El Salvador
Tukane statt Tod

El Salvador ist das kleinste mittelamerikanischen Land und grenzt im Nordwesten an Guatemala und im Nordosten an Honduras. Eine der größten Städte Mittelamerikas und die Hauptstadt des Landes ist San Salvador. Hier leben 316.000 Menschen. Foto: shutterstock/Cyan Studio
El Salvador ist das kleinste mittelamerikanischen Land und grenzt im Nordwesten an Guatemala und im Nordosten an Honduras. Eine der größten Städte Mittelamerikas und die Hauptstadt des Landes ist San Salvador. Hier leben 316.000 Menschen. Foto: shutterstock/Cyan Studio

Dieses Trekkingabenteuer startet so ungewöhnlich wie emotional. Der alte Toyota-Jeep stoppt schnaufend und klappernd vor dem kleinen Revolutionsmuseum von Perquin. Benjamin Rivera und Santos Amaya, die Wanderführer, wollen die Gruppe einstimmen auf die Tour durch die schicksalhafteste Ecke des kleinsten mittelamerikanischen Landes im Grenzgebiet zu Honduras. Wo sich einst Gewerkschafter, Intellektuelle, Kommunisten und  Bauern gegen das totalitäre Regime der Militärjunta unter Präsident Duarte erhoben und wohin sich auch heute nur selten ausländische Touristen verirren.

So wird das Wetter in El Salvador

Unscheinbar wirkt das bescheidene Museum, seine Artefakte jedoch in ihrer Authentizität sind umso bewegender. Teile abgeschossener Kampfjets, erbeutete Maschinengewehre, mobile Sendeanlagen des Untergrundkanals Radio Venceremos, durchlöcherte Stahlhelme, vergilbte Fotos von gefallenen Kameraden.

Der mit Bombentrichtern übersäte nahe Hausberg, der Cerro de Perquin, verschafft den Abenteurern dann auf 1.321 Meter Höhe einen grandiosen Blick auf die sanfte Berglandschaft des salvadorianisch-honduranischen Grenzgebietes. Aufgelockerte Pinienwälder säumen den Trampelpfad. Die Umgebung ändert sich fortwährend. In den kleinbäuerlichen Kaffeeplantagen ernten junge Frauen die roten Beeren bei fröhlichem Gesang. Dann prägen ausgedehnte rötliche Gesteinsformationen das Bild, in denen hier und da gerade mal eine Agave Halt findet, mal durchwandert man fruchtbare, von kalten Gebirgsbächen gespeiste Täler, wo üppige Bananenstauden aufs Vortrefflichste gedeihen. Sattgrüne Wiesen mit gelber Blütenpracht überwuchern ganze Hanglagen und Kolibris und Bienen finden reichlich Nektar. Doch die Stars der Lüfte sind die bunten Tukane mit ihren überdimensionalen Schnäbeln.

Die Hochburg der Guerilleros

Wie friedlich die Natur doch im Vergleich zu den Hinterlassenschaften des Bürgerkriegs scheint, der in dieser Gegend am blutigsten ausgetragen wurde. Die Provinz Morazán galt als die Hochburg der Guerilleros. Hier waren die Freiheitskämpfer zu Hause, verfügten über gute Netzwerke. Höhlen und dichtes Unterholz boten ihnen Schutz.

Zuweilen helfen selbst heute noch Macheten, um einen Weg durch mannshohes Gestrüpp zu schlagen. Aber insgesamt sind die Anforderungen doch eher moderat. Mittlerweile macht sich aber die steigende Temperatur bemerkbar. Umso willkommener ist die Mittagspause in einer kleinen Ansiedlung, bestehend aus einem windschiefen Holzschuppen – der Kirche – und ein paar halbwegs gemauerten Häusern.

Die Frau von Guide Santos und seine Schwägerin sind schon emsig am offenen Lehmofen beim Backen. Pupusas natürlich, das Nationalgericht. Maisfladen mit Bohnenpaste und fetter Schweineschwarte gefüllt.  Kinder springen umher, Katzen auch. Die Besucher aus Übersee sind angekommen im salvadorianischen Alltag. Authentischer geht es kaum.

Am Nachmittag geht es ins Sapo-River-Naturschutzgebiet, wo in den aufgelockerten Pinienwäldern noch immer Ozelots und Pumas zu Hause sind. Doch sie sind selten geworden in El Salvador. Rund 90 Prozent des Primärwaldes wurden bereits abgeholzt. Nur im Norden des Landes an der Grenze zu Honduras finden sich überhaupt noch größere zusammenhängende Waldgebiete.

Als es bereits stockfinster ist, erreichen sie endlich den Skorpion-Fluss. Mit einem Mal wird es richtig spannend und irgendwie auch unheimlich. Denn auf der anderen Seite warten bereits zwei Kommandeure des einstigen Guerilla-Bataillons. Auf der anderen Seite steht auch ja die Öko-Lodge inmitten der Wildnis. Und diesseits des Flusses? Skorpione? Schlangen? Nachtaktive Pumas?

Geschichte der Rebellen

Die Begrüßung ist überraschend angenehm. Fast schüchtern schütteln die beiden älteren Herren den Fremden die Hand. Klein sind sie. Bewaffnete Latino-Rambos hatten die Europäer befürchtet und irgendwo auch erhofft. Im zarten Alter von sieben Jahren kam Serafin zu den Rebellen. Wie genau, will er nicht verraten. Bestimmte Fragen, zum Beispiel nach Kindersoldaten in Reihen der Rebellen, werden höflich, aber konsequent ausweichend beantwortet. Doch insgesamt sind die beiden sehr auskunftsbereit und hocherfreut über das Interesse an ihrem Leben. Bis tief in die Nacht lauschen Wanderer den Anekdoten. Die beiden sind hervorragende Geschichtenerzähler. Dabei haben sie nie eine Schule von innen gesehen. Und sie sind noch bessere Guides, wie sich am nächsten Morgen herausstellen sollte.

Nun geht es durch ihr Revier, zur Cueva del Murciélago zum Beispiel, der Höhle der Fledermäuse, von wo aus der Rebellensender Radio Venceremos in den Äther funkte. Sie präsentieren die Überreste ihrer Kommandozentrale im benachbarten Dorf La Guacamaya und führen zu den kleinen Wasserfällen El Caracol und El Perol. Nach wochenlangen Aufenthalten im Busch seien dies die schönsten Duschen der Welt für die Untergrundkämpfer gewesen. Doch sicherlich auch die gefährlichsten. An solchen Plätzen mussten sie immer mit Scharfschützen der Armee rechnen.

Panoramablick auf den Pazifik

Nach einem schweißtreibenden Anstieg auf 1.379 Meter bietet sich uns wieder ein Panoramablick der Extraklasse. Vom Pericon Hill aus erblickt man Richtung Südwesten das tiefe Blau des Pazifiks. Von hier aus versuchten die Rebellen, Truppenbewegungen der Todesschwadronen auszumachen. Genau wie weiter unten am Bailadero del Diablo, dem Tanzplatz des Teufels, wo sie einst ein Sonderkommando in die Irre führen konnten.

In El Mozote ist ihnen dies nicht geglückt. Am 10. Dezember 1981 kamen 5000 Soldaten des berüchtigten Atlacatl-Bataillons über die Ruta de la Muerte, die Straße des Todes, in das Dorf. Verhöre, Folterungen und Massenvergewaltigungen begannen. Am Tag darauf schlachteten sie 900 wehrlose Männer, Frauen und Kinder ab.

Nun stehen die Wanderer ergriffen vor dem  Denkmal mit der Skulptur einer Familie und einer langen Wand, die die Namen aller Gemeuchelten trägt.

Erst im schnaufenden Jeep auf der Überlandstraße mit ihren atemberaubenden Ausblicken hellt sich die Stimmung langsam wieder auf. Jahrhundertelang war dies die alte Handelsroute der Ureinwohner auf dem Weg nach Honduras gewesen. Noch lange bevor die ersten Europäer mittelamerikanischen Boden betraten oder die Junta aus ihr die Straße des Todes machte. Heute heißt sie Ruta de Paz, die Straße des Friedens.

Marc Vorsatz, vom 29.08.2017 09:52 Uhr
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