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Japan
Miyajima – die heilige Insel

Die Insel Miyajima gehört zu den schönsten Landschaften Japans. Die freilebenden Rehe sind eine Besonderheit der Insel. Foto: shutterstock/KPG Payless
Die Insel Miyajima gehört zu den schönsten Landschaften Japans. Die freilebenden Rehe sind eine Besonderheit der Insel. Foto: shutterstock/KPG Payless

Nicht weit weg von Hiroshima, mit der Fähre etwa zehn Minuten von der Küste Honshu entfernt, liegt eine Insel, die zu den schönsten Landschaften Japans gehört. Mitten im Seto-Inlandsee, eine Meerenge zwischen den Inseln Kyushu, Honshu und Shikoku, ragt die heilige Insel Miyajima empor.

Der zinnoberrote Schrein und Götterboten mit Geweih

Kurz vor dem Hafen schwebt das beliebteste Postkartenmotiv Japans galant über dem Wasser: Der Itsukushima-Schrein mit dem bekannten Torii. Ein zinnoberrotes Heiligtum des Shintoismus, das bei Flut mystisch in Wasser eingetaucht wird und bei Ebbe feste Bodenständigkeit der Insel symbolisiert – aber nie versinkt. Ein wahres architektonisches Naturspektakel. Nicht nur der Schrein strahlt Ruhe und Gelassenheit aus – die ganze Insel scheint eine Kulisse für Märchen und Sagen zu sein.

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An der Küste entlang spaziert eine Rehfamilie und rundet die mystisch ruhige Atmosphäre der rund 30 Kilometer großen Insel ab. „Hirsche und Rehe gehören zum Schrein und man sollte sie wie ein Teil der Familie behandeln“, erklärt Japan-Experte Shimokowa, der selbst gern mit seiner Familie die Insel besucht. Die zahmen Rehe gehen auf Touristen und Inselbewohner zu, denn seit Jahrzehnten werden sie gut behandelt. Wie Shimokowa weiter erklärt, gelten Hirsche als Götterboten des Shintoismus – die heiligen Tiere stehen unter besonderen Schutz in Japan und verloren auch so ihre Scheu vor Menschen. „Sie gehören einfach zur Insel, sie kennen sogar die Bewohner“, lacht er.

Das Kami ist überall

„Dieses wunderschöne Bild – genau das ist der Shintoismus“, fügt der Priester des Itsukushima-Schreins hinzu. Der Shintoismus sei vergleichbar mit dem Heidentum: Eine mythologische Religion, die das Diesseits und die Natur heiligt. So ist es keine Seltenheit, dass ein Schrein mitten im Wasser gebaut wurde. Die heiligen Stätten stehen nur dort, wo die Natur etwas Göttlichen ausstrahlt. „Überall ist das Kami“, erläutert der Priester in seinem weiß-hellblauen Kimono, nickt und schaut auf das weite Binnenmeer. Kami ist der Begriff, der alles Göttliche zusammenfasst: die Berge sind Kami, das Wasser ist Kami, der Baum ist Kami und besonders diese Insel ist Kami. Hier hat nämlich das Göttliche sich selbst übertroffen. Je größer und älter der Schrein, umso heiliger die Stätte und umso schöner das Naturphänomen. Und der Itsukushima-Schrein gehört zu den heiligsten von allen.

Nicht nur Touristen scheinen von dem Schrein fasziniert zu sein - die meisten Besucher sind tatsächlich Japaner. Familien schlendern am Schrein entlang, Paare heiraten traditionell und lassen sich segnen, während just im selben Moment eine Lehrerin ihrer Schulklasse die Geschichte des Jahrtausend alten Schreins erklärt und die uniformierten Schüler eifrig auf ihren viel zu kitschigen Blöcken mitschreiben. „Die meisten kommen hier her, um etwas über ihr eigenes Land zu erfahren, aber vor allem, um Ruhe zu finden – hier kann man gut Energie tanken, beten und für einen Moment alle Sorgen hinter sich lassen“, weiß der Shinto-Priester.

Das Pech bleibt hier – das Glück kommt mit

Die sorglose Stille wird gelegentlich akustisch mit dem Klirren von Münzen und Händeklatschen untermalt. Hier beten Japaner am Schrein. „Beten bedeutet dankbar zu sein und offen seine Wünsche auszusprechen“, erklärt der Schreinpriester. Schüler beten für gute Noten, junge Frauen wollen endlich ihrem Traumprinzen begegnen und Familien beten für die Gesundheit ihrer Verwandtschaft. “Wünsche sind hier nichts Verwerfliches - wenn man ein guter Mensch ist, werden die Wünsche in Erfüllung gehen.”

Bevor man jedoch sein Anliegen an die Götter äußert, sollte man erst einmal sein Glück überprüfen. Hierfür muss man eine Holzschatulle schütteln - dann erscheint aus einem kleinen Loch ein sehr schmales Holzstäbchen mit einer Nummer. Die Nummer führt zu einer Schublade, in der ein kleines weißes Stück Papier liegt: das Horoskop. Die Prophezeiung beinhaltet alle Lebensinhalte: Liebe, Arbeit, Finanzen und Gesundheit. Im Gegensatz zu den Glückskeksen, die so gut wie immer eine nette Lebensweisheit parat haben, kann man hier jedoch ganz schön viel Pech haben.

So sieht man den einen oder anderen Touristen, der vor dem Schrein steht und ganz betrübt seinen Kopf nach unten senken lässt. „Wenn das Horoskop Pech voraussagt, lass das Pech hier!“, rät Shimokawa. Die Zettel mit der eher weniger rosigen Zukunft werden an den Schrein gebunden - erst dann wird gebetet.

Einen Talisman gegen böse Geister, bitte!

Hierfür werden Fünf - oder Zehn Yen Münzen in den Schrein geworfen, danach wird zwei Mal laut in die Hände geklatscht, zwei Mal tief verbeugt, leise der Wünsch geäußert und noch einmal verbeugt. „Das Klatschen und Klirren weckt die Geister“, belehrt Shimokowa ehrfürchtig mit gehobenem Zeigefinger. „Erst dann werden deine Wünsche erhört!“

Nicht weit vom Schrein entfernt, kann man auch Talismane - sogenannte O-Mamoris - kaufen. Hübsche, kleine, mit goldenen Stickereiern verzierte Beutel für alle Problemlagen. Ob klein, groß, jung oder alt – der Stand ist umringt von Käufern. „Talismane sind für die Japaner sehr wichtig, denn mit ihnen fühlt man sich immer in Sicherheit.“, weiß der Experte. Die beliebtesten seien die Examen-Talismane für Schüler und Studenten, die ältere Generation bevorzuge den Haus-Talisman gegen böse Geister.

Eine junge, zierliche Frau stellt sich vorsichtig in die Reihe, beäugt ruhig die Auswahl der Glücksbringer und entscheidet sich letztendlich für den Liebes-Talisman. Etwas schüchtern nimmt sie den Beutel von der Schreindienerin entgegen und geht glücklich mit einem ruhigen Lächeln Richtung Strand. Es scheint als hätte der Shintoismus Japan erst zum Land des Lächelns gemacht.

Christina Antonia Hägele, vom 01.08.2016 00:00 Uhr
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