Kroatien
Kvarner - die herbe Schwester des lieblichen Istrien

Wer den Teutonengrill an der Adria kennt, kann an der östlichen Küste viel entdecken - etwa die kroatische Region Kvarner mit ihren vielen Inseln. Einige Impressionen in unserer Bildergalerie. Foto: Shutterstock/Pablo Debat
Wer den Teutonengrill an der Adria kennt, kann an der östlichen Küste viel entdecken - etwa die kroatische Region Kvarner mit ihren vielen Inseln. Einige Impressionen in unserer Bildergalerie.Foto: Shutterstock/Pablo Debat

Schroff fallen die steilen Felsen ins Meer ab. Olivenbäume und Pinien klammern sich an die Hänge. Zwischen struppigem Buschwerk und dornigen Sträuchern quillt karstiges Gestein aus den Hängen. An den meisten Stellen hat die Bora, der launische Nordostwind, die fruchtbare Krume weggetragen. Nur spärlich wachsen Macchia und Kräuter aus den Steinritzen, gerade genug für die Schafe, die hier seit Jahrhunderten für das Auskommen der Bauern sorgen. Wer sich der Insel Cres aus Richtung Brestova vom kroatischen Festland aus mit der Fähre nähert, stößt in Porozina auf eine raue Schönheit. Cres ist schüchtern, zeigt zunächst die kalte Schulter, biedert sich nicht an. Doch mit jedem Kilometer, den sich die Straße über das Eiland gen Süden windet, wird die knapp 400 Quadratkilometer große Adria-Insel ein Stück sanfter, bis sie schließlich ein weites, anmutiges Tal preisgibt, das sachte zum Meer führt. Was für eine Steigerung - ein buchstäbliches Cres-cendo. Inmitten von prächtigen Olivenwäldern kuschelt sich der gleichnamige Hauptort in die Bucht. In Cres schließt die Insel ihre Gäste versöhnlich in die Arme.

„Das ist kein Alkohol, das ist Medizin“

Ein Örtchen mit italienischem Flair: Motorboote haben an der quirligen Uferpromenade festgemacht. Die Bauern aus der Umgebung bieten in der offenen Markthalle Olivenöl, Honig und Marmelade an. Im Straßencafé lassen sich Einheimische den Cappuccino schmecken. Eine Handvoll Touristen kommt mit dem Rad des Weges. Der Ort wirkt fremd und doch seltsam vertraut. Kein Wunder: Einst herrschten hier die Venezianer, abzulesen an den steinernen Markuslöwen rund um den Marktplatz, der hier nicht „Piazza“, sondern „Trg“ heißt - Kroaten halten Vokale für überbewertet. Ein perfekter Ort für Italophile, die auf der anderen Seite der Adria schon alles kennen. Wem der Trubel am Mandrac, am Hafenbecken, zu viel wird, findet nur ein paar Schritte vom Wasser auf halbem Weg zur Marina eine Oase der Ruhe. Im Kloster Sv. Frane, dem heiligen Franz, leben Pater Zdravko Tuba (48) und weitere fünf Mönche. Rasch packt der Pater sein Smartphone unter die Soutane und erzählt, dass das Kloster 1250 gegründet wurde. Die Franziskanermönche sind sehr weltoffen. Sie haben nicht nur eine Satellitenschüssel auf dem Dach, zeigen ihre Kunstsammlung und veranstalten Konzerte im Innenhof, sie brennen auch einen vorzüglichen Fenchelschnaps. „Das ist kein Alkohol, das ist Medizin“, sagt Pater Zdravko und lächelt verschmitzt. 40 Kunar, etwas mehr als fünf Euro, kostet ein halber Liter. Auch die Kirche muss für ihr Auskommen sorgen.

Die übrigen 3000 Einwohner von Cres leben ein bisschen vom Tourismus und hauptsächlich von der Schafzucht. Weil die genügsamen Tiere in salziger Luft gewachsene Kräuter knabbern, sind sie quasi von innen gewürzt. Da könne man beim Kochen nicht viel falsch machen, sagt Antica Kucica. Das ist natürlich untertrieben. Die Lammgerichte, die die 60-Jährige und ihr Mann Bruno in ihrem Gasthaus Bukaleta anbieten, sind einfach und gut. Auf rot-weiß karierten Tischdecken wird alles aus Lamm serviert: Suppe, Fleischgang, sogar die Palacinke zum Nachtisch sind mit Lammquark gefüllt. Seit 1980 führen die Kucicas den Landgasthof in Loznati. Die Seniorchefin spricht perfekt Deutsch. Ob sie in Deutschland gelebt hat? „Oh nein, ich war dort nur vier Tage im Urlaub - in München“, sagt sie. Die Menschen in der Region Kvarner wechseln spielend zwischen mehreren Sprachen hin und her. Das hat mit der Geschichte des Küstenabschnitts zu tun, der mal zu Österreich-Ungarn gehörte, mal zu Italien, mal zu Jugoslawien und nun zu Kroatien.

Viele Krker pendeln zur Arbeit nach Rijeka

Oft wird angenommen, dass Istrien nahtlos in Dalmatien übergeht. Das dazwischengeklemmte Kvarner kennt fast niemand - noch. Zu Zeiten Titos brach der Massentourismus über die Gegend herein, danach wurde es still. Nun entdecken Individualtouristen die herbe Schwester des lieblichen Istrien. Hier findet man noch unberührte Buchten, einsame Kiesstrände und begegnet auf Spaziergängen am Meer höchstens einem Esel. Mit der Fähre geht es von Merag nach Valbiska auf der Nachbarinsel Krk. Das Eiland mit drei Buchstaben ist touristisch mehr erschlossen, was an einer Brücke zum Festland liegt. Den Bau hat der frühere jugoslawische Präsident Tito in Auftrag gegeben, die Fertigstellung 1980 aber nicht mehr erlebt. Viele Krker pendeln zur Arbeit rüber nach Rijeka, eine nicht sehr ansehnliche Industriestadt.

Zeljko Juranic würde das im Traum nicht einfallen. Der 58-Jährige ist Winzer in Vrbnik, einem zauberhaften Ort an Krks Ostküste. Durch verwinkelte Straßen und wahnwitzig schmale, teils nur 40 Zentimeter breite Gässchen spaziert man zu seinem Weingut, das kurioserweise mitten im Ortskern liegt. „Die Tanks sind eckig und daher extra platzsparend“, sagt der Winzer und zeigt stolz seinen Weinkeller, kaum größer als eine Doppelgarage. Hier lagert Zlahtina, ein besonderer Weißwein. „Die Reben wachsen nur hier bei uns. Sonst nirgends auf der Welt!“ Nach frisch gemähter Wiese schmeckt der Wein, sehr herb. Wie sonst in dieser Gegend?

60.000 Flaschen produziert die Familie Juranic im Jahr und exportiert sie sogar bis zur EU nach Brüssel. Der Großteil jedoch wird auf der Insel selbst und in den ambitionierten Restaurants auf dem Festland getrunken. An der Riviera Opatija versucht man, die Pracht vergangener Jahre wieder aufzupolieren. Vor 100 Jahren war die Küste bei der feinen Gesellschaft der Donaumonarchie beliebt. Ehrwürdige Grandhotels und eine nach Kaiser Franz Joseph benannte Uferpromenade zeugen von dieser prächtigen Epoche. Inzwischen sind viele Jugendstilvillen verfallen. Zu Zeiten Titos wurden die Gebäude den Besitzern weggenommen und an hohe Beamte oder Militärs verschenkt. Doch die wurden nicht im Grundbuch eingetragen, sondern bekamen nur ein Wohnrecht auf Lebenszeit. Nur die Häuser mit geklärten Besitzverhältnissen sind heute renoviert. Dazwischen: Verfall. Eine Küste im Aufbruch. Wie schön alles einmal werden wird, lässt sich im Hinterland erahnen. Etwa in Kastav, einem kleinen Künstlerdorf auf einem 365 Meter hohen Berg über Opatija. Das St. Paul de Vence Kroatiens glänzt mit verwinkelten Gässchen, windschiefen Häuschen und jeder Menge Galerien. Von hier oben hat man eine fantastische Aussicht auf die Bucht. Im Hintergrund leuchten die Inseln Krk und Cres mit ihren schroffen Felsen wie im Meer versunkene Gebirge. Abweisend. Und doch so einladend.

Susanne Hamann aus Cres, vom 19.02.2013 18:12 Uhr
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