Einmal um die ganze Welt...
Mit dem Bus um den Globus - Willkommen im Iran

Blick auf die Imam-Moschee in Isfahan. Foto: Simon Rilling
Blick auf die Imam-Moschee in Isfahan. Foto: Simon Rilling

„Freiburg–Feuerland“ steht auf dem kleinen Schild hinter der Windschutzscheibe. An der Längsseite des Busses, der vor dem vornehmen Abassi-Hotel in Isfahan hält, schlängelt sich eine weiße Linie auf knallrotem Lack. Es ist die Reiseroute: Via Venedig und Istanbul an den Persischen Golf, weiter auf der Seidenstraße nach Schanghai und schließlich von Alaska über die Panamericana runter bis Kap Hoorn. „Alle Achtung!“, ruft ein Passant und hebt grinsend den Daumen.

Im Innenhof der ehemaligen Karawanserei servieren Männer mit großen Schnurrbärten und rotem Fez auf dem Kopf schwarzen Tee. Die letzten Sonnenstrahlen spiegeln sich in den Wasserbecken, irgendwo zwischen Bäumen und Sträuchern plätschert ein kleiner Springbrunnen. Einen Würfel Zucker zwischen die Zähne, einen Schluck Tee – und warten, bis sich das Zuckerstück aufgelöst hat. Müßiggang nach einem märchenhaften Tag im Orient: Morgens der Blick auf die schneebedeckten Gipfel im Norden Teherans. Mittags die goldene Kuppel von Ghom und die weißen Turbane der Mullahs. Nachmittags, nach knapp 400 erstaunlich kurzweiligen Kilometern durch die ersten Ausläufer der Salzwüste, die „Perle“ Isfahan. Der Würfel hat sich inzwischen aufgelöst. Die Sonne ist verschwunden, und über den Hof hallt der Ruf des Muezzins. Ein Hauch von Zimt, Curry und Koriander weht herüber. Willkommen im Iran!

Zweimal ist Hans-Peter Christoph bereits mit Reisegruppen bis nach China gefahren. „Flugzeuge waren mir immer zu langweilig“, erzählt der 55-jährige Gründer und Chef von Avanti-Busreisen. Die Welt sei viel zu schön, um einfach nur darüber hinweg zu fliegen. Seit April wagt er sich nun an eine Weltumrundung mit dem Omnibus: 52 000 Kilometer in 215 Tagen, Abenteuer inbegriffen. „Eine Reise, die es so noch nie gab.“ In Länder, die nicht unbedingt im Fokus des Tourismus liegen, und Orte, die eher selten in Reisekatalogen auftauchen. Länder wie der Iran, Orte wie Isfahan.

„Esfahan nesf-e Dschahan“ sagen die Iraner: Isfahan ist die halbe Welt. Und wer den riesigen, von zweistöckigen Arkaden umgebenen Platz des Imams betritt, kann dem kaum widersprechen. Erbaut im 17. Jahrhundert von Schah Abbas dem Großen sollte der einstige „Naksch-e Dschahan“ ein „Abbild der Welt“ werden, ein Ort, an dem sich Weltliches und Geistliches verbinden. Vorbei an den schattigen Arkaden, in denen Gewürze und Kräuter, frische Granatäpfel und mit Intarsien verziertes Kunsthandwerk angeboten werden, geht es zu der strahlend blauen Scheich-Lotfollah-Moschee. Schon die mit Mosaiken bedeckte Fassade und das Stalaktitengewölbe über dem Eingang lassen staunend innehalten. Im Inneren überwältigt eine Flut blauer Ornamente die Sinne. Der Pulk tiefschwarz verhüllter Frauen, die ehrfürchtig vor der Gebetsnische gen Mekka verharren, wirkt inmitten dieses Meeres aus bunten Girlanden und feingliedrigen Arabesken fast noch trister als sonst. Allah ist groß, der Mensch eine Ameise.

Ein paar Schritte weiter die prächtige Imam-Moschee, eingerahmt von türkisfarben gemusterten Minaretten, die in den blauen Himmel ragen. Dahinter zeichnet sich dunkel das Zagros-Gebirge ab. Raffiniert-filigrane Architektur auch bei dem fünfstöckigen Torpalast, den der kunstliebende Safawiden-Herrscher für sich selbst errichten ließ. Bunte Blumen ranken sich hinauf bis zum hoch über dem Platz gelegenen Musikzimmer. Dort wurde in passgenauen Nischen das Porzellan des Herrschers aufbewahrt, was nebenbei für eine unvergleichliche Akustik sorgte. Von der Terrasse beobachtete der Schah Persiens einst das Treiben zwischen Basar, Palast und Moschee. Heute blicken der tote Revolutionsführer Khomeini und sein Nachfolger Chamenei mit ernster Miene von zwei großen Plakaten herab. Dem fröhlichen Trubel tut dies jedoch keinen Abbruch. Musikfetzen wehen über den Platz, während Liebespaare in Kutschen vorbeifahren. Ganze Familien versammeln sich auf den Rasenflächen entlang der Wasserfontänen, die Taschen und Rucksäcke voller Essen.

Nach dem Augenschmaus fordert auch der Magen sein Recht. Gespeist wird auf einer erhöhten Fläche. Halb sitzend, halb liegend. Die dampfende Linsensuppe und das Fladenbrot stehen schon auf dem Tisch, bevor der Kellner die Bestellung aufgenommen hat. „Die wollen eben auch Geld verdienen“, sagt Reza und lacht, „sind ja nur ein paar Cent“, versichert der Reiseführer mit einem Zwinkern. Das Geld ist gut angelegt, jeder Löffel ein Genuss. Reza empfiehlt Dizi, einen Eintopf aus Kichererbsen, Kartoffeln, Bohnen, Lammfleisch und Tomaten. Warum der Kellner einen Stößel auf den Tisch legt, ist den Gästen schleierhaft. Bis Reza Hand anlegt. „Erst die Soße abgießen, so“, erklärt er fachmännisch. „Dann das Fladenbrot reinlegen, damit es sich schön vollsaugt. Und das Fleisch, die Kartoffeln und den ganzen Rest stampfen wir so lange, bis nur noch ein röt­licher Brei übrig ist. Voilà!“

Dem exzellenten Essen und der Erkenntnis, dass man als Gast eines Persers wohl niemals hungrig aufstehen wird, folgt der obligatorische Tee. Nebenan sitzt Jogi. Zum Du ist die Gruppe schon am zweiten Tag der Reise übergegangen. Man versteht sich. Jogi reist gerne; seitdem er nicht mehr arbeitet vermutlich noch etwas mehr. Gute 5000 Kilometer sind geschafft, seit drei Wochen ist der Freiburger inzwischen unterwegs. Seine Erwartungen? „Mehr als erfüllt“, sagt der 68-Jährige mit dem buschigen Seemannsschnauzer. „Mir gefällt diese Art zu reisen, sich langsam einem Land zu nähern. Man sieht und erlebt dadurch einfach viel mehr.“ Das Land, die Natur, die Prachtbauten faszinieren, aber fast noch mehr beeindrucken ihn die Menschen. Jogi erzählt von einer persischen Familie, die ihn in Teheran wie einen alten Freund bewirtete und ihm zum Abschied noch Pistazien, Gebäck und eine Melone in den Rucksack packen wollte. Widerspruch zwecklos.

Zurück auf dem Platz steuert ein junges Mädchen zielstrebig auf die Touristen zu. Sie wolle ihr Englisch ausprobieren, erklärt sie keck, bevor sie den Fremden Löcher in den Bauch fragt. Auf der Fahrt zurück ins Hotel diskutiert der Taxifahrer begeistert die Frage, wer das deutsch-deutsche Finale der Champions League gewinnen wird. Er tippt auf die Bayern. Geld für die Fahrt will er keines. „Willkommen im Iran“, sagt er noch, dann stürzt er sich wieder in den chaotischen Verkehr. Kurz hupen, Nebenmann schneiden, ordentlich Gas geben.

Abends zieht es die Touristen an den Fluss

Freitagnachmittag. Allmählich öffnen die Läden des Basars. Eine gute Gelegenheit, ein paar Datteln und Kürbiskerne für die Fahrt einzupacken, einem Goldschmied bei der Arbeit zuzuschauen oder sich erklären zu lassen, wie man eine Miniaturmalerei auf einem echten Kamelknochen von Plastikramsch unterscheidet. Die meisten Einheimischen haben es sich zu diesem Zeitpunkt längst am Ufer des Zayandeh Rud gemütlich gemacht. Das Freitagsgebet ist vorbei, die Predigt gelesen und der Grill angefeuert. Mama macht auf der Picknickdecke mit Persermuster ein kleines Nickerchen, Papa trinkt Tee und reißt Witze mit der Verwandtschaft, die Kinder planschen im Wasser.In einem Teppichladen trifft derweil Berliner Schnauze auf persisches Schauspiel­talent. Nach langwierigen Verhandlungen rät Reza schließlich vom Kauf des Läufers ab. „Wenn er tatsächlich von 3000 auf 1200 Euro runtergeht, ist der Teppich keine 600 wert“, erklärt er – während die Schritte schon fast automatisch wieder in Richtung des „Naksch-e Dschahan“ gelenkt werden. Noch einmal sich sattsehen an der Pracht und den zahllosen Variationen der Farbe Blau.

Abends zieht es auch die Touristen an den Fluss. Denn wenn die Kohlen verglüht und die Tretboote in Schwanenform wieder am Steg vertäut sind, wird die malerische 33-Bogen-Brücke, die sich über den Zayandeh Rud spannt, beleuchtet. Orange flackert das Licht im Wasser. Ein Anblick wie aus Tausendundeiner Nacht und der letzte Höhepunkt im märchenhaften Isfahan. Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen. Buchara, Samarkand, die schwarze Gobi und die singenden Dünen warten. Ein letzter Blick auf das menschenleere „Abbild der Welt“ im Herzen der Stadt. Und weiter geht es. Bis ans andere Ende der Welt. Feuerland ruft.

Simon Rilling, vom 19.05.2013 09:00 Uhr
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OKT
28.
11:58 Uhr, geschrieben von Renate
Isfahan
Genau so habe ich Isfahan erlebt! Einfach nur toll! Die Willkommenskultur und Nettigkeit der Menschen beeindrucken sehr!
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JUN
20.
23:43 Uhr, geschrieben von Anja Röder
Fernweh
Man bekommt richtig Lust, selbst in den Bus einzusteigen und mitzufahren. Ein toller Artikel, der das Fernweh weckt und neugierig auf den Iran macht - ein Land, das ja häufig nur negativ in den Medien repräsentiert ist.
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