Frankreich
Auf dem Hausboot im Elsass

Als Kapitän im eigenen Heim mit Kurs auf Entschleunigung. Foto: Maren Recken
Als Kapitän im eigenen Heim mit Kurs auf Entschleunigung. Foto: Maren Recken

„Ce n’est pas possible“ – das kann doch nicht wahr sein – wiederholt Alexandre, der freundliche Einweiser des Hausbootanbieters, immer wieder kopfschüttelnd, bevor sein Arm bis zur Schulter in der Wartungslucke am Bootsheck verschwindet, um mit viel Ruhe ein Tau aus der Schiffsschraube zu pfriemeln.

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In diesem Fall heißt es Glück gehabt! Außer dem zerfledderten Tau ist am Boot kein weiterer Schaden entstanden. Und die Übernachtung, die anstatt im angesteuerten Hafen, am Kanalrand vor dem Schiffshebewerk von Saint-Louis Arzviller stattfindet, weil dieses nicht mehr geöffnet hat als der Zwischenfall Dank Alexandres geduldigem Einsatz schließlich behoben ist, hat sogar eher etwas Romantisches denn Pannencharakter.

 

 

Kurz zuvor hatte Alexandre die Hausbootneulinge, die an der Locaboat Basis in Lutzelbourg ihr schwimmendes Heim auf Zeit bezogen haben, noch in die Grundlagen des Hausbootfahrens eingewiesen und ihnen beim Ablegen lachend ein freundliches: „immer schön langsam und keine Dummheiten!“ hinterhergerufen.

Lektion 1 haben die Hausbootneulinge noch während der ersten Etappe, nach nur wenigen Kilometern und gerade mal drei Schleusen, schnell gelernt: Was an Tipps im Kapitänshandbuch steht und was Alexandre und seine Kollegen erklären, bevor es im Hausboot auf Tour geht, macht durchaus Sinn. Das Aufrollen und ordentliche Aufhängen der Taue nach jeder Benutzung inklusive. Die Taue könnten sonst unbemerkt von Bord rutschen und, und, und…

Hausbootfahren scheint zur Gelassenheit zu erziehen. Nicht nur was den Umgang mit Pannen und unvorhergesehenen Übernachtungsplätzen betrifft. Auch das beim Befahren von Kanälen notwendige Schleusen sollte nicht als Sport, sondern als Teil eines erholsamen Urlaubs betrachtet werden, findet Eric Claverie, der ehemalige Büroleiter von Locaboat. „Beim Schleusen geht es nicht darum, dass man eine Schleuse so schnell wie möglich überwindet, sondern um den Spaß, den man dabei gemeinsam mit der Familie oder mit Freunden erlebt“, erklärt er der Journalistengruppe mit der er einige Tage auf dem Rhein-Marne-Kanal zwischen Saverne und Niderviller unterwegs ist. Und fügt hinzu, die erste Schleuse sei noch etwas schwierig, weil keiner so recht wisse, was er tun habe. Das könne man aber sehr schnell lernen, dann sei es ganz einfach und mache viel Spaß.

Kanal für Freizeitkapitäne

Der Rhein-Marne-Kanal wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut und verbindet das Pariser Becken mit dem Rheintal. Eine Ost-West-Achse, die von Vitry-le-François nach Straßburg führt und ursprünglich für den Warentransport durch Berufsschiffer gedacht war. Heute gehört der Kanal fast ausschließlich den Freizeitkapitänen. Bis 1997 war er mit 315 Kilometern der längste Kanal Frankreichs. Dann wurde die Mosel ausgebaut und gleichzeitig der Kanalabschnitt zwischen Toul und Frouard geschlossen. Seiter fahren die Schiffe in diesem Abschnitt auf der kanalisierten Mosel und der Rhein-Marne-Kanal hat etwas an Länge verloren. Auf 293 Kilometer bringt er es dennoch.

Urlaub auf dem Hausboot hat seinen ganz eigenen Charme. Und: Hausbootfahren scheint das optimale Synonym für entschleunigtes Reisen zu sein, bei dem der Weg zum Ziel und Geschwindigkeit nebensächlich wird. „Wie weit ist es bis Saverne?“ Wer sich auf diese, am in den Nordvogesen gelegenen Hafen Lutzelbourg gestellte Frage, eine genaue Kilometerangabe erhofft, wird enttäuscht werden. „Zehn Schleusen, also ungefähr einen halben Tag“ lautet die Antwort. Tatsächliche Entfernungen sind beim Hausbootfahren auf dem Kanal nebensächlich. Die alles bestimmende Einheit, um die Reisedauer festlegen zu können, sind die Schleusen, die die auf verschiedenen Höhen gelegenen Kanalabschnitte miteinander verbinden.

Der im konkreten Fall befahrene Teil des Rhein-Marne-Kanals - zwischen Niderviller und Saverne - hat den Hausbootfahrern in technischer, kultureller, kulinarischer und landschaftlicher Hinsicht einiges zu bieten. Das Schiffshebewerk von Saint-Louis Arzviller ersetzt 17 Schleusen und ist einzigartig in Europa. Die Hausboote werden in eine überdimensionale Badewanne gefahren und überwinden in dieser, per Schrägaufzug, eine Höhendifferenz von knapp 45 Metern. Fast unmittelbar hinter dem Schiffshebewerk geht es in einen über zwei Kilometer langen Tunnel, der wechselweise in nur einer Fahrtrichtung befahren werden darf. Kurz darauf folgt ein, deutlich kürzerer, zweiter Tunnel. Landschaftlich sicherlich nicht der schönste Streckenabschnitt, ist die Tunneldurchfahrt im Hausboot dennoch eine Erfahrung, die man einmal gemacht haben sollte.

Mit dem Hausboot ins elsässische Versailles

Der lange Tunnel, mit seinen während der Durchfahrt wie Lichtmünder anmutenden Portalen an Tunnelbeginn und –ende, steht in krassem Kontrast zu Saverne, das auch das elsässische Versailles genannt wird. Besonders schön: Die Einfahrt mit dem Hausboot mitten in die Stadt und eine Nacht im Hafen von Saverne, mit Blick auf das Sandsteinschloss Château de Rohans. Während es in Saverne mit dem Boot bis direkt in die Stadt geht, lohnt sich für die Besichtigung des Chagall-Fensters in Sarrebourg der Umstieg aufs Taxi. Das in der Kirche einer ehemaligen Franziskaner-Abtei befindliche Buntglasfenster beeindruckt nicht nur durch die monumentale Größe – 12 Meter auf 7,5 Meter – sondern vor allem durch die Intensität der Farben und den Detailreichtum der Motive.

Während sich Eric Claverie, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat und selbst seit Ewigkeiten zwei bis drei Mal jährlich mit dem Hausboot reist, auf die Frage nach der besten Jahreszeit zum Hausbootfahren keine Empfehlung geben möchte, hat er was das Essen angeht, gleich einen Tipp parat: „Wer gut und günstig essen will, sollte zum Mittagessen gehen und ein Mittagsmenu wählen. Dann wird auch ein Sternerestaurant erschwinglich“, lautet sein Ratschlag an all die, die sich nicht ausschließlich in der Bordküche des Hausboots selbst versorgen möchten.

Maren Recken, vom 05.10.2017 10:09 Uhr
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