Italien
Steinreiches Elba

Elba ist eine Insel im Mittelmeer und gehört zum Toskanischen Archipel der Region Toskana in Italien. Sie ist knapp zehn Kilometer vom italienischen Festland entfernt. Foto: shutterstock/Balate Dorin
Elba ist eine Insel im Mittelmeer und gehört zum Toskanischen Archipel der Region Toskana in Italien. Sie ist knapp zehn Kilometer vom italienischen Festland entfernt. Foto: shutterstock/Balate Dorin

Wer auf der Halbinsel Punta Calamita unterwegs ist, hat nicht unbedingt immer den Blick für die Schönheit der Küste, für das tiefblaue Meer, den gelben Ginster und die Kaktusfeigen, die am Wegesrand blühen.  Wer hier wandert, sucht die Schätze Elbas. Sie liegen am Boden und haben Namen, die auch zu italienischen Mädchen passen würden: Ematite, Crisocolla, Malachite.

So wird das Wetter

Elba ist – geologisch gesehen –  ein gigantisches Open-Air-Museum. Auf der vulkanischen Insel, die zum toskanischen Archipel gehört, kommen 150 verschiedene Mineralien vor, also die Hälfte der bedeutendsten Steinarten. Besonders begehrt und berühmt ist der Elba-Granit. Daraus wurden sieben Säulen des römischen Pantheons und 18 Säulen der Kathedrale von Aachen gebaut. Auch der Dom in Pisa ist mit Säulen aus Elba-Granit geschmückt.

Calamita, der älteste Teil der Insel, ist sprichwörtlich steinreich. Hier findet auch Massimo Regini manchmal schöne Stücke. Der Steinsammler steht vor seinem Haus in Rio Marina, und immer, wenn Urlauber vorbeischlendern, spricht er sie an und bittet sie herein auf ein Glas Wein, damit er ihnen seine Sammlung zeigen kann. In Glasvitrinen liegen glitzernde Brocken. „Ich habe früher im Bergbau gearbeitet“, erzählt er, „jetzt sind Steine mein Hobby.“ Gut möglich, dass er dem Mineralienmuseum, das direkt gegenüberliegt, ein paar Kunden weglockt, die wieder einmal in der Mittagspause vor verschlossenem Eingang stehen. Dabei kann man dort Elbas Prachtstücke bestaunen, die aussehen wie ein Blumenkohl, ein angebissener Trüffel oder eine geöffnete Schatztruhe.

Der höchste Berg der Insel

Während man im Osten durch die Welt des Eisens wandert, steht der Westen im Zeichen des Granits. Hier haben vor Millionen Jahren unterirdische Gesteinsbewegungen den Monte Capanne geboren. Der 1018 Meter hohe Berg ragt nun in Form eines Panettone (italienischer Nationalkuchen) aus den Pinienwäldern empor. Gelb gestrichene Seilbahnkörbe bringen die Urlauber hinauf, wo man den Gipfel mit einigen unansehnlichen Antennen teilt. Doch die Weitsicht entschädigt dafür: Alle  Nachbarinseln sind zu sehen, Korsika, Sardinien und das Festland. Unterhalb blitzen die hellroten Dächer des Bergdorfes Marciana Alta in der Sonne. Ein ausgeschilderter Wanderweg führt hinab auf einen Abschnitt des Fernwanderwegs Grande Traversata Elbana, der 72 Kilometer quer über die Insel führt. Unterwegs kommt man an der Kapelle Madonna delle Monte vorbei, wo Napoleon heimlich seine Geliebte getroffen haben soll. Ein Pfad entlang der Küste führt zu bizarren Steinfiguren, die von fern aussehen wie kleine Monster, Elefanten, Schlangen- und Krokodilköpfe. Die Bildhauer heißen Sonne, Wind und Regen. Seit Jahrtausenden schnitzen sie ihre Skulpturen. Ihre Werke sind auch die Lochsteine namens Tafoni, die an Bienenwaben erinnern.

 Für Giorgio Borghi, ein dunkler Wuschelkopf in Jeans und T-Shirt, muss Elba wie ein großer Supermarkt sein. Der Künstler verarbeitet Steine zu Schmuck. Sein Atelier hat er im ehemaligen Bergarbeiterdorf Capoliveri, in dem das Kopfsteinpflaster in den engen Gassen zum Teil noch aus dem Mittelalter stammt. Dank der mineralhaltigen Böden haben die Bewohner früher auch Wein angebaut. Heute lebt das 3000-Einwohner-Dorf vom Tourismus. Jährlich kommen etwa 800 000 Besucher. Giorgio nimmt einen grünen Stein in die Hand: „Früher hätte man so etwas weggeworfen, weil man den Wert nicht kannte. Dabei kann ein schöner Malatice 100 Euro wert sein, wenn er dreifarbig ist.“ Erst als ein Deutscher vor Jahrzehnten die Inselbewohner aufklärte, verstanden die Einheimischen, welche Schätze auf Elba herumliegen. Wertvolle Stücke verkauften sie nun auch an den New Yorker Juwelier Tiffany.

Unikate für Promis

Schon als Kind hat Giorgio gern nach Schätzen im Sand gebuddelt. Später arbeitete er als Maskenbildner, dann als Bildhauer. „Ich mag es, Neues zu schaffen. Dabei bin ich im Flow und fühle mich sehr frei“, erzählt der 59-jährige Künstler. In seiner Galerie liegen Ringe, die fast größer sind als ein Finger; Ketten, die bis zum Bauchnabel reichen. Die Unikate gehen an Professoren und Ärzte aus Rom und Bologna, manchmal an Prominente. Aber die sind auf Elba meist inkognito. Mick Jagger soll mal da gewesen sein. Gesehen hat Giorgio ihn nicht, aber er folgt dem Rolling Stone stets auf Youtube.

Wie ein Promi im Urlaub –  abgeschirmt von allen Paparazzi –  fühlt man sich mitunter an der Küste von Nisporto. Wenige Meter über dem Meer wurde eine Anlage mit zehn Ferienwohnungen in die Klippen gezimmert, die man in der Vorsaison mit etwas Glück ganz allein bewohnt. Der Fahrweg dorthin ist lang, steil und teils so schmal, dass das Gebüsch an die Seitenspiegel schrappt. Die letzten Meter geht es zu Fuß über 90 Treppenstufen hinab an eine Steilküste. Dort gibt die Sonne am Abend auf der Terrasse eine exklusive Sondervorstellung. Erst treffen ihre Strahlen wie Scheinwerfer, dann als gleißende Bänder aufs Meer. Später sinkt sie als orangeroter Feuerball hinter den Horizont. Tag und Nacht schwappt hier die Gischt an die Küstenfelsen und meißelt ihre Ritzen hinein. Wer nicht gerade Steinsammler ist, könnte sie von fern für hingewürfelte Schnittbrote halten.

Monika Hippe, vom 26.07.2017 11:41 Uhr
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