England
Nicht alles spricht gegen Cornwall

Wunderschöner Strand in Cornwall Foto: diama/Fotolia
Wunderschöner Strand in Cornwall Foto: diama/Fotolia

Man kennt das ja, was alles gegen Cornwall spricht: schlechtes Wetter, teuer, plüschig, und man kommt nur schwer hin. Ist man endlich da, darf man als Autofahrer keine Hecken-Phobie haben. Nur Unerschrockene meistern die „Country Lanes“, die mit Steinmauern und meterhohen Hecken gesäumt sind - ein grünes Labyrinth. Idyllisch, aber anfangs kein Vergnügen: auf der linken Seite bei Gegenverkehr zurück in die Ausweichbucht. Durchhalten! Es lohnt sich. Kinder mögen es sehr, Erwachsene nicht auf Anhieb. Manche setzen gar keinen Fuß mehr ins Auto, reisen panisch ab - mit Taxi zum Zug. Zu schade! Denn Cornwall ist ein Muss, 4,4 Millionen Touristen im Jahr irren nicht. Angelockt werden viele von den rührseligen Geschichten der Herzkino-Queen Rosamunde Pilcher. Der eigentliche Star jeder Folge ist jedoch die südenglische Küste: steile Klippen, cremefarbene Traumstrände, idyllische Herrenhäuser und exotische Gärten. Nur hier lassen sich Filme wie „Karussell des Lebens“ oder „Lords lügen nicht“ drehen. Lange hat die Region von dem leicht verstaubten Abziehbild des Glücks gut gelebt - ein Landstrich wie sein Teegebäck, seine Scones mit Clotted Cream, immer ein Hauch zu schwer, zu süß, zu brav.

Essen in Cornwall

In Wirklichkeit zieht Cornwall auch andere an: Hippies in VW-Bullis, Surfer, Glamper (Luxus-Camper). Im Sommer sind die Strände um Newquay und Polzeath Englands Antwort auf Kalifornien. Viele Gäste kommen aus London, und weil die beim Ausgehen ungern auf gewohnte Kost verzichten, wächst die Dichte an Gourmetrestaurants. In Padstow geht man zu Rick Stein, einem britischen Moderator und Fernsehstar. Sein Fischtempel prägt die hübsche Hafenstadt, auch „Padstein“ genannt, seit 40 Jahren. Lässiger isst man in der Beach Hut in Watergate Bay Miesmuscheln: Surfer-Chic, Holzdielen, viele Kinder. Nicht weit davon liegt das Lokal Fifteen von Jamie Oliver, jenem Star-Koch, der wegen der Einfachheit seiner Speisen mit wenigen Zutaten und simpler Zubereitung 1998 den Spitznamen The Naked Chef (Der nackte Koch) erhielt. Gourmets kommen zum Festival „Bude for food“ im September nach Nord-Cornwall. Spezialität: „Surf & Turf“, Steak mit Hummer - frisch aus dem Atlantik. Einige sagen, es seien sogar die besten der Welt. Bude ist beliebt bei jungen Familien, hat Sandstrände, einen Sea Pool, ein Felsenbecken, seit 1929 schon, das sich bei Flut mit Meerwasser füllt - für Kinder ein Erlebnis: mit Algen, Krabben und Seesternen schwimmen.

„Es ist großartig, wie sich Bude entwickelt“, sagt Jamie Stevenson, dem das Boutique-Hotel Elements oben an der Steilküste gehört. Der Name passt. Schafe weiden in der Abendsonne, ein Hauch von Sylt, aber auf dem Rasen spielen Kinder Cricket. Auf der windgeschützten Terrasse trinken Großeltern und Eltern noch lange Wein. Kaum zu glauben, dass amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg hier für den „D-Day“ trainierten. 15 Kilometer westlich - schon Devon, aber zu schön, um es auszulassen - liegt sehr versteckt das Ratherton House, 1830 gebaut. Wer hier lebte? Einst der Präsident der Eisenbahngesellschaft, die 1879 Londoner Badegäste an die kornische Küste brachte. Heute führt es Kath May (47), braun gebrannt, blond, in Shorts und Shirt, eine schöne Frau. Ihr Mann ist in diesem Herrenhaus aufgewachsen, wie heute die Töchter (10 und 11). „Sie haben Glück“, sagt sie. „Ohne die Farm, die Gäste ginge das nicht.“ Die kommen gern in die Luxusunterkunft - mit alten Eichen, Trampolin, Baumhaus, beheiztem Pool. Von hier aus ist es nicht weit bis nach Boscastle am Ende eines engen Tals. Fackellilien leuchten, Heide blüht auf den Klippen. Der Küstenpfad führt am Museum of Witchcraft vorbei - für Ältere bizarr, was ein verstorbener, früherer MI6-Agent, der in den 40ern die okkulten Interessen der Nazis ausspionierte, für Kinder gruselig.

Ein Ort ist sehenswerter als der andere

Was man noch auslassen kann? St. Ives kaum, den Fischerort der Künstler: die Maler William Turner und James Whistler waren hier, die Bildhauerin Barbara Hepworth und die Schriftstellerin und Verlegerin Virginia Woolf. Allein vier Strände gibt es in St. Ives, weiße Häuser, türkisfarbenes Wasser, Palmen und ein Licht, das so weich und so hell ist, dass es nicht nur Maler süchtig machen kann, Touristen auch. Im Sommer ist der Ort völlig überlaufen. Eis essen, schaukelnden Booten zusehen - und dann: schnell weg. Am Porthmeor Beach vorbei, den Berg hinauf. Unten liegt der Surfer-Strand, darüber ein Golfplatz, die Tate Gallery und ein Friedhof mit schiefen Grabsteinen, oft gezeigt in Pilcher-Filmen - so einen Drehort kann man sich gar nicht ausdenken. Das geht einem ständig so. Ein Ort filmreifer als der andere wie Lanhydrock, der prächtigste Landsitz Cornwalls. Kinder lernen auf einem Rätselzettel, wie hart das Leben der Butler, Ammen, Hausmädchen war, „Downton Abbey“ - zum Greifen nah. Man wundert sich, warum Briten das oft spielend gelingt: Geschichte spannend und anschaulich machen. Oder Kinder für Natur begeistern - wie in den „Lost Gardens of Heligan“. Tim Smit, Musikproduzent, längst zum Ritter geschlagen, machte aus dem alten, verfallenen Park einen der schönsten Südenglands. Nicht nur Kinder lieben Graskunst wie die „Mud Maid“, eine Skulptur aus Stein, die wie eine schlafende Elfe auf der Wiese liegt und von Gräsern, Moosen und Efeu überwuchert ist, den Dschungel mit der Hängebrücke, die Palmen, Farne und Rhododendren..

Günstig ist Cornwall nicht. Dennoch: Viele, die einmal hier waren, kommen wieder. Wer früh bucht, kann sparen, zum Beispiel in den Jugendherbergen. Eine davon liegt grandios am Leuchtturm Lizard Point. Land’s End (das Ende des Landes) nennen die Einheimischen die Spitze der Landzunge, denn sie ist der westlichste Punkt Englands auf der Hauptinsel Großbritanniens. An der Tür der Jugendherberge hängt ein Schild: „Warden is out in the sun“ (Herbergsvater sitzt in der Sonne). Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter händigt den Schlüssel zum Schlafsaal aus: drei Etagenbetten, Meerblick. Zwei deutsche Studentinnen kommen abends spät und kichern, eine Dame schnarcht - für Kinder eine spannende Nacht, für Erwachsene eine kurze. Morgens hoppeln Kaninchen über die Wiese. Das Kind schläft leider noch, die Ersten sind wach, braten Eier und Speck in der Küche. „Früher wären alle weg gewesen, wenn die Sonne aufgeht“, sagt Paul Ryan (63). Er wandert mit seinem Sohn. „Heute kommen sie mit Autos, nutzen das nur als Hotel.“ Er spült ab, schnürt den Rucksack. Eine Karte braucht er nicht: „Links ist das Meer.“ Wind weht, 18 Grad, leichter Regen. „Das nieselt nur. Wir müssen los, schlafen bei Porthleven in einer Scheune“, sagt er und öffnet das Gatter zum Küstenpfad. Die Rucksäcke der beiden verschwinden hinter den Hecken. Beim ersten Schluck Tee, allein, denkt man an Virginia Woolf: „Was ist die Realität?“ Etwas höchst Unstetes, schrieb sie, das sich in einer Narzisse im Sonnenlicht findet, einer zufälligen Bemerkung: „... Es ist dies, was zurückbleibt, wenn der Tag sich gehäutet hat.“ Die Wellen, das Licht, der Wind ihrer Kindheit.

Viola Keeve aus St. Ives, vom 16.12.2015 05:00 Uhr
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