Dampflokfahren in Wales
Im Paradies der Pufferküsser

Die Ffestiniog Railway ist eine  Lok der Bauart Double Fairlie. Charakteristisch ist die symmetrisch aufgebaute Doppellok. Foto: Axel Baumann
Die Ffestiniog Railway ist eine Lok der Bauart Double Fairlie. Charakteristisch ist die symmetrisch aufgebaute Doppellok.Foto: Axel Baumann

„Um vier Uhr klart der Himmel immer auf“, meint Zugbegleiter Wayne auf dem Weg zum Gipfel des Mount Snowdon. Nur heute ist es bereits halb fünf, und der weiße Mantel, den sich der 1.085 Meter hohe Berg umgelegt hat, rollt sich immer tiefer hinab ins Tal. Der Snowdon ist die höchste Erhebung in Wales. Bis Ende des 19. Jahrhunderts konnten Ausflügler ihn nur zu Fuß oder mit Pferden erklimmen. Doch seit 1896 gibt es die Snowdon Mountain Railway. Die Zugeinheit besteht nur aus einem Waggon, der bergauf von einer Schweizer Zahnradlok geschoben und bergab gezogen wird.

Ehrenamtliche aus der ganzen Welt helfen mit

Nordwales ist ein Mekka für Dampflokfreunde. Über 15 Schmalspurbahnstrecken gibt es auf einer Fläche von gerade mal 20.000 Quadratkilometern. Jede hat ihren eigenen Charme und ihre „Volunteers“, ohne die die kleinen Bahnen nicht überleben könnten. Aus allen Teilen der britischen Insel und auch von jenseits des Kanals kommen Ehrenamtliche und leisten zwei- bis dreimal pro Jahr ihren Dienst während ihres Urlaubs auf einer der Linien ab. Zehn Züge vermarkten sich unter dem Namen „Great Little Trains of Wales“. Kleinere Bahnen wie die Bala Lake Railway, die seit 1972 am größten walisischen Natursee „Bala“ entlang schaukelt, zählen genauso dazu wie die Welsh Highland und Ffestiniog Railway. Seit 2011 sind beide Schmalspurlinien im Herzen des Snowdonia Nationalparks über den Bahnhof Porthmadog zu einer knapp 65 Kilometer langen Strecke miteinander verbunden.

Im 19. Jahrhundert transportierten die Züge noch Schiefer

„Wie die Ffestiniog Railway wurde die Welsh Highland Bahn im 19. Jahrhundert zu Zeiten Königin Viktorias gebaut, um Schiefer aus den Bergen an die Küste zu transportieren“, meint Andrew Thomas, einer der etwa 60 Festangestellten des Unternehmens. Nach 1941 war die Welsh Highland Strecke stillgelegt und demontiert. Erst 1997 wurde Abschnitt für Abschnitt für touristische Zwecke neu eröffnet. Die Reise nach Porthmadog beginnt hinter dem Schloss Caernarfon an der Irischen See. Es wurde im 13. Jahrhundert vom englischen König Edward I. erbaut, nachdem er Wales erobert hatte. Seitdem werden hier die Prinzen von Wales gekrönt. 1969 zuletzt der damals 20-jährige Prinz Charles. Die kleine Bahn zuckelt durch saftige, grüne Weiden, auf denen es sich jede Menge Schafe gut gehen lassen. Später rattert sie entlang des Flusses Gwyrfai und schließlich am Nordufer des Sees Llyn Cwellyn vorbei. Wer mit der Ffestiniog Railway noch weiter bis Blaenau Ffestiniog fahren möchte, der steigt in Porthmadog um und lässt sich von einer „Double-Fairlie-Lokomotive“ ziehen. Ihr charakteristisches Kennzeichen sind zwei Schornsteine, zwei Rauchkammern und ein Doppelkessel, der mitten durch das Führerhaus verläuft.

Mit 14 Jahren wurde auch Rachel Palfreyman vom Dampflokvirus infiziert

350 ehrenamtliche „Pufferküsser“ haben sich der seit 1951 wieder verkehrenden Talyllyn Railway verschrieben. Die rot-schwarze Lok „Sir Handel“ wird von einem echten Lokführer gefahren. Wenn Andy Young bei Cross Country Trains durch die Lande braust, hat er allerdings nicht nur 25 Kilometer pro Stunde auf dem Tacho. Auch Rachel Palfreyman verbindet wahre Liebe mit den Stahlrössern. Mit 14 Jahren wurde sie 1982 vom Dampflokvirus infiziert. Bei Sturm, Regen und Kälte wie heute schippt Rachel Kohle, putzt das Feuer und schläft während der zwei Wochen ihres Urlaubs, in denen sie ihr Dampflokfieber zu kurieren versucht, im feuchten Zelt.

Die Talyllyn Railway inspirierte sogar zu einem Kinderbuch

Im Talyllyn Museum erfährt der Besucher vieles über Schmalspurbahnen in Großbritannien, aber auch einiges über den Erfinder von „Thomas the Tank Engine“. In Deutschland sind die Kinderbücher unter dem Titel „Thomas, die kleine Lokomotive“ bekannt. Pfarrer Wilbert Awdry erdachte ab 1943 Geschichten für seinen Sohn Christopher. „Ab 1951 war er ehrenamtlicher Helfer bei der Talyllyn Railway. Vorkommnisse und Personen auf unserer Bahnlinie inspirierten ihn zur Erfindung der Skarloey Railway“, berichtet Rachel Palfreyman: „Seit fast 30 Jahren verfasst nun schon Sohn Christopher die Kindergeschichten.“ Begegnen kann der Wales-Besucher dem fiktiven „Thomas the Tank“ tatsächlich. In Llangollen dampft die hellblaue Lok mit dem freundlichen Gesicht mehrmals im Jahr auf der 1975 wieder verlegten Normalspur-Trasse der Llangollen Railway durchs Flusstal des Dee.

Grüne Landschaft, drei Millionen nette Menschen, mindestens doppelt so viele Schafe, ein paar Schlossruinen und ganz viele Dampfloks - Croeso i Cymru – Willkommen in Wales.

 

Und so wird das Wetter in Wales.

 

Informationen

Anreise: Mit Lufthansa nach Manchester von verschiedenen deutschen Flughäfen ab ca. 200 Euro (www.lufthansa.com). Weiter mit Mietwagen. Fahrtdauer bis zur walisischen Grenze kurz vor Wrexham zirka eine Stunde. Dampflokbahnen in Wales

The Great Little Trains of Wales: www.greatlittletrainsofwales.co.uk

Snowdon Mountain Railway in Llanberis (800 mm Spurweite): www.snowdonrailway.co.uk

Ffestiniog and Welsh Highland Railway in Porthmadog (600 mm Spurweite): www.festrail.co.uk und www.festrail.co.uk/multilingual/germany.htm (deutsch)

Talyllyn Railway in Tywyn (686 mm Spurweite) mit Schmalspurbahnmuseum: www.talyllyn.co.uk und www.ngrm.org.uk

Llangollen Railway in Llangollen (Normalspur): www.llangollen-railway.co.uk

Bala Lake Railway Ltd in Llanuwchllyn (610 mm Spurweite): www.balalake.co.uk und www.bala-lake-railway.co.uk

 

Allgemeine Informationen

Visit Wales

c/o Aviareps Tourism GmbH

Josephspitalstr. 15

80331 München

Tel.: 089 552533802

Fax: 089 552533489

E-mail: visitwales.germany@aviareps.com

Internet: www.visitwales.de

 

Visit Wales, Cardiff

Tel. 0044 8701211251

E-mail: info@visitwales.com

Internet: www.visitwales.de

 

Literatur

Reiseführer: „Wales“, Verlag Lonley Planet / Mairdumont, 2011, ISBN 978-3-8297-2231-5, Preis 19,95 Euro

Dagmar Krappe, vom 17.08.2012 09:30 Uhr
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