz Reisch die Idee, sich zwei Holzbretter unter die Schuhe zu schnallen. „Er hat sich ein paar Brettl aus Norwegen schicken lassen und ist damit am 15. März 1893 vom Kitzbüheler Horn gefahren. Die erste hochalpine Skiabfahrt Österreichs“, erzählt Stadtführer Treichl und schaut so stolz, als sei er damals leibhaftig dabei gewesen. Reisch, ein Kaufmann aus Kufstein, setzte einen Riesentrend: Im Jahr 1902 wurde die Wintersportvereinigung Kitzbühel gegründet, 1931 in Kitzbüheler Ski Club (K.S.C.) umbenannt. Seit demselben Jahr stürzen sich Wagemutige beim Hahnenkammrennen die Streif hinunter. Pepi Treichl wird pathetisch: „Das, was di Berg ausstrahlen, das geben di Leut zurück.“ Die Tiroler hier seien viel offener als andere. Das liege an den Tälern, die hier viel weiter seien als etwa im Ötztal. Horst Ebersberg sieht das ganz anders: „Die Kitzbüheler sind ein traditionell zurückhaltendes, um nicht zu sagen fremdenscheues Bergvolk.“ Der 77-jährige Ex-Journalist ist am Hahnenkamm groß geworden, keine 80 Meter vom Start entfernt steht sein Haus. Dennoch - oder gerade deshalb - sieht er den Fremdenverkehr kritisch.

Er meidet Lokalitäten, in denen sich zu viele Touristen, vor allem solche der oberen Zehntausend, herumtreiben und in denen man nicht rauchen darf. Im Rasmushof darf man rauchen, und gegenüber an den Bar treffen sich echte Einheimische - der halbe Gemeinderat. Es ist Samstag, die Herrschaften genehmigen sich einen Absacker nach dem Skitag. „Sportlich können die Kitzbüheler schon lange nicht mehr in der Weltspitze mitmischen“, sagt Ebersberg. „Das hektische Tourismus­dasein und der Wohlstand scheinen kein guter Nährboden für Spitzensportler zu sein.“ „Kitzophrenie“ kritisiert Ebersberg den Größenwahn der Stadt und steckt sich noch eine Zigarette an. Kaufen habe sich der Ort lassen. Ein einst gemütliches Dorf mit gerade 8000 Einwohnern spiele sich als Großstadt auf, als schicker Shopping-Hotspot für die sehr betuchten Besucher und Zweitwohnsitzler. Vor allem die vielen, die meiste Zeit des Jahres unbewohnten Ferienhäuser sind dem Kitzbüheler ein Dorn im Auge.

„Die zahlen jeden Preis, und die Jungen können sehen, wo sie bleiben“, sagt der 77-Jährige. Viele der protzigen Zweitwohnsitz-Villen seien unter zweifelhaften Umständen entstanden: „Wir haben unsere Heimat und unsere Seele verkauft.“ Immerhin regt sich seit kurzem Widerstand. Eine Bürgerinitiative wehrte sich 2011 erfolgreich gegen die Bebauung des Stadtparks. In der Siedlung Sonngrub und im Gebiet Einfang entstanden Häuser, die nur an einheimische Familien zu erschwinglichen Preisen verkauft wurden. Sozialer Wohnungsbau in der Stadt der Schampuspartys. Auch Ebersberg wurde schon sehr viel Geld geboten für sein Haus am Hahnenkamm. Doch er verkauft nicht. Dafür liebt er den Berg viel zu sehr. Noch ehe die erste Gondel morgens hinauffährt, fährt er manchmal die Streif hinunter. Alte Schneise, Seidlalm, Lärchenschuss. Dann der Hausberg.

Susanne Hamann aus Kitzbühel, vom 10.12.2012 05:00 Uhr
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