Australien
Ein Strand so weiß wie Schnee

Der Aussichtspunkt am Great Ocean Drive im westlichen Australien. Foto: shutterstock/ian woolcock
Der Aussichtspunkt am Great Ocean Drive im westlichen Australien. Foto: shutterstock/ian woolcock

Man nehme: ein braunes, unscheinbares Hinweispfeil-Blechschild, schreibe mit weißer Schrift eine Straßen-Nummer und „Great Ocean Drive“ drauf – fertig ist die perfekte Tarnung, und zwar für eine der schönsten Touristenattraktionen Westaustraliens. Denn wer würde angesichts dieses vor zwei Rohrhalterungen getackerten 08/15-Wegweisers eine gut 20 Kilometer lange Perlenkette von Traumbuchten vermuten?

So wird das Wetter

Sie liegen nur wenige Kurven entfernt an Esperances Panorama-Küstenstraße, der Twilight Beach Road, nirgendwo verbaut durch Hochkant-Hoteltresore mit Urlauberschließfächern oder darmartig ineinander verschlungene Wasserrutschen. Zum West Beach, der ersten Bucht, führt eine lange Holztreppe wie ein Laufsteg durch die Dünen hinunter zur beigen Sandsichel, die das türkise, von weißen Brecherwellen aufgeschäumte Wasser umsäumt. Eine Art Natur-Whirlpool für die Einheimischen. Sie parken hier oder über den benachbarten Buchten Blue Haven, Salmon Beach, Fourth Beach oder Twilight Beach für kurze Zeit oben an der Dünenkante, springen unten in die Fluten und fahren wieder nach Hause. Ansonsten sind diese Postkartenstrände menschenleer, mal abgesehen von ein paar Hobbyfischern.

Fischhäute anstatt Leder

Der Great Ocean Drive führt in einer 40-Kilometer-Schleife zurück ins Zen­trum von Esperance. Auf dem Weg in die 10 000-Einwohner-Stadt liegt im Indus­triegebiet eine der erstaunlichsten Geschäftsideen des Kontinents: Mermaid Leather, Australiens einzige Manufaktur, die aus Fischhäuten hochwertige Handtaschen, Portemonnaies und jede Menge Accessoires kreiert. Kaum durch die Tür der hellblauen Wellblechhalle eingetreten, steht man inmitten einer – ja, völlig geruchsfreien Welt aus Glasvitrinen mit Ausstellungsstücken à la Edel-Leder-Boutique, umgeben von herumliegenden, nicht bearbeiteten, aber schon in unterschiedlichen, erdigen Tönen gefärbten Fischhäuten.

Hinter der Kasse schießt Andy MacDermott hervor und erzählt, wie er die Firma aus einer fixen Grillparty-Idee heraus mit seinem Bruder zusammen aufgebaut hat. Heute benötigen sie 10 000 Fischhäute pro Jahr – vom Schnapper über Riesenseebarsche und Lachse bis hin zu Haien. Ihre Häute, die in umliegenden Fischfabriken sonst im Abfall landen würden, verarbeiten die MacDermott-Brüder sechs Wochen lang in einem siebenstufigen Prozess, bis Geruch und sämtliche Gräten raus sind und das sehr strapazierfähige Material beispielsweise in eine edle Hai-Handtasche verwandelt werden kann.

Ein Strand so weiß wie Schnee

Doch zu nationaler Berühmtheit hat Esperance es nicht mit diesen beiden erfinderischen „Fisch-Macs“ geschafft, sondern eher unfreiwillig – weil ein australischer Badeort eine Spur zu keck war. Und das kam so: Hyams Beach an der Ostküste behauptete einfach mal so, weltweit den weißesten Strand zu haben. Was gleich diverse australische Strandorte widersprechen ließ. Also bot sich das nationale Landwirtschaftsministerium als Schlichter an, ließ sich Sandproben aus dem ganzen Land schicken, untersuchte diese und kürte den Strandsand aus Lucky Bay als den weißesten. Diese sichelförmige Bucht mit schneefarbenem Sand liegt gut 60 Kilometer südöstlich von Esperance im Cape-Le-Grand-Nationalpark.

Hier leben sozusagen die Gewinner des „Star Search“ für die Werbekampagne von Western Australia Tourismus: Millie und Bent Toe. Diese beiden Western-Grey-Kängurus dösen täglich am Lucky-Bay-Strand in der Sonne und schafften es dermaßen laid back ins Werbevideo für Westaustralien. Millie bleibt immer ganz nahe bei einem dritten Känguru, ihrem Nachwuchs. „Das Kleine hat noch keinen Namen“, sagt Doc Reynolds, der jeden Tag mit seinem hellblauen Snack-Wagen Lucky Bean Cafe hier steht und – mit Blick auf die Tiere – den Kangacino erfand: einen Cappuccino mit Schokobällchen drin, der Renner bei seiner Kundschaft.

Die Känguru-Stars vom weißen Strand

Ebenso umlagert wie sein Imbiss sind meistens auch die beiden Kängurus. Denn Millie und Bent Toe (benannt nach seinem einst gebrochenen Fuß) lassen sich geduldig streicheln und stundenlang von im Sand fläzenden Besuchern auf Selfies bannen. „Wenn die wüssten, was sie an Foto- und Filmgagen kassieren könnten“, sagt Doc Reynolds, „aber hier in der Lucky Bay zählt Geld nicht – hier reicht es, an einem der wundervollsten Plätze der Welt zu sein.“

Stephan Brünjes, vom 09.10.2017 09:02 Uhr
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