Delft
Zum Malen schön

Delft ist mit über 13000 Studenten eine quirlige und junge Stadt. Foto: Delft Tourismus
Delft ist mit über 13000 Studenten eine quirlige und junge Stadt.Foto: Delft Tourismus

"Wo hat er denn gemalt und wo gewohnt?" Oder: "In welchem Haus wurde er geboren?" Diese Fragen bekommt Gretel Pitzer oft zu hören, und sie weiß auf alle eine Antwort. Die Stadtführerin kennt viele Plätze in Delft, die in Jan Vermeers Leben eine Rolle gespielt haben. Fast sein gesamtes Leben von 1632 bis 1675 verbrachte der weltberühmte Maler in der südholländischen Stadt. So führt die gebürtige Deutsche auf Rundgängen in die Voldersgracht Nr. 25, wo seine Eltern den Gasthof Zum fliegenden Fuchs betrieben und Vermeer geboren wurde. Im Haus nebenan, der Nr. 21, residiert das multimediale Vermeer Centrum, das sehr anschaulich das Leben und die Arbeit des Künstlers illustriert, ebenso die Geschichten hinter vielen seiner Bilder dokumentiert und einen Eindruck von Delft im 17. Jahrhundert vermittelt.

Vom Sträßchen Hooikade am De-Kolk-Hafenbecken aus hat man ungefähr das Panorama, das Vermeer in seiner "Ansicht von Delft" festhielt. "Er sammelte auf Spaziergängen seine Eindrücke und brachte sie dann zu Hause auf die Leinwand", erzählt Gretel Pitzer. "Die Freiluftmalerei war damals noch unbekannt. Aus Gründen der Bildharmonie wurden schon mal Gebäude dazukomponiert oder Details wie Bäume und Brunnen."

An der Stelle der Kapelle in der Oude Langendijk Ecke Jozefstraat bewohnte der Künstler mit seiner Familie ein Haus, das später abgerissen wurde. In dieser Umgebung entstanden 2003 die meisten Außenszenen für den Kinofilm "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", der auf einem fiktiven Roman um das bekannteste Bild des Malers basiert. Zeitweise wusste Vermeer, der auch als Kunsthändler arbeitete, kaum seine Frau und die elf Kinder zu ernähren. Ironie des Schicksals: 2004 erzielte eines seiner nur 36 erhaltenen Bilder, die "Junge Frau am Virginal", über 24 Millionen Euro bei einer Kunstauktion von Sotheby’s in London.

Auf die Frage, wo in Delft denn Vermeers Werke zu sehen seien, muss Gretel Pitzer enttäuschen: "Keines der Gemälde blieb in der Stadt. Drei Bilder sind im Königlichen Gemäldekabinett in Den Haag zu sehen, vier hängen im Rijksmuseum in Amsterdam." Wenigstens ist in Delft Vermeers Grab zu finden. Beigesetzt wurde der Meister in der Alten Kirche, erbaut um 1246 am Kanal Oude Delft. Auch sein Zeitgenosse Antoni van Leeuwenhoek (1632–1723) fand hier seine letzte Ruhestätte. Der Tuchhändler schliff Vergrößerungslinsen, um Stoffe besser beurteilen zu können, und entwickelte später Mikroskope. Als Amateurwissenschaftler war er der Entdecker von Bakterien und Körperzellen.

Delft ist nicht nur an den Schauplätzen des Leben Jan Vermeers interessant, sondern überall malerisch schön. Die Struktur der Stadt hat sich in den letzten 500 Jahren kaum verändert. 80 Brücken verbinden elf Inseln, über 600 Gebäude aus der Blütezeit der Stadt zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert säumen die Gassen.

Delfts Wohlstand gründete sich auf seine Bedeutung als wichtige Handelsmetropole. Der Import von Gewürzen und Porzellan aus Fernost florierte, Bierbrauereien, Tuchwebereien und Töpfereien machten gute Geschäfte. Keramikwerkstätten begannen, die beliebten chinesischen Fayencen zu kopieren. Heraus kam dabei das bis heute berühmte Porzellan Delfter Blau. Die einzige Manufaktur, die noch seit jener Zeit besteht, ist Royal Delft am Rotterdamseweg 196, südlich der Altstadt. Bei einer Führung kann man den Porzellanmalern zuschauen. Im Museum sind die schönsten Stücke aus der 350-jährigen Geschichte des Unternehmens ausgestellt. Brunnen und Wandmedaillons aus glasiertem Ton zieren den Innenhof. Natürlich gibt es einen Fabrikverkauf. Antike Fliesen allerdings findet man hier nicht. Die gibt es bei Koos Rozenburg, der seine Schätze im schmucken Giebelhaus am Markt 2 feilbietet. Etwa 2000 Stück hat er zusammengetragen, die meisten aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Zwischen zehn und 290 Euro liegen die Preise, seine ältestes Exemplar ist von 1575. "Die ersten Fliesen waren mehrfarbig bemalt, später dann im traditionellen Blau", erzählt Koos und gibt noch einen Tipp: "Je dicker die Fliese, desto älter."

Antiquitäten anderer Art sind im wichtigsten Museum der Stadt zu sehen, dem Prinsenhof am St. Agathaplein gegenüber der Alten Kirche. In diesem früheren Kloster residierte ab 1572 Willem van Oranje, der Gründer der Oranier-Dynastie. Mit seinen protestantischen Untertanen rebellierte er gegen die spanisch-katholische Besatzungsmacht. Ausstellungen dokumentieren dies und zeigen neben Stillleben Delfter Meister beeindruckende Sammlungen Delfter Porzellans und höfischen Hausrats. Der spanische König übrigens setzte ein Kopfgeld auf den aufständischen Oranier aus. Mit Erfolg. Ein treuloser Gefolgsmann meuchelte Willem van Oranje, zwei Einschusslöcher sind noch im Treppenhaus zu sehen. Beigesetzt wurde der Prinz dann in der Neuen Kirche auf dem Marktplatz.

Trotz großer Historie: Delft ist auch eine junge Stadt. Von den rund 95000 Einwohnern sind über 13000 Studenten. Das spürt man besonders an den Wochenenden, wenn sich die Altstadt in eine Open-Air-Bühne verwandelt. Auf den Plätzen und an den Grachten bauen Händler ihre Stände auf für Bücher, Antiquitäten und Kuriositäten, Kleinkünstler beleben die Gassen. Verliebte flanieren unter den alten Platanen rund um den Beestenmarkt – das Denkmal mit der bunten Kuh erinnert an seine Vergangenheit als Viehmarkt. Straßentheater und Festivals machen die Nächte lang. Eine Szenerie, die Vermeer vielleicht gerne gemalt hätte. Auch Hobbymaler können in Delft zum Pinsel greifen. Wie wäre es mit einer Fliese im typischen Blau? Bei Royal Delft vermitteln die Porzellanmaler Besuchern die passende Technik. Fünf Tage später wird das fertig glasierte und gebrannte Werk zugeschickt.

Heike Weichler, vom 21.12.2010 09:40 Uhr
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