Stepanakert - „Wenn die Aserbaidschaner es noch einmal wagen, uns anzugreifen, jagen wir sie bis ins Kaspische Meer!“ Unter Arturs riesiger krummer Nase blitzt ein Lächeln auf. Der Gedanke, dass Aserbaidschan die Kontrolle über das kleine armenische Berg-Karabach zurückerlangen könnte, erscheint ihm völlig abwegig. Wir stehen auf der Hauptstraße des Dorfs Togh im Süden Berg-Karabachs. Vor uns liegen die Trümmer des 300-jährigen Dorfkerns, zerbombt von der aserbaidschanischen Luftwaffe. Von 1991 bis 1994 kämpften die christlichen Karabach-Armenier um ihre Unabhängigkeit vom muslimisch geprägten Aserbaidschan. Zehntausende starben, Hunderttausende wurden auf beiden Seiten vertrieben. In den Schützengräben entlang der Waffenstillstandslinie verlieren jedes Jahr mehrere Soldaten bei Scharmützeln ihr Leben. Bisher hat kein Land der Welt den De-facto-Staat Berg-Karabach mit seinen 140 000 Einwohnern anerkannt.
Togh gilt den Karabach-Armeniern als der Ort, den sie zuerst im Krieg befreiten. Schwer bezahlen musste das Dorf für diesen Sieg. Eine Kuh grast in Ruinen, in den baufälligen Kirchen kreischen Fledermäuse. Hier und dort ein gelb-blaues Zeichen auf Mauern und Strommasten. Es zeigt die geschwungene Silhouette Berg-Karabachs, darüber fünf kleine Kreise, die das Ganze wie einen Fußabdruck erscheinen lassen. Es könnte eine Warnung sein vor Minen und Blindgängern, die immer noch große Flächen Karabachs bedecken.
Das Kloster Gtchavank ist etwa 700 Jahre alt
Tatsächlich handelt es sich um das Logo des Janapar-Trails, eines 200 Kilometer langen Wanderwegs durch Berg-Karabach. Entworfen hat ihn Raffi Kojian, ein US-Amerikaner mit armenischen Wurzeln. Das Dorf Togh ist Startpunkt meiner 80 Kilometer langen Wanderung zur Festungsstadt Shoushi. Die erste Etappe führt mich, vorbei am über 700-jährigen Kloster Gtchavank, in das Dorf Azokh. Dort bin ich mit dem 55-jährigen Amro verabredet, einem Bauern, der als Gastgeber auf der Internetseite des Janapar-Trails vermerkt ist. Unter seinem mächtigen Schnauzbart, der ihn wie Josef Stalin aussehen lässt, lugt stets eine Zigarette hervor. Amro half, den Janapar-Trail zu markieren. Ich bin der erste Gast seit einem Jahr - und komme genau richtig: Amro feiert in seinem Gemüsegarten mit dem Baukollektiv Azokhs, das den Rohbau der neuen Dorfschule fertigstellte. Die Grillstelle wird angeheizt, riesige Schaschlikspieße werden mit faustgroßen Fleischbrocken bestückt. Auf anderen stecken Tomaten und Kartoffeln mit Speck.
Amro reißt die brutzelnden Fleischstücke mit bloßer Hand von den Spießen. Als Gast werde ich zuerst bedient. Es folgen Trinksprüche auf die Familien, auf das Dorf, auf das Baukollektiv, und schließlich bekommt auch der Gast einen eigenen Toast, bei dem auch meine zukünftigen Kinder und Enkel mit eingeschlossen werden. Diese Gastfreundschaft der Karabach-Armenier begleitet mich auf meiner gesamten Wanderung.
„Wir werden nie wieder Teil Aserbaidschans sein“
Den nächsten Tag geht es weiter zu Fuß über Felder und Streuobstwiesen. Der Weg ist nicht einfach zu finden, viele Markierungen fehlen. In einem nebligen Bergwald laufe ich drei Stunden im Kreis. Seit Eröffnung der Route im Jahr 2007 wurde der Weg nicht mehr gepflegt. Die letzte Etappe führt durch den 300 Meter tiefen Karkar-Canyon in die oberhalb liegende alte Festungsstadt Shoushi. Im Krieg verwendete die aserbaidschanische Armee die Stadt als Stützpunkt, daher wurde sie im Krieg besonders hart getroffen. Die verbliebenen Bewohner konnten ihre Häuser bisher nur provisorisch instand setzen. Und doch soll es hier etwas ganz Besonderes geben: den einzigen Golfplatz Berg-Karabachs, angelegt von einem alten belgischen Arzt mit regionalen Wurzeln.
Ich bin mit dem 64-jährigen Hratschik verabredet, einem Freund des belgischen Arztes. Er trägt einen Streifenanzug, eine lederne Schiebermütze und über der Schulter eine alte Golftasche mit drei Schlägern. Vor einigen Jahren, erzählt er mir, kaufte der belgische Arzt ein Stück Weideland in der Nähe der Klippen, um dort Golf zu spielen. Im Gelände angekommen ist nichts von einem Golfplatz zu sehen - nur zwei grasende Kuhherden. Umso berauschender ist die Aussicht auf den Canyon, den ich am Tag zuvor durchwandert habe. Hratschik beginnt mit seinen Händen, die Grasnarbe von einem großen Stein zu entfernen. Es erscheinen Schriftzeichen, die in dieser Umgebung wie Hieroglyphen wirken: Abschlag 6,80 Meter, Par 4 - die Grunddaten eines Golfkurses; neun dieser Steine gibt es auf dem Feld. Hratschik stellt sich mit den Hacken an den Stein und schreitet feierlich 80 Meter ab. Mit der Hand weist er mir die Schlagrichtung. Ein wenig mache ich mir um die grasenden Kühe Sorgen, doch ich habe Glück und treffe den Ball voll.
Von Shoushi bringt mich ein Taxi in die Hauptstadt Stepanakert. Zu meiner Überraschung ertönt aus dem Autoradio ein aserbaidschanischer Sender. Die Stimme der Sängerin schluchzt und wimmert, als ob sie die verlorene Heimat beklagen würde. Meinen Fahrer Karlen - seine Eltern formten den Namen aus Karl Marx und Lenin - lässt die Musik nicht kalt. „Ich höre gern diese Musik“, sagt der 56-Jährige. „Sie erinnert mich an meine alten aserbaidschanischen Freunde.“ Und: „Wir werden nie wieder Teil Aserbaidschans sein“, sagt Karlen nachdenklich, „aber ich hoffe, dass wir eines Tages wieder friedlich nebeneinander leben können.“
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