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Kolumbien
Die Verlorene Stadt

Das Gebirge Sierra Nevada de Santa Marta am nordöstlichsten Zipfel Kolumbiens ist das letzte Aufbäumen der Anden, bevor der südamerikanische Kontinent in der Karibik abfällt.  Foto: shutterstock/Scott Biales
Das Gebirge Sierra Nevada de Santa Marta am nordöstlichsten Zipfel Kolumbiens ist das letzte Aufbäumen der Anden, bevor der südamerikanische Kontinent in der Karibik abfällt. Foto: shutterstock/Scott Biales

Und dann überholt er schon wieder. In weißer Tunika und weißen Hosen nimmt der Kogi leichtfüßig die Steigung, die Beine stecken in Gummistiefeln, die langen schwarzen Haare wehen im Wind. Auf der Stirn des kleingewachsenen Indios: kein Schweißtropfen.

So wird das Wetter in Kolumbien

Und so, als ob er die kleine Wanderschar verhöhnen wollte, bleibt er oben stehen und holt aus seiner Umhängetasche seinen Poporo: einen kleinen ausgehöhlten Kürbis mit langem Hals. Das Ding ist mit Muschelkalk gefüllt, der Kogi führt einen Stab hinein, leckt daran und reibt die Spucke an der Außenhaut des Kürbisses ab.

Der Effekt ist verblüffend. Denn mit den Monaten wird der Poporo durch die Kalkablagerungen immer größer – bis er schließlich zu voluminös ist, um im Beutel der Kogis mitgeführt zu werden. Dann wird ein neue Poporo in Angriff genommen.

Materialisierte Gedanken

Dem Kogi-Glauben zufolge stellt so eine gewachsene Kalabasse die Materialisierung der Gedanken ihres Besitzers dar. Je besser die Gedanken, umso schöner der Poporo. Aber der Poporo dieses Kogi ist noch klein und so muss sein Wachstum stetig befördert werden. Das heißt: alle fünf Minuten. Die Poporo-Pflege hindert den Kogi aber nicht daran, wie ein Wiesel durch den Dschungel zu flitzen. Der Mann ist nämlich auch Koch und will vor der Wandergruppe im Camp sein, um das Abendessen vorzubereiten. Nicht in seiner Funktion als Koch ist er allerdings komplett in weiß gekleidet. Die Kogis tragen immer und überall weiß.

Als auch die Wanderer die Anhöhe erklommen haben, ist der Kogi schon weg und die Gruppe hat es während des Aufstiegs auseinandergerissen. Denn in so einer bunt zusammengewürfelten Schar gibt es immer ein paar Bergziegen und solche, die in der Zivilisation keinen Fahrstuhl auslassen.

Hier aber gibt es nur einen schmalen Pfad, der sich durch den Dschungel der Sierra Nevada de Santa Marta windet. Das Gebirge am nordöstlichsten Zipfel Kolumbiens ist das letzte Aufbäumen der Anden, bevor der südamerikanische Kontinent in der Karibik abfällt. Ihre beiden höchsten Gipfel sind 5700 Meter hoch und machen die Sierra Nevada zum zweithöchsten Küstengebirge der Welt. Küstengebirge, das ist hier ganz wörtlich zu nehmen. Nur einige Kilometer weiter unten kann man am Strand liegen, Cocktails trinken und sich vorstellen, wie der Wind über die schroffen Berge pfeift, die schneebedeckt am Horizont aufragen.

Vergessener Urwaldschatz

Ob dieser Strandperspektive ergibt sich natürlich die Frage, was die Wanderer hier machen, verschwitzt, verschlammt, von Moskitos attackiert und von Kogis verhöhnt. Die Antwort lautet: Sie sind auf dem Weg zur Ciudad Perdida – die Verlorene Stadt. Ein von Mythen umrankter Ort tief in der Sierra Nevada zwei Tagesmärsche vom nächsten Dorf entfernt. Jahrhundertelang lag Ciudad Perdida vergessen im Urwald, bis Grabräuber 1972 auf eine steinerne Treppe im Dschungel stießen, deren Ende sie nur erahnen konnten, so weit führte sie einen Berg hinauf. Oben fanden die Männer die Mauern Hunderter runder Gebäude.

Die Anlage, so glaubt man heute zu wissen, war einst das religiöse und politische Zentrum der prä-kolumbischen Tayrona-Kultur. Errichtet um das Jahr 800 wurde sie schon im 16. Jahrhundert wieder verlassen und vom Urwald verschluckt. Nur die Nachkommen der Tayronas – die Kogis, Arhuaco und Wiwas – besuchten die Ruinenstätte weiterhin sporadisch, hielten ihre Existenz aber geheim.

Ab 1976 legte die kolumbianische Regierung Ciudad Perdida frei und stellte sie unter Denkmalschutz. Dennoch war der Besuch lange nur unter großen Risiken möglich. Der kolumbianische Bürgerkrieg beherrschte auch die Sierra Nevada: In den Bergen patrouillierte die linke Guerillatruppe ELN, die 2003 acht Ausländer in Ciudad Perdida entführte. Weiter unten trieben rechte Paramilitärs ihr Unwesen.

Nur ein Weg führt ans Ziel

Dazwischen lebten rund 30.000 Indigene, die ihre Traditionen verteidigten und Fremden den Zutritt zu großen Teilen der Sierra Nevada verweigerten. Sie tun dies bis heute. Nur eine einzige Route zur Verlorenen Stadt haben sie freigegeben. Dafür erhalten sie einen Anteil der umgerechnet 250 Euro, die man für die viertägige Wanderung samt Unterkunft und Verpflegung zahlt.

Und für Sicherheit sorgt jetzt der Staat. Als die Wanderung am Vormittag in dem Dorf Machete Pelado beginnt, patrouillieren Soldaten. Zwei Tage später trifft man in Ciudad Perdida auf einen Militärposten. Die Botschaft ist klar: Hier wird niemand mehr entführt. Und so hat das Ende des Bürgerkriegs zu einer regelrechten Explosion des Tourismus in Kolumbien geführt. Auch die Trekkingtouren zur Ciudad Perdida haben zugenommen. Allein ist man bei diesem Abenteuer jedenfalls nicht mehr.

Nach längerem Anstieg kommt die Gruppe an einem Holzverschlag vorbei, in der ein fröhlicher Bauer isotonische Getränke sowie Kokablätter aus eigenem Anbau anpreist. Letzteres wird in einem Subprodukt auch als bolivianisches Marschierpulver bezeichnet, und so sagen ein paar Wanderer: Her damit, guter Mann!

Eine handvoll Blätter in die Backe geschoben, und schon geht alles viel einfacher. Die Landschaft wird nun immer majestätischer: Schluchten tun sich auf, aus denen gewaltiges Flussrauschen aufsteigt, die Berghänge ziehen sich immer schwindelerregender in den Himmel, intensiver wird auch das Schreien, Warnen und Singen der Vögel, das Klopfen der Spechte und das Schnarren der Zikaden – und in vielen Momenten: die plötzliche Stille. Hier ist man dann wirklich mal weg, keine Straßen, kein Strom, kein Internet.

Philipp Lichterbeck, vom 27.09.2017 12:57 Uhr
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