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Berggorillas in Ruanda
Dian Fosseys Erbinnen

Für viele ist die Forscherin Dian Fossey eine Heldin. Ohne sie hätte es nie eine Annäherung zwischen Mensch und Gorilla gegeben. Foto: shutterstock/karenfoleyphotography
Für viele ist die Forscherin Dian Fossey eine Heldin. Ohne sie hätte es nie eine Annäherung zwischen Mensch und Gorilla gegeben. Foto: shutterstock/karenfoleyphotography

Der Nebel hält den Bergwald fest umschlossen. Die Silhouetten der Virunga-Vulkane sind schon am frühen Morgen hinter dichten Wolkenschwaden verschwunden. Im Dunst lassen sich die Umrisse der Baumriesen  nur erahnen. Ihre von Bartflechten und Schlingpflanzen überwucherten Äste greifen ins Nichts.

So wird das Wetter in Ruanda

„Nur nicht vom Wetter schrecken lassen“, sagt Jolie Mukiza, „das ändert sich hier manchmal stündlich.“ Die junge Naturführerin steht in ihren Gummistiefeln bis fast zum Rand im Schlamm. Gemeinsam mit ihrer Wandergruppe ist sie unterwegs auf dem Dian-Fossey-Weg in Ruandas Vulkan-Nationalpark. Der Pfad war einst der Heimweg der weltbekannten amerikanischen Primatologin zu ihren Schützlingen in den Bergen an der Grenze zu Uganda und dem damaligen Zaire. „Die Einheimischen hielten sie erst für verrückt“, sagt Mukiza. Ein Mensch – noch dazu eine weiße Frau – die allein unter den Gorillas leben wollte? So etwas schien 1967 ausgeschlossen und überaus gefährlich. Die Ruander nannten Fossey ehrfurchtsvoll Nyiramachabelli – die Frau, die allein auf dem Berg lebt.

Den Berggorillas ganz nah

Urplötzlich steht ein Berggorilla am Wegrand, als habe ihn jemand als Türsteher im Nebelwald angestellt. Der zottelige Silberrücken beäugt misstrauisch die Touristen, die zum Grab der berühmten Zoologin pilgern. Die Gruppe hält den Atem an. Unmissverständlich hebt der Gorilla die Schultern und stellt seine mächtigen Muskeln zur Schau. Aufgerichtet würde er die Wanderer allesamt an Größe übertreffen. Mit der schieren Kraft seiner Arme könnte er sie wohl in Stücke zerreißen. Aber die Gorillas im Nebel sind sanfte Wesen. „Keine Angst! Er ist ein Nachfahre der Tiere, die Fossey erforschte“, sagt Mukiza ruhig. „Heute gibt es hier im Umkreis sieben an Menschen gewöhnte Gruppen.“ Der Muskelmann ist schnell wieder im Unterholz verschwunden.

Zum ersten Mal hatte Fossey die Berggorillas 1963 in Uganda zu Gesicht bekommen. Die Begegnung mit den Menschenaffen sollte nicht nur ihr Leben, sondern auch die Geschichte des Artenschutzes und der Verhaltensforschung prägen. Am 24. September 1967 gründete sie die Karisoke-Forschungsstation auf der ruandischen Seite der Virunga-Vulkane. Ihren Namen setzte sie aus den beiden ersten und letzten Silben der benachbarten Vulkane Karisimbi und Visoke zusammen. Über Jahre näherte sich die Verhaltensforscherin den Tieren in endloser Geduld, studierte ihre Kommunikation und ihr Sozialleben. Sie war der erste Mensch überhaupt, der wilden Gorillas so nahe kam. Viel von dem, was die Forschung heute über die Tiere weiß, geht auf Fosseys Studien zurück.

Fosseys Ermordung wurde nie aufgeklärt

Von der ersten Hütte, in die die Primatologin zunächst einzog, sind nur noch die Fundamente erkennbar. Darüber rumort ein Bienenvolk im Blätterdach eines Urwaldbaums. „Besser Abstand halten!“, empfiehlt Mukiza. Später richtete sich Fossey etwas oberhalb eine neue Unterkunft ein. Hier fanden Mitarbeiter am 27. Dezember 1985, kurz vor ihrem 54. Geburtstag, den leblosen, mit einer Majete niedergestreckten Körper der Forscherin neben ihrem Bett.

„Bis heute weiß man nicht, wer sie ermordet hat“, sagt Mukiza. „Ich selbst glaube, dass es Wilderer waren“. Bis zu ihrem Tod kämpfte Fossey gegen Tierfänger, die junge Gorillas an Zoos verkauften und aus Körperteilen ihrer Eltern und Geschwister Souvenirs für skrupellose Touristen herstellten. Fossey machte sich auch Jäger zum Feind, die es auf die Büffel und Antilopen abgesehen hatten. Deren Fallen wurden auch immer wieder für die Menschenaffen zur Todesgefahr. „Noch heute finden die Ranger manchmal welche“, erklärt Mukiza, „aber glücklicherweise haben wir seit Jahren keine Gorillas mehr an Wilderer verloren.“

Als Dian Fossey ihre Forschung begann, standen die Berggorillas noch am Rand des Aussterbens. Mukiza führt ihre Wandergruppe zum Grab der Forscherin. Auf einer kleinen Lichtung im Urwald ist neben dem Gorillafriedhof von Karisoke eine einfache Gedenktafel für die Primatologin angebracht. Darum wuchert das üppige Grün des Nebelwalds. „Niemand liebte die Gorillas mehr“ steht darauf geschrieben. Neben ihr liegt Digit, das Gorillamännchen, dessen Vertrauen Fossey als erstem seiner Gruppe gewann. Fotos der beiden, die National Geographic veröffentlichte, zeigen die beiden, wie sie engumschlungen im Wald tollen. Digit wurde 1977 von Wilderern umgebracht. „Dass sie ihn getötet haben, war für mich vermutlich das traurigste Ereignis in all den Jahren“, schrieb sie später. „Digit war ein Liebling unter den von mir studierten Gorillas. Ich habe mich nicht geschämt, ihn meinen geliebten Digit zu nennen.“

Fosseys Erbinnen setzen den Kamp fort

Nach Digits Tod setzte Fossey ihren Kampf gegen Wilderer mit zunehmender Härte fort. „Für mich ist sie eine Heldin“, sagt Mukiza, „ohne sie hätte es nie eine Annäherung zwischen Mensch und Gorilla gegeben.“ Als Kind sah Mukiza zum ersten Mal den Film „Gorillas im Nebel“ mit Sigourney Weaver in der Rolle von Dian Fossey. Mit 19 Jahren war sie die jüngste Frau, die als Guide ihre Arbeit im Nationalpark begann – noch immer ist Mukiza eine der wenigen Naturführerinnen in einer traditionellen Männerdomäne. „Aber das ändert sich langsam“, sagt die 26-jährige.

„Ich wünschte, Dian Fossey könnte den enormen Erfolg ihrer Schutzbemühungen heute selbst sehen“, sagt Winnie Eckardt, „ihr ist es zu verdanken, dass die Berggorillas die einzigen Menschenaffen der Erde sind, deren Population wächst.“ Die Leipziger Primatologin ist gerade von einem Einsatz in den Virunga-Vulkanen zurück. Gemeinsam mit ruandischen Studierenden erfasst sie Daten über verschiedene Gorillagruppen im Nationalpark. Ihr Büro hat sie in einem schlichten Gebäude im geschäftigen Städtchen Ruhengeri etwas außerhalb der Parkgrenzen. Die Dian- Fossey-Gorilla-Stiftung richtete hier ihr Hauptquartier ein, nachdem die Karisoke-Forschungsstation im Nationalpark in Folge des Bürgerkriegs aufgegeben wurde. Gerade erinnert dort eine Ausstellung an die 50-jährige Erforschung der Berggorillas.

Der Kampf ist noch nicht gewonnen

„Wir haben einiges erreicht“, sagt Eckardt, „aber es gibt noch immer viel zu tun.“ Der Druck durch eine wachsende Bevölkerung, die Gefahr durch eingeschleppte Krankheiten und der Einfluss von Klimaschwankungen auf das Nahrungsangebot der Berggorillas machen die kleinen Populationen der Tiere weiter verwundbar. Trotz allem blickt die Forscherin aber optimistisch in die Zukunft.

„Die Ruander sind sehr stolz auf ihre Gorillas und wissen um den Wert der Tiere“, sagt Eckardt, „ihre Gesundheit und ihre Wanderbewegungen werden streng überwacht, so dass Wilderei praktisch nicht mehr vorkommt.“

Gibt es nach 50-jähriger Forschungsgeschichte überhaupt noch Wesentliches über die Berggorillas zu entdecken? Eckardt lächelt. „Oh ja, ich lerne noch immer bei jeder Begegnung etwas Neues.“

Win Schumacher, vom 10.10.2017 12:33 Uhr
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