24-Stunden-Volkslauf
Inzell: Dieser Weg wird kein leichter sein

Die Spannung ist beinahe mit Händen zu greifen: Jetzt geht es los beim diesjährigen 24-Stunden-Wandern. Start und Ziel sind im bayerischen Inzell. Ob unsere Autorin Claudia Schuh die Strapaze durchgehalten hat, lesen Sie im Text. In der Bildergalerie gibt"s die schönsten Impressionen von der Veranstaltung, die 444 Teilnehmer an ihre Grenzen bringt. Foto: Claudia Schuh
Die Spannung ist beinahe mit Händen zu greifen: Jetzt geht es los beim diesjährigen 24-Stunden-Wandern. Start und Ziel sind im bayerischen Inzell. Ob unsere Autorin Claudia Schuh die Strapaze durchgehalten hat, lesen Sie im Text. In der Bildergalerie gibt's die schönsten Impressionen von der Veranstaltung, die 444 Teilnehmer an ihre Grenzen bringt.Foto: Claudia Schuh

Als wir den Aufstieg zum Himmel erreichen, steht schon die Sonne tief. Ich lege den Kopf in den Nacken, sehe diese irre lange, steil nach oben führende Treppe und muss plötzlich an Xavier Naidoos Liedzeile denken: „Dieser Weg wird kein leichter sein.“ Noch mehr Schweißperlen sammeln sich unter der ohnehin schon durchgeschwitzten Schirmmütze. 444 Stufen! Kruzifix! Kirchturmhoch! Nach 2000 zurückgelegten Höhenmetern und 30 Kilometern bei schwülwarmen 29 Grad ist jedes Fußanheben beschwerlich, wo doch der Wanderschuh schon eine Weile so höllisch drückt. Und dann gleich 444 Stufen. Egal. Hilft alles nichts. Ein flaches Höllental ist nicht in Sichtweite. Und nur über die Holztreppe, die „Himmelsleiter“ heißt und hinter der Weißbachschlucht im Berchtesgadener Land liegt, geht es wieder zurück nach Inzell. Dem Ausgangspunkt der ersten Wanderung. Wo eine dampfende Mahlzeit wartet, eine Massage und die Hoffnung vielleicht wieder aufkeimt, dass nach einer kurzen Rast der Basen-Haushalt der übersäuerten Muskeln wieder ins Gleichgewicht kommt.

Elf Stunden sind geschafft - 13 liegen noch vor uns

Es ist kurz vor 19 Uhr. Zwar liegen bereits elf Stunden Wanderungen hinter uns, aber auch noch 13 vor uns. Denn das ist das Konzept der 24-Stunden-Wanderung, das die Bayern Tourismus GmbH seit mehreren Jahren immer zur Zeit der Sommersonnwende veranstaltet. Gewandert wird einen kompletten Tag – und soweit es die Fitness der Teilnehmer zulässt – auch die komplette Nacht. Und das immer in drei Etappen, die zusammen gerechnet insgesamt 70 Kilometer messen. Dieses Jahr führte die Tour rund um Inzell durch das Chiemgau und das Berchtesgadener Land, also erstmals durch zwei alpine Regionen. In den Jahren davor durchstreiften die Wanderer die Mittelgebirgsregionen Oberpfalz, Bayerischer Wald und Frankenwald – mit deutlich weniger Höhenmetern. Testen, wie weit die eigenen Füße tragen Aber egal welches Eck in Bayern durchwandert wird: Der Run auf die Tickets ist jedes Mal wieder immens. Der Wandertag mit anschließender Wandernacht sind längt Kult.

Dieses Jahr konnten erneut am 4. April nachts um 4.44 Uhr 444 Tickets für 69 Euro erworben werden. 2011 waren alle Startplätze bereits nach sechs Minuten weg. Diesmal ging es fairer zu: Aus rund 1500 Anmeldungen wurden die Teilnehmer ausgelost. Sie waren zwischen 17 und 75 Jahren und in der Regal Normalsportliche, die ab und an mal auf den Berg gehen, aber keine Freaks sind. Alle in der Absicht vereint: Mal zu testen, wie weit die eigenen Füße tragen.

Bei den „24 h von Bayern“ gibt es kein Leistungsdenken, kein Erster, Zweiter, Dritter. Wer irgendwann nicht mehr kann, hört auf. Steigt in den Bus und geht schlafen. Als der Startschuss fällt, kurz nach 8 Uhr, denkt aber erst mal keiner ans Aufhören, sondern ans Durchhalten. Die örtliche Blaskapelle schickt die Wanderer mit einem Liedchen beschwingt auf die Reise. Das erste Teilstück ist schmal, es kommt zu Fußgängerstaus. So trotten fast 500 berucksackte Menschen – auch einige Vierbeiner hecheln mit – im Trippelschritt hintereinander her. Manch’ Ungeübter ist über den langsamen Aufstieg auf die Kohleralm nicht böse. Wer kurz vorher noch beim Aufstieg schnaufe (immerhin 800 Höhenmeter), warf sich, oben angelangt, erst Mal beglückt ins weiche Gras. Neben grasende Milchkühe, die ungerührt hinnahmen, dass fast 500 Menschen mit Teleskopstöcken und Rucksäcken sich auf ihrer Fresswiese breitmachen.

Der Ausblick auf 1500 Meter Höhe: Sensationell! „Ich möchte am liebsten hier bleiben“, sagt eine ältere Frau aus Stuttgart, die letztes Jahr schon in Bad Steben im Frankenwald dabei war. „Ich sehe so viele bekannte Gesichter vom letzten Jahr, das Wetter so toll, ich kann es nicht fassen, wie schön es hier ist.“ Die Schwäbin schaut Richtung Postkarten-Idyll: Über den Almwiesen strahlt der Himmel bayerisch blau-weiß und im Hintergrund gibt sich der schneegekrönte Gipfel des Watzmann ziemlich Ludwig-II-mäßig.

Der Schlafentzug zehrt an den Kräften

„Beim normalen Marathon ist nach vier Stunden alles vorbei“ Eine der Teilnehmerinnen, Mandy, 31, ist extra aus Berlin angereist. Sie liebt Sport, wie sie erzählt und das Auspowern. Sie läuft Marathon, demnächst auch wieder im September in Berlin. „Aber dann ist es nach 4 Stunden und 10 Minuten für mich um. Ich bin gespannt, wie ich mit dem Schlafentzug und der Müdigkeit zurechtkomme und den 24 Stunden,“ sagt sie und lächelt. „So etwas wie hier habe ich noch nie gemacht.“ Dann mümmelt sie am frischen Brot, dem Käse und dem Landjäger, den es auf der Alm gibt und nutzt die kurze Rast um sich einzucremen. Die Höhensonne macht sich bemerkbar. Insgesamt rund 30 Mitmach- und Erlebnisstationen begegnen den Wanderern entlang des Weges, bei denen ihnen neben Verpflegung von Programmpunkten wie Deicheln bohren bis zum Melken einiges geboten wurde.

Auch die Bundeswehr ist im Einsatz – bei ihrer Feldküche am Mittag schaufelt sie den hungrigen Wanderern ordentlich Nudeln auf die Teller. Und sie müssen einmal mit Pferden ausrücken, um einen verletzten Teilnehmer ins Tal zu bringen. Er war umgeknickt und hatte sich die Bänder gerissen. Im Hintergrund leisten die Helfer organisatorische Höchstleistungen: Im Vorfeld wurden die eigens zusammengestellten Routen getestet und mit 950 Schilder ausgestattet. Mehr als 3000 Liter Wasser werden ausgegeben, 2000 Äpfel und Bananen und 3500 Mahlzeiten. Zehn bis elf Stunden nach Start sind fast alle Wanderer wieder zurück am Ausgangsort. Sie haben rund 2000 Höhenmeter und mehr als 30 Kilometer zurückgelegt.

Über 15 Kilometer geht es in der Dämmerung durchs Moor

Die zweite Tour führt über 15 Kilometer in der Dämmerung ins Moor. Die Sonne verneigt sich rot über den Gipfeln, am Berg leuchten Sonnenwendfeuer. Wer noch Kraft hat, nimmt jetzt um Mitternacht noch die Nachtstrecke über 24 Kilometer in Angriff - mit noch einmal stolzen 900 Höhenmetern. Zu dieser Zeit liege ich bereits in meinem Bett. Meine Füße: gefühlte 103 Jahre alt. Geschwollen. Nicht mehr bereit irgendwas für mich zu tun. In der Früh, am Wanderparkplatz, sitzen wir wieder zusammen: Die ankommenden Wanderer, darunter auch Mandy aus Berlin, die die 24 Stunden tapfer durchgelaufen ist und lapidar sagt: „die letzten drei Stunden haben sich dann doch etwas gezogen und die Blasen geschmerzt“.

Andere sind völlig geschwächt von den körperlichen Strapazen – durch die vielen Kilometer und Höhenmeter, durch die Hitze am Tag davor und den Schlafenentzug. Zugleich überglücklich. Sie alle wissen: Sie können stolz sein auf sich. Das Gefühl kann ihnen niemand nehmen. Warum das alles? Wer einmal mit lief, fragt das nicht. Es ist meine drittes Mal infolge. 2010 und 2011 bin ich die Nacht komplett durchgewandert. Dieses Jahr musste ich irgendwann abbrechen. Die Hitze, die vielen Höhenmeter. Es war zu viel. Nicht mein Tag. Rien ne va plus.

"Zuhause ziehen sie jetzt die Rolläden hoch"

Dennoch freue ich mich schon auf „24 h von Bayern 2013“, dann in Füssen im Allgäu. Darauf, wieder der Natur zuzuhören. Auf Gespräche mit Menschen, die mir fremd sein müssten, es aber nicht sind, weil sie die Berge, das Wandern mögen wie ich. Begegnungen. Morgenandacht. Heiße Suppe, die von innen wärmt und Feuer von außen. Auf verständnisvolle Leidensgenossen. Die sorgende Frage: „Und, geht’s noch?“ Lachen und Fluchen. Auf saftige Wiesen, Berge, den Duft von frischem Gras. Auf Bergseen, wo man verschwitztes Gesicht und Arme kühlen kann. Auf den Moment am Morgen, wo man die Stirnlampe ausknipst.

Wenn der Kirchturm schlägt, und man denkt: Daheim ziehen sie jetzt die Rollläden hoch. Der Tag erwacht. Und man selbst fand keinen Schlaf. Besser. Man hätte sonst was verpasst. Dieses Jahr habe ich mich irgendwann aber nur auf den Besenwagen gefreut, der mich zurückbrachte, und auf mein Bett. Ich gestehe. Der Weg war kein leichter. Der Richtung Himmel schon gar nicht.

Info: Füssen im Allgäu ist der Austragungsort der "24 Stunden von Bayern" 2013 www.24h-von-bayern.de

Claudia Schuh, vom 22.06.2012 09:48 Uhr
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