Italien
Piemont: Südwärts!

Am Lago inferiore di Val Scura in der piemontesischen Provinz Cuneo kann man zur Hütte Rifugio Questa aufsteigen. Foto: Schäfer
Am Lago inferiore di Val Scura in der piemontesischen Provinz Cuneo kann man zur Hütte Rifugio Questa aufsteigen. Foto: Schäfer

Cuneo - „1909“ und der Name eines „Alpini“, eines Gebirgsjägers, sind eingemeißelt in einen Stein zu lesen. Schon seit zwei Tagen folgt der Wanderweg den historischen Militärwegen, akkurat gepflastert, die sich im Zickzack die Berge hinaufmühen. Auf dem Colle di Tenda zieht sich an der französisch-italienischen Grenze entlang ein Verteidigungswall von verlassenen Kasernen und Festungen. Weiter ausgebaut wurden die Straßen und Forts in den 1930er Jahren. Aber warum? Weder Wanderführer Roberto Pockaj noch Nani Villani, Vizedirektor des Naturparks Alpi Marittime, können es so recht erklären. Frankreich und Italien lagen nicht im Krieg miteinander, wer befürchtete was von wem? „Militärische Paranoia“, lautet noch die klarste Antwort.

Eine Grenze sei immer eine Grenze. Die Allianzen waren unsicher. Man wisse nie, was passieren kann. Ein eisiger Wind pfeift auf dem Pass, über ihn führt ein Abschnitt des 16-tägigen Wanderweges von den Seealpen ans Meer. Es begann an einem flachen Schlösschen, einem ehemaligen Jagdhaus. Von dort ging es in königlichen Fußstapfen steil hinauf ins Valle Scura. König Vittorio Emanuele II. war hier unterwegs, allerdings zu Pferde. 1855 kam er das erste Mal in das gebirgige Hinterland seines Piemonts. Da war er schon König, aber noch nicht von ganz Italien, sondern von Piemont und Sardinien. Sein Volk war bitterarm, vor allem in den überbevölkerten Tälern.

Zehn Monate im Jahr sind die hohen Pässe kaum passierbar, es gibt keinen Weg ans Meer, in den Süden, zum Reichtum verheißenden Salz, zu Fischen, zu Anbauflächen in milderem Klima. Die Gemeinden wittern ihre Chance in der Jagdleidenschaft des Königs, sie übereignen ihm die Wälder als königliches Jagdgebiet. Allein 300 Treiber sind nun nötig für die Gamsjagd. Die Männer ziehen lärmend durch den Talboden, die Tiere flüchten in die Höhen, und irgendwo oben verbirgt sich der König. Da hinauf ist er zu Pferde gelangt, dafür wurden Wege angelegt und damit die Grundlage des heutigen Wanderwegenetzes in der Umgebung von Valdieri. Über ein Schneefeld schreiten Gämsen, und an einer Militärbaracke wartet ein Steinbock; sein braun geschecktes Fell ein Tarnanzug vor der bröckelnden Mauer. Erst als er sich wegdreht, ist er zu sehen.

Die Berge streben düster gen Himmel, der rot-schwarze Gneis wirkt bedrückend. Im Tal das Jagdschlösschen ist nicht mehr zu erkennen, Wolken hängen dort unten, sie sehen aus wie ölgetränkte Wattebäusche. Schneegefleckt, schwarz-weiß wie Dalmatinerflanken spiegeln sich Bergwände in Bergseen. Schön, dass Hüttenwirt Flavio freundlich „Buona sera“ ruft. Mit roter Wollmütze steht er vor dem Rifugio Questa, einer in die Jahre gekommenen, engen Hütte mit Resopaltischen und beige-grauem Wahlscheiben-Telefon. Flavio serviert Graupensuppe, Gulasch mit Polenta und stellt eine Karaffe Rotwein auf den Tisch. Draußen verschwinden die Berge in diffuser Nacht. Seit 26 Jahren lebt Flavio den Sommer über in der baumlosen hochalpinen Welt. Vermisst er etwas? „Die Ruhe“, sagt er. Viel zu viele Wanderer, findet er. Am schönsten sei es im September, dann kämen nicht mehr viele.

Der Morgen hat die Wolken weggewischt, ein kristalliner Bergtag beginnt. An diesem heißen Tag werden einige in einem See schwimmen, an dessen Rändern noch Schnee liegt, wird der Dreitausender Monte Argentera, der höchste Berg im Park, den Weg begleiten. Das Lunchpaket gibt es an einer roten Blechhütte, dem Bivacco Guglia, eine stumpf wettergegerbte Notunterkunft aus Metall. Frankreich ist zum Greifen nah. Drüben liegt der Nationalpark Mercantour, hier der Parco Naturale Alpi Marittime. Die beiden Parks bewerben sich zusammen um die Auszeichnung als Unesco-Naturerbe. Nani Villani vom italienischen Park erklärt, warum das für sie wichtig sei: In Italien fehlt seit Berlusconis Misswirtschaft Geld für alles, für Kultur und für die Natur. Die lokalen Behörden hätten noch nicht erkannt, was für einen Schatz die abgelegenen Täler bärgen.

„Die Biodiversität ist enorm, auf kleinstem Raum leben Pflanzen und Tiere vom hochalpinen Habitat bis hinunter zum Mittelmeer.“ Um diesen Reichtum zu vermitteln, haben sie mit den Franzosen zusammen den Wanderweg entworfen. Villani schaut noch einmal auf den Monte Argentera, er ist viel herumgekommen. „Ich war im Himalaja, in Patagonien, und jedes Mal, wenn ich zurückkomme, denke ich: Also hier bei uns ist es schon auch nicht schlecht.“ Die Don-Barbera-Hütte heißt zwar nicht nach dem piemontesischen Rotwein, zum Glück wird er aber ausgeschenkt. Das erleichtert das Singen, als Naturpark-Ranger Eric seine Gitarre holt. Eric Rolando gibt den Adriano Celentano. Die ganze Hütte singt, er legt „Space Oddity“ nach, und am Ende „Bella Ciao“, das Partisanenlied. Die ganze Küchenbrigade der Hütte kommt dazu, alle stehen am Tresen, singen mit. Danach scheucht der Wirt die Sänger hinaus, nun sei es aber gut: Hüttenruhe. Einige ziehen in der Nacht noch auf einen Hügel, Eric mit seiner Gitarre, Hüttenwirt Andrea mit einer Flasche Grappa. Und ein Häufchen Wanderer aus Deutschland steht unter der Milchstraße, am Horizont ein Wetterleuchten, und kann so viel Italianità kaum aushalten.

„Es ist etwa so, als würde hier ein Eisbär vorbeimarschieren“, so spektakulär sei die biologische Vielfalt. Sagt Wanderführer Roberto am nächsten Morgen im Parco Naturale del Marguareis; hier sind die dunklen Gneisberge der Seealpen fern, der Weg geht an Kalkgestein entlang, einmal durch eine schiere Mondlandschaft, eine Hochebene voll blendenden Gesteins. So karg es aussehen mag, Pockaj will vermitteln, wie speziell noch das kleinste Gewächs ist. Etwa dieses weiße Blümchen, das eigentlich nur in Skandinavien wachse, ein Eisbär auf Abwegen, sozusagen. Wie zwei Züge, die sich bei einem Aufprall ineinander verkeilten, so hätten sich die afrikanische und die europäische Kontinentalplatte aufeinander geschoben, deshalb die Vielfalt.

Ein Wimpernschlag dagegen der Zeitraum, seitdem hier die Grenze zwischen Frankreich und Italien gezogen wurde. Auf den letzten Ausläufern der Alpen glaubt man, das Meer zu spüren, durch diese andere Luft, angereichert mit Düften, wie sie die Berge nicht kennen. Schon eine Serpentine weiter bergab lassen die Wanderschuhe beim Durchstreifen des Bewuchses Duftwolken aufsteigen: Lavendel, Thymian. Statt in Berghütten wird nun in ligurischen Dörfern logiert. Orte wie Festungen, mit engen Gassen. In Pigna heißen die Gassen „chibi“: dunkel. Auch tagsüber brennen Laternen mit gelblichem Licht. In Apricale trotzt die erste mächtige Palme den Kiefern und Steineichen des Hinterlandes.

Entlang des Pfades nach Airole locken Pflaumenbäume. Dann geht es nur noch bergab. An endlosen Reihen von Gewächshäusern vorbei, den Resten der einst legendären Riviera dei Fiori, wo nun kaum noch Blumen gezüchtet werden, sondern pflegeleichte Kakteen und Fettgewächse. Eine Autobahn legt sich der Tour noch in den Weg, dann führt sie in Grimaldi durch einen versifften Tunnel unter der Eisenbahn hindurch - und endet am Meer. Und Roberto Pockaj, geboren in Genua und in die Alpi Marittime geflüchtet, weil er Hitze nicht aushält und das Meer nicht mag, zieht seine Wanderschuhe aus und streckt die Zehen hinein. Die Wanderer hingegen liegen lange im Wasser, bis der Wanderschweiß sich mit dem Salz des Meeres vermischt, und schauen zurück, nach oben, wo die Berge nur mehr zu ahnen sind.

Barbara Schaefer aus Cuneo, vom 06.10.2014 05:00 Uhr
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