Grönland
Am bunten Rand des Eises

Eine endlose Kette aus Eis – so zeigt sich der Eisfjord aus Sicht von Ilulissat. Foto: Ekkehart Eichler
Eine endlose Kette aus Eis – so zeigt sich der Eisfjord aus Sicht von Ilulissat. Foto: Ekkehart Eichler

Wir hatten es kommen sehen. Wie im Horrorklassiker „The Fog“ schleicht sich der Nebel des Grauens an. Heimtückisch. Lautlos. Pfeilschnell. Wo eben noch polarkalte Morgensonne die bunten Häuschen von Ilulissat zum Leuchten und die Eisbergfront am Horizont zum Glitzern gebracht hatte, frisst jetzt eine gruselgraue Masse Natur und Menschen. Saugt ihnen erst jegliche Farbe aus, verflüchtigt dann ihre Konturen zu gespenstischen Schatten und tunkt sie letztlich hilflos ins Gewaber. Selbst die randalierenden Schlittenhunde haben plötzlich Watte im Hals – so gedämpft klingt ihr Heulen in der Suppe.

Fakt jedenfalls ist: Der geplante Hubschrauberflug zum Eisfjord fällt aus – wenn kein Wunder passiert. Aber danach sieht es nicht aus. Bleibt also nur das Städtchen Ilulissat, in dem sich 4000 Menschen mit ebenso vielen Schlittenhunden ganz passabel eingerichtet haben. Nach einer Stunde sind alle Souvenirshops abgeklappert. Wurden Bilder bewundert von pastell-farben schimmernden Eiskolossen in der Mitternachtssonne, die man so nie selbst vor die Kamera bekommt. Wurde das Knut-Rasmussen-Museum unter die Lupe genommen, das dem weltbekannten Polar- und Grönlandforscher ein liebevolles Andenken setzt. Wurde einer schläfrigen Café-Bedienung mühsam ein Imbiss aus dem Kreuz geleiert und damit die Ruhe verdorben. Wurde um einen Tupilak gefeilscht, eine aus Walrosszahn bzw. Rentierknochen handgeschnitzte groteske Figur; ursprünglich mal ein Symbol für Wesen, die Unglück oder Tod über einen Feind bringen konnten.

Inzwischen ist es früher Nachmittag, und ganz langsam wird es lichter. „Lasst uns eine Wanderung machen“, schlägt Maiken vor. Die Studentin aus dem dänischen Aarhus jobbt jeden Sommer für eine ortsansässige Agentur und begleitet vor allem deutsche Gäste zu den touristischen Höhepunkten der Diskobucht. Eine Wanderung? In Grönland? Sowas Profanes hatten wir uns eigentlich nicht vorgestellt im Eisbergparadies. „Keine Sorge“, beruhigt uns die nette Dänin, „wenn wir was sehen, werdet ihr begeistert sein.“

So wird das Wetter in Grönland

Also los. Von Ilulissats altem Heliport machen wir uns auf die Strümpfe in Richtung Eisfjord. Dieser wurde von der Unesco 2004 als Weltnaturerbe klassifiziert und ist die wohl bedeutendste touristische Attraktion Grönlands. 45 Kilometer lang und gefüllt mit gigantischen Eisbergen, die der Kangia, der produktivste Gletscher der nördlichen Halbkugel, unermüdlich gebärt. Diese treiben gemächlich in Richtung Meer, bis sie an der Mündung des Eisfjordes stranden. Dort nämlich stoppt sie ein Riff, etwa 250 Meter unter der Meeresoberfläche. Hier nun bleiben sie liegen, wochen- ja monatelang, bis sie so weit abgeschmolzen sind, dass sie die Barriere überwinden. Kleinerer „Abfall“ driftet regelmäßig in den Hafen von Ilulissat.

Obwohl es gerade mal zwei Kilometer Luftlinie sind von der Stadtmitte bis zum Fjord, ein Sonntagsspaziergang ist es nicht gerade. Das Terrain ist rau, es geht bergauf, bergab, mitunter verschwindet der Weg im Geröll. Ein alter Friedhof wird passiert, bevor wir absteigen in eine kleine Bucht. An ihrem gerölligen Strand warnen Schilder vor Tsunamis. Kein Witz: „Was glaubt ihr, was passiert, wenn ein Eisberg plötzlich auseinander bricht oder sich dreht“, erklärt Maiken. „Dann ist hier in kürzester Zeit die Hölle los, weil meterhohe Wellen über die Bucht schwappen.“

Pilze in Grönland? Gibt es nicht? Gibt's doch!

Unsere Aufmerksamkeit jedoch gehört längst etwas anderem. Denn das erhoffte Wunder stellt sich ein: Der Nebel hat sich verflüchtigt, die Sicht wird klar, die Sonne sendet erste strahlende Signale. Binnen Minuten verändert sich das unwirtliche Land, bekommt Konturen und, – noch viel erstaunlicher – es bekommt Farbe. Der bis dato trübselig graue Boden beginnt regelrecht zu leben – in tiefen warmen Tönen. Vor der umwerfenden Eisbergkulisse strahlen Flechten plötzlich in einem dunklen Rembrandt-Rot. Moose zeigen sich als leuchtend hellgrüner Flokati, in dem man wadentief versinkt. Ganze Baumwollgrasarmeen salutieren mit strahlendweißen Puschelhelmen, während Kolonien krokusartiger Blümchen jede Menge gelbe Tupfer auf die Palette sprenkeln. Ein Farbrausch, der umso mehr überwältigt, weil er so unerwartet kommt. Maiken setzt noch eins drauf. Wie aus dem Nichts hält sie plötzlich einen formidablen Pilz in den Händen – auch darauf hätten wir auf Grönland keinen Cent verwettet.

Vorbei an Jahrtausende alten Siedlungsresten und an nur von Eingeweihten auffindbaren Gräbern, unter deren lose geschichteten Steinen schon mal ein menschlicher Schädel zum Vorschein kommt, gelangen wir schließlich zum Eisfjord. Zeit zum Picknick, befindet Maiken und zaubert aus dem Rucksack eine Thermoskanne, Kekse, Schokolade und Weintrauben. Ein paar Steine dienen als Sitz, die Wetterjacken als Unterlage. Es ist richtig warm geworden inzwischen, die Sonne bescheint unsere Rücken und jene einzigartige Szenerie, an der wir uns die nächste Stunde nicht satt sehen werden: Eis, so weit das Auge reicht. Eisberge, Eistore, Eishöhlen, Eiszinnen, Eiswände – und all das von einer Größe und Erhabenheit, über die man nur Bauklötzer staunen kann.

Fazit: Man mag es kaum glauben, aber eine zunächst völlig unspektakulär scheinende kleine Wanderung wird zum Höhepunkt dieser Grönlandreise. Dass einige Stunden später der Mitternachtssonnenbootsausflug in die surreale Welt des Eisfjords dieses Erlebnis noch übertreffen wird, können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Hinkommen, Rumkommen, Unterkommen

Anreise: Air Greenland fliegt täglich von Kopenhagen nach Kangerlussuaq (viereinhalb Stunden), von dort gehen kleinere Maschinen zu den zehn Inlandsflughäfen. Flugzeit bis Ilulissat zirka 45 Minuten. Preis für Hin- und Rückflug rund 4000 DKK (535 Euro).

Unterkunft: Der Klassiker in Ilulissat ist das Hotel „Arctic“ mit prächtigem Blick auf den Eisfjord. Neben Hotelzimmern stehen auch einige Iglu-Hütten als Unterkunft auf dem Areal zur Verfügung. Das DZ mit Frühstück kostet in der Sommer-Hochsaison 270 Euro, ein Iglu 200 Euro; www.hotel-arctic.gl

Ausflugsangebote: Abgesehen von einigen Wanderungen und Stadtbesichtigungen kann man auf Grönland so gut wie nichts auf eigene Faust unternehmen, weil man für alles entweder Boot, Helikopter, Flugzeug oder Schlittenhunde braucht. Die beschriebene Wanderung kostet bei „World of Greenland“ 250 DKK, ein Abend/Mitternachts-Bootsausflug in den Eisfjord ab 600 DKK, ein Ganztages-Bootsausflug zum Eqip Sermia Gletscher 1875 DKK.

Pauschalreisen: Unter www.greenlandbooking.dk können Paketreisen online gebucht werden, zum Beispiel eine Zwölf-Tage Reise in die Disko-Bucht ab 3090 Euro. In Deutschland bietet u.a. der Grönland-Spezialist Nordwind-Reisen ein umfangreiches Angebot an Grönland-Reisen an. U.a. eine achttägige Standortreise „Naturwunder Grönland“ nach Ilulissat ab 2690 Euro.

Informationen: Greenland Tourism, Telefon 0045 32 833880.

Im Netz: www.greenland.com/de; www.greenland-guide.gl; www.worldofgreenland.com

Ekkehart Eichler, vom 23.10.2017 04:45 Uhr
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