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Das Montafon
Über alle Berge

Im 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das Warenschleusen für die Menschen im Montafon eine wichtige Einnahmequelle. Foto: shutterstock/bikemp
Im 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das Warenschleusen für die Menschen im Montafon eine wichtige Einnahmequelle. Foto: shutterstock/bikemp

Regen, Nebel, Kälte. „Passt“, sagt Wanderführerin Carmen Schuchter. Wie kann sie derart euphorisch sein? Im Moment möchte man keinen Hund vor die Tür lassen. Nicht bei diesem Schmuddelwetter! „Schmugglerwetter“, korrigiert Carmen das Geheimnis ihrer guten Laune. „Nur bei schlechtem Wetter, sprich muderem, wie wir Montafoner sagen, oder bei Dunkelheit zogen Schmuggler früher los. Beides bot ihnen Schutz vor Zöllnern, ließ sie unentdeckt bleiben.“

So wird das Wetter in Österreich

Im 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das Warenschleusen für die Menschen im Montafon eine wichtige Einnahmequelle. Wahrscheinlich betrieben sie es auch vorher schon unbemerkt im kleinen Stil, aber erst seit etwa 1890 existieren Nachweise wie Zeitungsberichte über große, illegale Aktionen. „Die Bevölkerung war sehr arm und wollte etwas dazuverdienen“, erzählt Carmen Schuchter. 

Das Montafon ist eine Gegend in Vorarlberg, unweit des Bodensees, die im Süden an die Schweiz grenzt. Das alles ist Gargellner Gebiet. Von hier aus war der Weg ins Nachbarland über die Berge näher als der durchs Tal. Auf einem viel begangenen Saumpfad, der heute eine zertifizierte Wanderroute ist, wurden Waren an Zöllnern vorbei ins Schweizer Prättigau geschleust und umgekehrt.

Wie einst die Schmuggler

Den Schmugglern von einst wird heute nachgeeifert. Gargellen am Ende eines Hochtals ist an diesem Morgen eingehüllt in eine löchrige Nebeldecke. Die urigen Hotels und Häuser aus Holz-Stein-Gemisch an den Hängen sind sichtbar, die Berge nicht. 150 Menschen wohnen im Schmugglerdorf, rund 5000 Gästebetten gibt es. In diesen frühen Stunden ist wenig los. Nur die Silhouetten zweier Männer lösen sich aus dem Nebel und laufen in Richtung Bergbahn.

In zehn Minuten schwebt die Gondel rauf zum 2130 Meter hoch gelegenen Schafbergplateau. „Hier entlang“, geleitet Carmen Schuchter zum Schmugglerpfad in der kahlen Felslandschaft. Ein letzter Blick vom Schafbergplateau, wo Wolltiere weiden und Familien des Wegs laufen. Sie erkunden die Entdeckungsstationen des „Schmugglerlandes“  für Knirpse. In einer Senke erstrahlt wie ein Smaragd der Gandasee. Darüber erhebt sich der Felsgigant Madrisa, der höchste Berg im Montafon mit 2770 Metern.

Carmen betritt einen Pfad, der sich später in Serpentinen direkt auf das 2379 Meter hohe St. Antönier Joch schlängelt. Auf den engen, steilen Grenzwegen mussten die Warenschleuser früher  stets auf der Hut sein, und wenn es darauf ankam, schnell verschwinden. Oftmals mit Tieren im Schlepptau. Bis zu 400 Stück Vieh jährlich trieben die Schwärzer, wie Schmuggler genannt wurden, über die Pässe und Joche in die Schweiz.

„Außerdem hatten sie Butter, Speck, Kleidung, Schuhe, Tabakpfeifen oder Kuhglocken dabei“, erklärt der Monta­foner Friedrich Juen. „Nach Österreich wurden Salz, Mehl, Zucker geschleust, auch Tabak, Schokolade, Waschpulver, WC-Rollen und ungeröstete Kaffeebohnen. Alles, was es auf der anderen Seite nicht gab oder nur zu überteuerten Preisen.“

Alte Geschichten

Friedrich stammt aus Vergalden, dem hintersten Teil im Gargellental. Der Bruder seines Großvaters war ein bekannter Schmuggler namens Meinrad Juen. Die Geschichten über ihn hat Friedrich schon als Kind aufgesaugt. Ihre Tricks kennt der Hobby-Ortshistoriker, der bei der hiesigen Bergbahn arbeitet, nur zu gut.

Mit ein paar Handgriffen macht er aus einem Jute- einen Schmugglersack und erklärt: „Zwischen 20 und 30 Kilo schleppten die Schmuggler auf dem Rücken.“ Das möchte man jetzt lieber nicht testen. Es nieselt wieder, und der Weg schlängelt sich über rutschiges Gestein. Den einheimischen Schmugglern machten solche Bedingungen nichts aus. Friedrich erzählt, wie gewieft sie waren: „Um eine falsche Fährte bei Matsch und Schnee zu legen, nagelten sie ihre Sohlen verkehrt herum auf die Schuhe. So lief der Zöllner dem Schmuggler nicht nach, sondern von ihm weg.“

Am Grenzkamm, dem Antönier Joch, schimmern grüne Bergrücken durch den Nebel. Ein Anblick, als stünde man in Neuseeland und nicht an der Schwelle zur Schweiz, wo es schon immer grenzüberschreitende Kontakte gab. „Beispielsweise beim Schafehüten“, sagt Friedrich Juen. „Meinrad war Hirte. Wenn er in den Bergen Kollegen aus der Schweiz traf, tauschten sie  das, was sie dabeihatten. So fing alles an. Da war Meinrad 15 Jahre alt.“ Aus seinem illegalen Speditionsjob wurde ein lukratives Geschäft, er schaffte sich Gehilfen an.

Schwindelfrei sein

Am Grat entlang verläuft die Strecke jetzt über steinreichen Boden, teils nur 30 Zentimeter breit, zum Gafierjoch in 2415 Meter Höhe. Es empfiehlt sich, schwindelfrei zu sein. Gegenüber baut sich unter Nebellöchern die Rätschenfluh wie ein riesiger Gletscher auf. Ginge man weiter in Richtung Klosters, würde man zum Schlappiner Joch kommen, wo das „Gaffiloch“ im Boden klafft, zu Deutsch Kaffeeloch. Kaffee stand stellvertretend für alle Schmugglerwaren, meint Friedrich, weil es das beliebteste Gut war. „Wenn man sich nicht mit Kontaktmännern zum Austausch traf, wurden die Sachen auf der Schweizer Seite im Gaffiloch deponiert. Österreicher holten sie ab und hinterließen in den Gesteinsritzen Geld.“ Andersrum genauso.

Als der Zweite Weltkrieg hereinbrach, harrten oftmals jüdische Flüchtlinge, aber auch deutsche oder österreichische Verfolgte in dem Schweizer Bodenversteck aus, bis die Schmuggler sie in einem günstigen Moment rüber in die Schweiz brachten. „Allein Meinrad verhalf bis zu 47 Menschen nach drüben“, sagt Friedrich. 

Der Schriftsteller Jura Soyfer wiederum wollte ohne fremde Hilfe fliehen. Als er 1938 auf Skiern in die Schweiz aufbrach, wurde er jedoch geschnappt. Im Konzentrationslager Buchenwald verstarb er an Typhus. Seine literarischen Texte und die anderer Weggefährten leben weiter. Aus ihnen entstand die Montafoner Theaterwanderung „Auf der Flucht“. Friedrich Juen schlüpft dafür stets in die Rolle des Meinrad und durchstreift mit Darstellern und Publikum die Schauplätze der NS-Zeit. Egal, ob bei schönstem Sonnenschein oder wie auf der heutigen Wanderung bei Schmuddelschmugglerwetter.

Ann-Kathrin Schröppel, vom 29.09.2017 11:20 Uhr
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