Kanada
Québec - Goldstück am Ende der Welt

Dieses gigantische Goldstück ist Kanadas Touristenattraktion Nummer zwei gleich nach den Niagara-Fällen. Foto: Ekkehart Eichler
Dieses gigantische Goldstück ist Kanadas Touristenattraktion Nummer zwei gleich nach den Niagara-Fällen. Foto: Ekkehart Eichler

Es könnte gut und gern ein gestrandeter Wal sein. Ein im Hafen vertäutes Unterseeboot. Ein auf Grund gelaufener Ozeanriese. Ein gigantisches Stück Torte. Die dicke Sohle eines Plateauschuhs. Oder die messerscharfe Schlagfläche eines in den Boden gerammten Tomahawks, den wunderba-rerweise – nach einem gnadenlos verregneten Tag – just eben die Abendsonne so zärtlich streichelt, dass er vor Freude leuchtet wie ein trojanisches Honigkuchenpferd.

Impressionen zu Québec in der Bildergalerie

Kaum ein anderes Stück Natur bietet der Fantasie so viel Spielraum wie der Rocher Percé. Eigent-lich nur ein simpler Felsen, doch durch Lage, Größe und Form wurde er Kanadas Naturschauspiel Nummer zwei – gleich nach den Niagara-Fällen. 438 Meter lang und 88 Meter hoch – das sind die Traummaße des irgendwann einmal vom Festland abgebrochenen Riesen. Ein knapp 30 Meter hohes Loch hat der Zahn der Zeit dekorativ durch den Fels genagt – bei Sonnenauf- und -abgängen ein Extra- Goldstück für Romantiker wie Fotografen.

Vis-à-vis liegt Percé. Ein 4000-Seelen-Fischer-Städtchen mit hübschen bunten Holzhäusern und allerlei touristischem Angebot. Bootsfahrten etwa zum nächsten großartigen Naturschauspiel gleich gegenüber: der Ile-Bonaventure mit der zweitgrößten Tölpelkolonie der Welt. 85.000 dieser eleganten Flieger nisten auf bis zu 100 Meter hohen Klippen, stürzen pfeilschnell hinab in die große Speisekammer und kehren exakt auf den Startplatz zurück – wie sich Paare in dem Gewimmel wiederfinden, bleibt völlig schleierhaft. Auf einem Fußpfad kann man sich den Vögeln bis auf wenige Meter nähern, doch wegen starker Brandung können wie heute nicht landen und müssen uns mit dem Seeblick bescheiden.

So wird das Wetter in Kanada

Wildnis und Einsamkeit – nicht mehr und nicht weniger bietet die Gaspé-Halbinsel im fernen Osten der kanadischen Riesenprovinz Québec. Ein Gebiet, so groß wie die Schweiz, schroff und unzugänglich im Innern und folglich nur an den Rändern dünn besiedelt. Für die Micmac-Indianer war die Welt hier zu Ende, für Touristen kann sie es durchaus ein paar Tage lang sein – zu sehen und zu tun gibt es genug.

Zum Beispiel Trekking der Extraklasse. Auf den Mont-Jaques-Cartier etwa, mit scheinbar lächerlichen 1268 Metern ein Klacks für geübte Wanderer. Die angekündigten schneidenden Winde auf dem Gipfel inklusive Minusgrade nimmt zunächst keiner für voll – wir starten bei strahlender Son-ne und immerhin 15 Grad Plus. Doch bald fordert der einst vom kanadischen Militär angelegte Weg die ganze Aufmerksamkeit und Kondition. Steil geht es bergan, über scharfkantiges Gestein und überfrorene Flechten. Nach einer halben Stunde fallen den Rauchern alle Sünden ein. Dann gibt der Erste keuchend auf. Die anderen quälen sich weiter, es wird unerträglich heiß, die Knie beginnen zu schmerzen. Nach gut anderthalb Stunden die erste Rast – wir haben die Baumgrenze erreicht. Und Wahnsinn im Herbst: Die Wipfel sind verschneit, Eiskristalle verzieren die Nadeln und gleißen im Gegenlicht – die Fotografen flippen aus vor Begeisterung.

Der Parc de la Gaspésie ist berühmt für seine subarktische Flora, die normalerweise erst viel wei-ter nördlich zu finden ist. Vorbei an einsamen Seen und klaren Gebirgsbächen ziehen sich einige hundert Kilometer anspruchsvoller Wanderwege durch alle Vegetationszonen Kanadas bis hinauf auf die öden Hochplateaus des Mont Albert oder des Mont Jaques Cartier mit grandioser Fernsicht und beißendem Wind. Längst verfluche ich den Leichtsinn, auf Mütze und Handschuhe verzichtet zu haben, es ist jämmerlich kalt, aber dennoch irrsinnig schön. Und schließlich laufen uns auch noch die versprochenen Karibus, die kanadischen Rentiere, über den Weg – na ja – schon in sehr sicherer Entfernung, aber immerhin. 18 Tiere zählt der fernglasbewaffnete Wanderführer und bedauert, dass nicht auch Hirsche und Elche heute dabei waren. Fazit dieses Tages: ein traumhafter Ausflug.

Die Gaspésie im Miniformat erleben wir am folgenden Tag im äußersten Nordosten der Halbinsel im Parc National de Forillon. Mit seinem weitgehend unberührten Mischwald aus Kiefern, Pappeln und Zedern gehört er für Naturfreunde zu den schönsten Nationalparks in Kanada. Hier können Greif- und Zugvögel und – an ausgewählten Stellen der steilen Küste – auch Wale beobachtet werden.

Der Parc du Bic bei Rimouski wiederum besteht aus winzigen Inselchen, die wie hingeworfen an den südlichen Gestaden des St.-Lorenz liegen und den Gezeiten ausgesetzt sind. Nach einer Micmac-Legende war es ein fauler Engel, der nach seiner Gestaltungsarbeit für Gott am Ende des Tages noch ein paar Berge übrig hatte, deren Last ihn drückte und die er deshalb einfach in den Strom kippte. Von schönen Wanderwegen aus lassen sich Seevögel- und Robbenkolonien beobachten, zum Beispiel auf der Ile de Massacre, wo einst die Micmac-Indianer von feindlichen Irokesen ausgelöscht worden sein sollen. Nicht zu vergessen der Blick vom 350 Meter hohen Pic Champlain auf dieses eigenwillige Mosaik aus Inseln und Wattlandschaften – besonders schön im milden Abendlicht.

Ekkehart Eichler, vom 26.10.2017 00:00 Uhr
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