Finnland
Behutsame Winde

Der Saimaa im Südosten Finnlands ist der größte See des Landes. Mit rund 4.370 Quadratkilometern ist er zugleich der viertgrößte natürliche See Europas Foto: shutterstock/Aleksey Stemmer
Der Saimaa im Südosten Finnlands ist der größte See des Landes. Mit rund 4.370 Quadratkilometern ist er zugleich der viertgrößte natürliche See Europas Foto: shutterstock/Aleksey Stemmer

Beim Panoramablick aus 225 Meter Höhe auf die mosaikartig aus blau schimmernden Gewässern und grünen Inselwäldern zusammengesetzten Seenlandschaften glaubt man seinen Augen nicht zu trauen –  das ist wie ein Land gewordenes  Finnland-Poster. Diese herrliche Aussicht vom Puijon Torni, einem Turm am Rand der Stadt Kuopio, auf das ostfinnische Saimaa-Seengebiet zählt zu den schönsten im ganzen Land. Nirgendwo sonst in Europa gibt es ein ähnlich verzweigtes Gewässer-Labyrinth aus Seen: ein riesiges Puzzle, das die Eiszeit hinterlassen hat, mit unzähligen kleinen und größeren Inseln, die sich, komplett bewaldet, als grüne Tupfer bis zum Horizont verlieren. Ihre Zahl wird auf 30.000 geschätzt, die Uferlinie soll mehrere Tausend Kilometer lang sein.

So wird das Wetter in Finnland

Über weite Strecken ist die ganze Gegend ein ungestörtes, von Menschenhand kaum berührtes Naturidyll, wo Flora und Fauna noch intakt sind. Wer sie per Schiff durchquert, meint in herrenloses Land einzudringen –  über einem spannt sich der im Sommer häufig wolkenlose Himmel, um einen herum gruppieren sich zahllose Felseneilande, die sich, nicht enden wollend, in unregelmäßigen Abständen aneinanderreihen. Hier kann man tagelang unterwegs sein, ohne einer einzigen Menschenseele zu begegnen, und es gibt Gelegenheit genug,  zu sich selbst zu finden. „Ein Stück Paradies auf Erden mit See vor der Tür, eigenem Strand und Boot, und draußen nur die Stimmen der Natur“, wie es treffend in einem finnischen Ferienhausprospekt heißt. Dass man in den Sommerhäusern  häufig auf Strom und fließend Wasser verzichten muss, gehört dazu.

Natur pur

Richtig abschalten lässt es sich auch in kleinen Landhotels, die ein begrenztes Platzangebot haben und durch ihre einsame Lage engsten Kontakt mit der Natur garantieren. Auf Wunsch schippert ein Einheimischer die Gäste im selbst gebauten Ausflugsboot über den nur ein paar Schritte entfernten malerischen See, oder er führt sie auf verschlungenen Pfaden durch angrenzende Waldabschnitte, in die sich schon mal Meister Petz verirrt, wenn auch  höchst selten. Aber keine Angst, die Bären gelten als äußerst menschenscheu und verziehen sich schnell. 

Wer die totale Abgeschiedenheit bevorzugt, ohne jedoch auf Vollpension und Freizeitaktivitäten verzichten zu wollen, muss von Kuopio 100 Kilometer in nördlicher Richtung fahren – zu einem Waldgutshof  für Familien und Einzelpersonen, den man, fernab der Zivilisation, nur über Schotterpisten erreicht. „Bei uns können Sie der Natur zuhören, den Vögeln, dem Wind und dem Wasser, ohne dass einer stört“, sagt die Leiterin.

Ort der Stille

Und es gebe  Momente völliger Stille. Manchmal sei es derart ruhig, dass Fremde richtig Angst bekämen. Aber totale Stille würde helfen, sich auf sich selbst zu konzentrieren, ein Zustand, den Finnen mit „olla vain“ bezeichnen, was „nur sein“ bedeutet. Im benachbarten Nationalpark Tiilikanjärvi mit seinen uralten Föhren, hölzernen Stegen, Teichen und  Gewässern sind Hecht und Zander für passionierte Angler leichte Beute. Auch Beerensammler werden dort reich belohnt, besonders mit Sumpf- und Moosbeeren. Und was ist mit den Mücken? Sind nicht sie die gefürchteten Störenfriede im Wald- und Seenparadies? Teemu, der zum Personal im Waldgutshof gehört, meint lakonisch, es gebe verschiedene Mücken-Arten. Wer an sie gewöhnt sei, würde nicht einmal mehr ihre Stiche bemerken . . .

In den südöstlichen Teil der Seenplatte kamen vor mehr als 100 Jahren die russischen Zaren Alexander III. und sein Sohn Nikolaus II. gern zur Sommerfrische; auch die „Upperclass“ von Sankt Petersburg gab sich hier ein Stelldichein –  Finnland wurde 1809 russisches Großfürstentum und ist seit 1917 selbstständige Republik – das hundertjährige Bestehen wird dieses Jahr gefeiert.

Noch immer ein beliebtes Ziel

Heutzutage scheint diese Gegend mit der Opernfestspielstadt Savonlinna als Zentrum noch immer beim großen Nachbarn jenseits der Grenze sehr beliebt zu sein: Die Zahl russischer Besitzer von finnischen Grundstücken und Sommerhäusern ist beeindruckend. Bevorzugt wird vor allem die Umgebung der Ferienorte Puumala und Punkaharju. 

Im Seengebiet um Savonlinna starten im Sommer Wasserflugzeuge zu Panoramaflügen in den stahlblauen nordischen Himmel, und aus der Luft sieht man erst so richtig, wie verschwenderisch die Natur hier am Werk war: Unzählige Inseln im Geflecht der Seen – alle scheinbar gleich und doch nicht. Bertolt Brecht schrieb 1940 im finnischen Exil: „Wo gibt’s so einen Himmel als über Tavastland? Ich hab gehört, er ist an anderen Stellen blauer, aber die Wolken gehen feiner hier, die finnischen Winde sind behutsamer, und ich mag kein anderes Blau, auch wenn ich es haben könnte.“

Entdecken Sie das finnische Saimaa-Seengebiet in unserer Bildergalerie!

Andreas Jacobsen, vom 24.08.2017 14:30 Uhr
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