Der legendäre „Canadian“
Am Fensterplatz durch Kanada

Seit 1955 schiebt sich „The Canadian“ durch Kanadas beeindruckende Landschaften. Er wurde 1955 von der Canadian Pacific Railway (CPR) eingeführt. Seit 1978 jedoch erfolgt der Betrieb durch die Gesellschaft VIA Rail. Foto: shutterstock/BGSmith
Seit 1955 schiebt sich „The Canadian“ durch Kanadas beeindruckende Landschaften. Er wurde 1955 von der Canadian Pacific Railway (CPR) eingeführt. Seit 1978 jedoch erfolgt der Betrieb durch die Gesellschaft VIA Rail. Foto: shutterstock/BGSmith

Tom ist einer der ersten, der am frühen Morgen seinen Platz im Speisewagen einnimmt. Der 69-Jährige Rentner hat keinen Zeitdruck. Bis Vancouver, wo er seinen Sohn besucht, spielt Zeit keine Rolle mehr. Wer mit dem „Canadian“ fährt, muss Zeit mitbringen, denn Verspätungen gehören dazu. Weil Frachtzüge immer Vorrang haben. Das weiß Peter Payan nur zu gut. Vor 50 Jahren reiste er das erste Mal von Ost nach West. Das war 1967, er war 25 und das Geld reichte gerade für einen Sitzplatz in der Economy-Klasse. Heute ist es seine achte Reise, natürlich in der eigenen Kabine. „Bei drei Stunden ist er pünktlich, bei zwölf Stunden gilt er als verspätet“, erklärt Peter und winkt dem Kellner zu: „Hallo Serge, dich kenne ich doch von der letzten Fahrt.“

So wird das Wetter in Kanada

Union Station, Toronto, am Abend zuvor. Um 21.30 Uhr ertönt der Aufruf, sich an Bord von Zug Nr. 1 auf Gleis 16 zu begeben. Ohne Hektik und lästiges Kofferschleppen – die sind längst eingecheckt und verstaut, – nur Handgepäck darf mit ins Abteil. Zugbegleiter begrüßen die Reisenden und helfen beim Einsteigen. Keine Lautsprecheransage oder akustisches Signal kündigt die Abfahrt an. Um Punkt 22 Uhr setzt sich der Zug mit einem sanften Ruck in Bewegung. Zwei Diesel-Loks, 23 Waggons, 200 Passagiere und 29 Via Rail Mitarbeiter starten zu ihrer Reise von Ost nach West. Vor ihnen liegen 4.466 Kilometer. Drei Tage, und vier Nächte dauert die Fahrt, die durch drei Zeitzonen und fünf Provinzen führt.

Die beleuchtenden Silhouetten der Hochhäuser verblassen. Losgelöst vom Rest der Welt rollt der „Canadian“ durch das Nachtdunkel. Im Zug ist es still geworden, es ist weit nach Mitternacht. Tom hat es sich im Dome-Wagen, dem speziell konfigurierten Waggon mit verglastem Oberdeck bequem gemacht. Über dem Glasdach spannt sich ein funkelnder Sternenhimmel. Der Zug fährt durch endlose Wälder. Dazwischen blitzen die stählernen Wagen des Zuges silbern im Mondlicht, als wäre er eine Raumkapsel auf einer einsamen Umlaufbahn. Einfach da sitzen und nichts tun, während man in die Landschaft schaut, die an einem vorbei zieht. Liegt es am Rattern der Schienen, ist es das sanfte Schaukeln des Betts, das monotone „Ding, Ding, Ding“ beim Passieren der Bahnübergänge?

Die Zugfahrt besänftigt, beruhigt, befriedet. Sie ist Meditation und Stress-Therapie in einem. Auf dem Bett liegen, Beine ausstrecken und aus dem Fenster gucken. Die Doppelkabine mit Tisch, Waschbecken und WC als rollendes Refugium des Nichtstuns.

Die Zeit scheint stehen geblieben. Die Eisenbahnwaggons aus gewelltem Stahl stammen original aus den 50zigern – das Design ist einem Flugzeugrumpf nachempfunden. Nostalgie geht über Design. Wer sich Luxus leistet, reist in einem der renovierten 5-Sterne-Suites, diejenigen, die kein Geld für ein Flugzeugticket haben, fahren in einem der Economy-Wagen im vorderen Bereich des Zuges.

Birgit-Cathrin Duval, vom 07.04.2017 09:44 Uhr
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APR
17.
15:18 Uhr, geschrieben von Datura
Nicht immer ein Genuss
Vorsicht, nicht immer frei von Bettwanzen u.ä.!!! Diese Reise war meine leidvollste: zu den Schmerzen und dem Handicap durch meine vielen Bettwanzenstiche kam später auch noch der verlorene Prozess gegen VIARailCanada: Mein Tipp: über eine Organisation buchen (wegen möglicher Ansprechpartner in so einem Fall), sofort alles dokumentieren, fotografieren und im Zug nicht diskret, sondern lautstark reklamieren, Zeugenadressen Die Abteile sind fast ganz mit Teppich ausgekleidet. Die mittlere Kategorie ist die, bei der das obere Bett in der 2er-Kabine einfach hochgeklappt wird. Es ist immer ganz im Dunkeln- sowohl aus- als auch eingeklappt -und und daher schwer zu reinigen.
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