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Kanada
Endstation Halifax

Die Waterfront in Halifax. Auch heute ... Foto: Hamann
Die Waterfront in Halifax. Auch heute ... Foto: Hamann

Die Eisenbahn ist schuld. Hätte Halifax nicht schon damals über eine sehr gute Schienenanbindung verfügt, wären die Toten der „Titanic“ nicht hierhergebracht worden. Als das Schiff in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 im eisigen Nordatlantik gegen einen Eisberg fuhr und sank, war eigentlich die Stadt St. John’s in Neufundland der nächst gelegene Ort an Land. Aber Neufundland ist eine Insel und damit vom Rest des amerikanischen Kontinents aus schwer erreichbar. Daher entschied sich die Reederei White Star Line, die Bergung der Opfer ihres tragisch havarierten Flaggschiffes über Halifax abzuwickeln. Denn während die Überlebenden von der zufällig in der Nähe fahrenden „Carpathia“ vom Konkurrenzunternehmen Cunard Line gerettet und nach New York gebracht worden waren, trieben viele der rund 1500 Toten noch an der Unglücksstelle.

Bergungs-Team bot sich ein schlimmer Anblick

Wer könnte die körperlich anstrengende und emotional belastende Bergung übernehmen? Auch hier punktete Halifax. Die Hauptstadt der kanadischen Provinz Nova Scotia war seinerzeit Heimathafen von Schiffen, die beim Reparaturarbeiten von Telegrafenkabeln auf See schon manchen Sturm erlebt hatten. Vier dieser Dampfer wurden gechartert. Als sie nach drei Tagen Fahrt an der 1100 Kilometer entfernten Unglücksstelle ankamen, muss sich ihnen ein schlimmer Anblick geboten haben: „Die Leute trieben dort bereits einige Zeit in ihren Rettungswesten und waren in keinem schönen Zustand“, sagt Jason Climie.

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Der 42-Jährige ist Gästeführer im Maritimen Museum von Halifax und ein Kenner der „Titanic“-Geschichte. Er erzählt bedrückende Details: Viele Opfer, vor allem die aus der dritten Klasse und aus den Reihen der Crew, wurden kurzerhand direkt auf See bestattet – ein anglikanischer Priester an Bord sprach eilig die Sterbesakramente. Nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ hätte die Reederei die Sache am liebsten möglichst still und leise aus der Welt geschafft. Doch der Druck der Öffentlichkeit wuchs. „Die White Star Line gab schließlich die Anweisung, alle und jeden zu bergen. Ursprünglich wollte man nur die Passagiere der ersten Klasse aus dem Wasser holen“, erzählt „Titanic“-Experte Climie.

Die meisten der geborgenen Toten, insgesamt 306, fand ein unter britischer Flagge fahrendes Kabellegerschiff namens „Mackay-Bennett“. 190 davon wurden an Bord genommen. Jeden Leichnam verpackte man in einem nummerierten Stoffsack, gemeinsam mit allen am Körper und in der Nähe gefundenen Habseligkeiten. Dieses Vorgehen sollte die Identifizierung erleichtern. Einer dieser Stoffsäcke gehört heute zu den Ausstellungsstücken im Maritimen Museum.

Die Identität mancher Opfer konnte bis heute nicht geklärt werden

„Das System mit den Säcken wurde auch fünf Jahre später bei der Halifax Explosion angewendet“, erzählt Jason Climie. Dieses weniger bekannte Unglück, dem sich ein weiterer großer Ausstellungsbereich des Museums widmet, forderte sogar mehr Opfer als der Untergang der „Titanic“. 2000 Menschen starben, als 1917 an Pier Nummer 6 im Hafen von Halifax zwei Schiffe kollidierten. Ein norwegischer Frachter stieß mit einem französischen Munitionsschiff zusammen – , die „Mont-Blanc“ explodierte, und eine gewaltige Detonation machte das Stadtviertel Richmond dem Erdboden gleich.

Doch zurück zur Bergung der „Titanic“-Opfer. Die Körper wurden an Land gebracht und in einer provisorischen Leichenhalle aufgebahrt. „Man funktionierte kurzerhand die Eisbahn des örtlichen Curling-Clubs um, dort war es entsprechend kühl“, erzählt Jason Climie. Einige der Opfer wurden von ihren Familien mitgenommen, Züge überführten sie in die Heimat. Um andere kümmerte sich niemand. Bei manchen konnte nicht einmal die Identität geklärt werden.

Susanne Hamann, vom 28.11.2017 00:00 Uhr
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