Eine Liebeserklärung
Olympiastadt: Mehr als ein Grund London zu lieben

1. Heimlich trinken: Geheime Bars, sogenannte Speakeasys, sind der neuste Trend in London. Eine davon ist "The Mayor of Scareday Cat Town" ("Der Bürgermeister von Angsthasenhausen"). Wer im Restaurant "Breakfast Club" nach einem Termin beim Mayor fragt, wird durch einen Kühlschrank in die versteckte Bar im Keller geführt. (Artillery Lane) Foto: visitlondonimages/ britainonview
1. Heimlich trinken: Geheime Bars, sogenannte Speakeasys, sind der neuste Trend in London. Eine davon ist "The Mayor of Scareday Cat Town" ("Der Bürgermeister von Angsthasenhausen"). Wer im Restaurant "Breakfast Club" nach einem Termin beim Mayor fragt, wird durch einen Kühlschrank in die versteckte Bar im Keller geführt. (Artillery Lane)Foto: visitlondonimages/ britainonview

Stuttgart - Es gibt viele Gründe London zu lieben: Weil sie eine pulsierende Weltstadt und Trendsetter in Sachen Musik, Mode und Kunst ist, weil hier scheinbar einmütig die etwas angestaubten Traditionen des Empires neben der glitzernden Finazwelt bestehen können oder weil sie in diesem Jahr die Hauptstadt des Sports sein wird. Der Journalist und Autor Gerhard Elfers hat gleich 111 Gründe gefunden, warum er die britische Hauptstadt liebt. Aufgeschrieben hat der gebürtige Westfale, der seit fast einem Jahrzehnt in London lebt, sie in seinem amüsanten Buch "111 Gründe London zu lieben. Eine Liebeserklärung an die großartigste Stadt der Welt".

Wir haben mit dem Autor über seine große Liebe, sein Buch und natürlich über das anstehende Großereignis Olympia gesprochen.

Herr Elfers, es gibt eine schier unübersichtliche Flut an London-Reiseführern. Warum noch einen?

Gerhard Elfers: Mein Buch ist ja kein klassischer Reiseführer, eher ein Reise-ver-führer! Es gibt keine Karten oder Fotos, und auch den berühmten U-Bahn-Plan sucht man vergeblich. Es sind 111 kleine Geschichten, die Lust machen sollen auf London, für Leute, die schon mal dort waren und sich vielleicht etwas verliebt haben in diese Stadt, oder für solche, die bald herkommen. Außerdem ist es ein sehr subjektiver Blick auf meine Wahlheimat, die großen Touristenattraktionen kommen eher nicht vor, ich habe mich eher für die kleinen, liebenswerten Attraktionen abseits der ausgetretenen Touristenpfade interessiert. Das Buch ist eine gute Ergänzung zu einem klassichen Reiseführer.

Haben Sie etwas in Ihrem Buch nicht verraten, weil es Ihr persönlicher Geheimtipp ist und das auch bleiben soll?

Ich musste sehr stark auswählen, aber ich beschreibe dort viele meiner persönlichen Favoriten, etwa Pubs, in denen ich besonders gern ein Bier trinken gehe, meine Lieblingsrestaurants oder meinen favorisierten Jeansladen. Ich habe nichts weggelassen, weil ich es für mich behalten will, denn früher oder später kämen London-begeisterte Leser ja eh drauf, und dann sähe das aus wie schlechte Recherche!

Sind die Londoner eigentlich sportbegeistert?

Aber hallo! In London stehen die Heiligtümer des britischen Sports: Egal ob Wembley Stadium oder Lord's Cricket Ground, hier wurde schon immer Sportgeschichte geschrieben. Und an den Wochenenden füllen sich hier zuverlässig die Stadien der 14 Londoner Profifußballvereine, von der White Hart Lane bis Stamford Bridge ist jedes Wochende zuverlässig Dampf unterm Dach - und natürlich in den angrenzenden Pubs!

Wie ist denn die Stimmung in der Stadt vor den Spielen?

Die Stimmung ist gespalten. Viele freuen sich auf die Spiele, aber die Freude wird getrübt von der Tatsache, dass die meisten einfach keine Tickets bekommen haben und nun fürchten, nicht so richtig mitfeiern zu können. Außerdem haben alle einen Riesenhorror vor dem drohenden Verkehrschaos. London ist im Normalbetrieb schon oft nicht einfach zu bedienen, zu Olympia wird das bestimmt nicht einfacher.

Freuen Sie sich persönlich auf Olympia oder ist das für Sie ein Grund die Stadt zu verlassen?

Wenn man schon mal das Glück hat, in einer Olympiastadt zu leben, dann sollte man sich das auch geben, finde ich. Ich bleibe natürlich hier und werde den Dauerstau und die verstopfte Tube ignorieren, aber hoffentlich eine ganz ander Stadt erleben, wenn die Jugend der Welt zu Besuch kommt - wobei, die ist ja eigentlich sowieso ganzjährig hier...

Gehen Sie zu den Wettkämpfen?

Ich habe leider keine Tickets bekommen, obwohl ich mich zwei mal beworben habe! Aber es wird zum Glück sogenannte "Live Sites" geben, im Hyde Park und im Victoria Park, mit riesigen Leinwänden. Da werde ich mich wohl mal unters Volk mischen. Außerdem wird man auch Flaniertickets bekommen, die Zugang zum Olympiagelände ermöglichen. Dazu kommt dann noch ein gigantisches Kulturprogramm mit Konzerten, Kunstevents und viel Theater und Comedy. Olympia in London wird auch ohne Tickets spannend, da bin ich ganz sicher!

Welche Sportstätten sind richtige Hingucker in London?

Ich finde bersonders die elgant geschwungene Schwimmhalle von Zaha Hadid oder das sehr clever konstruierte Velodrom sehr ansehnlich. Bemerkenswert: alle Sportstätten sind mit recycleten Materialien gebaut oder werden - wie die Basketball-Arena - komplett abgebaut und anderswo wiederverwendet. Besonderen Spaß macht auch die Wildwasserbahn der Kanuten - da kann schon seit einem Jahr jedermann mit dem Schlauchboot herunterrauschen - ein Riesenspaß, der auch nach Olympia bestehen bleibt.

Welche Jahreszeit würden Sie London-Reisenden empfehlen?

London ist ganzjährig spannend! Die besten Monate: Januar und Mai. Anfang Januar hat man die Stadt fast für sich, viele Londoner und das Gros der europäischen Touristen sind noch im Skiurlaub, Tube und Straßen sind angenehm leer. Mit Glück erwischt man strahlende Wintertage mit Sonne und blauem Himmel, da macht es doppelt Spaß, London zu Fuß zu entdecken. Und in den langsam auslaufenden Winter-Sales kann man geredzu unanständige Schnäppchen machen. Auch der Mai ist wunderbar, die Temperaturen sind frühlingshaft, die Londoner sind gutgelaunt, weil der graue Winter endlich vorbei zu sein scheint, die Platanen an den Straßen kleiden sich langsam wieder in zartes Grün und die Parks blühen in allen Farben des Regenbogens. Den Hochsommer würde ich nicht empfehlen, Städteurlaub bei sommerlichen Temperaturen ist doppelt anstrengend, und zudem ist die Stadt im Juli und August unsagbar überlaufen.

Soll man denn überhaupt zu den Spielen kommen oder Olympia lieber im Fernsehen verfolgen?

Wer an den sportlichen Aspekten interessiert ist und keine Tickets hat, bleibt besser zu Hause. Kurzentschlossene werden außerdem Schwierigkeiten haben, noch eine Unterkunft innnerhalb der Ringautobahn M25 zu finden: zu Olympia hängen fast überall die "Do not disturb"-Schilder an den Türen. Wer's trotzdem probieren will: in den "Home Counties", also den Grafschaften rings um London, (Sussex, Kent oder Surrey) gibt es noch bezahlbare Hotelzimmer und hübsche B&Bs. Auch Orte wie Oxford oder Cambridge sind nicht nur an sich interessant, sie sind auch, wie das gesamt Umland, per Bahn gut an London angebunden.

Und wo machen Sie gerne Urlaub?

Wenn ich Urlaub mache, dann bloß nicht in einer Großstadt! Wer in London lebt, der kann sich auf Städtetrips nicht erholen. Und mal ehrlich, wennn man in der spannendsten Stadt der Welt lebt, hauen einen andere Metropolen nicht mehr so richtig vom Hocker. Mich zieht es aufs Land, entweder in die Provence, nach Puglia, auch Amerika mag ich sehr gern. Hauptsache grün um mich herum und Wasser in der Nähe! Gelegentlich, wenn mich der London-Blues packt, fliehe ich auch gern mal für zwei, drei Tage in die "Countryside: englische Fernwanderwege wie der "Ridgeway" oder "South Downs Way" sind nur eine Zugstunde entfernt, hervorragend ausgeschildert und bieten Natur und tolle Landschaften bis zum Abwinken. Übernachtet wird in schmucken kleinen B&Bs, und abends dann ein Pint lokales Ale im Dorfpub zischen: my kind of holiday!

 

Bettina Breuer, vom 17.05.2012 17:00 Uhr
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