Der Norden Thailands
Tempelglanz und Elefantenkuss

Eispalast oder Zuckerbäckerfantasie? Der weiße Tempel in Chiang Rai lässt der Fantasie jede Menge Spielraum. Foto: Ekkehart Eichler
Eispalast oder Zuckerbäckerfantasie? Der weiße Tempel in Chiang Rai lässt der Fantasie jede Menge Spielraum. Foto: Ekkehart Eichler

Schneeweiß und glitzernd – auf den ersten Blick könnte Wat Rong Khun gut und gern der kristalline Eispalast einer Schneekönigin sein. Die irre Zuckerguss-Orgie eines beschwipsten Konditormeisters. Die verblüffende Fantasie eines ausgeflippten Comic-Zeichners. Vielleicht aber auch eine phänomenale Mischung aus allem. Kein Wunder also, dass sich am Wat Rong Khun ästhetisch die Geister scheiden – die einen finden ihn traumhaft schön, die anderen unfassbar kitschig. Kalt aber lässt diese Anlage mit Sicherheit niemanden. Und das ist ja auch schon mal was.

So wird das Wetter in Thailand

Der Tempel, dessen weiße Farbe nicht wie üblich in Thailand für Trauer steht, sondern die Reinheit und Weisheit Buddhas symbolisiert, entstammt der Vorstellungs- und Schöpferkraft des einheimischen Künstler-Stars Chalermchai Kositpipat. Vor 20 Jahren begann er mit dem Bau, den er aus Privatvermögen und mit Spenden finanzierte und der bald schon zum Wahrzeichen und zur Hauptattraktion von Chiang Rai avancierte.

Der Tempel scheint über der Landschaft zu schweben. Er strotzt vor Details, die voller Symbolik stecken. Hier gibt es eine Hölle, in der leidende Menschen händeringend nach Erlösung suchen. Darüber hinweg führt eine Brücke in den Himmel, wo der letzte Kampf des Buddha mit dem Bösen in Gestalt eines Dämonen bebildert wird. Die grandiosen Wandmalereien zeigen etwa den Terror vom 11. September, die Gier nach Öl, die Sucht nach Alkohol, die Macht der Waffen – kurzum die Dämonen unserer Welt und unserer Zeit. All dieses Schlechte an der „bösen“ Wand soll der Besucher beim Verlassen des Tempels hinter sich lassen. Ob er dann tatsächlich Erleuchtung findet, ist sicher auch eine Glaubensfrage – Potential zum Staunen und Sinnieren bietet Wat Rong Khun jedenfalls zuhauf.

Die Flussautobahn

Von weiß zu grün, hinein in Berglandschaft und Dschungel des Nordens. Am einfachsten geht das an Bord eines Schnellboots auf dem Kok-River, der im nahen Myanmar entspringt. Von Chiang Rai fahren wir 50 Kilometer stromaufwärts – eine Dreistundenpassage durch pure Natur und tiefen Frieden, nur der Bootsmotor röhrt eine monotone Begleitung.

Der Kok-River ist ein adretter Bursche, der zudem allerlei Register zieht in puncto Unterhaltung. Mal packt er dicke Felsen in sein Bett, die der Bootsmann in kühnen Bögen umkurven muss. Mal kocht er brodelnde Stromschnellen-Süppchen mit Rüttel- und Schüttel-Effekt wie bei Flugturbulenzen. Und mal haben wir überhaupt keine Ahnung, warum der Skipper so schwungvoll manövriert, dass wir in bedenklicher Schräglage gleich im Busch zu landen glauben. Bevor er haarscharf wieder die Kurve kriegt.

Im Fluss-Kino glotzen Wasserbüffel neugierig vom Ufer. Baden Kühe in einer seichten Bucht. Steigt ein Elefant aus dem Schlamm und trompetet fröhlich. Wirft ein Mann mitten im Fluss ein Netz aus in der Hoffnung auf Fisch zum Mittagessen. Das alles ist vollkommen unspektakulär,

macht es gerade deshalb aber auch besonders. Himmlisch unaufgeregt und absolut entspannt – was will man mehr.

Sanfte Dickhäuter

Elefanten spielen die Hauptrolle am nächsten Tag. Das Maesa-Elephant-Camp bei Chiang Mai ist eine der besten Adressen, wenn man auf Tuchfühlung zu Dickhäutern gehen will. Auf Wunsch auch ganz wortwörtlich und intim, zum Beispiel per kräftigem Schmatz auf die Wange. Ein eher zweifelhaftes Vergnügen, wie der Selbstversuch zeigt – so ein Rüssel ist halt kein zarter Frauenmund. Vom Geruch mal ganz zu schweigen.

Früher wurden in Camps wie diesem Arbeitselefanten für die Baumstammtransporte in den Teakwäldern trainiert. Heute sind die über hundert Tiere und ihre lebenslangen Wegbegleiter, die Mahouts, der touristischen Unterhaltung verpflichtet – wobei man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass auch ihre eigene nicht zu kurz kommt. Die Tiere werden vollgestopft mit Zuckerrohr und Bananen, ihren Leib- und Lieblingsspeisen. Sie können jeden Tag ausgiebig baden und dabei gern auch mal Touristen per Rüssel „duschen“. Und sie dürfen auch sonst allerlei Schabernack und Allotria treiben, zum Gaudi der Gäste und vermutlich auch zu ihrem eigenen.

Was sie wirklich draufhaben, zeigen sie in der täglichen Show. Da werden etwa Baumstämme gestapelt von mehreren Tieren im Team. Ein paar Könner spielen recht passabel Fußball, und manche malen sogar zur allgemeinen Verblüffung wie die Weltmeister. Der eine ist spezialisiert auf Blumen, ein zweiter Fachmann für Bäume. Der dritte bringt tatsächlich einen Elefantenkopf aufs Papier, während Dumbo van Gogh sogar eine richtige Landschaft pinselt mit Himmel und Bergen in verschiedenen Farben. Eine Dressurleistung, die allergrößten Respekt verdient und zurecht quittiert wird mit tosendem Applaus.

Die Stadt der hundert Tempel

Einem Elefanten verdankt Chiang Mai, die Stadt der hunderten Tempel, auch einen ihrer größten Schätze: das Bergkloster Wat Phra That Doi Suthep. Als ein König im 14. Jahrhundert schwor, für eine wertvolle Reliquie einen Tempel zu bauen, überließ man die Wahl des Bauplatzes einem weißen Elefanten. Mit dem heiligen Gegenstand auf dem Rücken steuerte dieser direkt den Berg an und erklomm ihn in drei Tagen bis zu einem Felsvorsprung in 1.000 Meter Höhe. Dort trompetete er dreimal, kniete nieder und starb. Kein Zweifel: Das musste der gesuchte Platz für den Tempel sein. So die Legende.

Seit 1934 führt eine kurvenreiche Straße hinauf zum Heiligtum. Beziehungsweise einer langgezogenen Treppe zu seinen Füßen, die von zwei siebenköpfigen Naga-Schlangen gerahmt wird. Oben angekommen wird man dann nicht nur geblendet von der fantastischen Aussicht, sondern vielmehr noch vom Gold des Chedi, der die Reliquie birgt. Von den zeremoniellen Schirmen im burmesischen Stil, von den Sockeln mit mythologischen Elefanten- und Löwenreliefs, von den kunstvollen Verzierungen an Dächern und Giebeln, von den leise bimmelnden Glöckchen und nicht zuletzt von Buddhas über Buddhas. Und wenn dazu die Sonne wie heute ihr Bestes gibt, ist der gleißende Glanz im Heiligtum schon irgendwie sphärisch und kaum mehr zu ertragen. Aber vielleicht sieht exakt so der Weg in den Himmel aus.

Ekkehart Eichler, vom 12.01.2017 12:05 Uhr
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